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Das jüdische Echo · 1927-11-04 · 44 (4.11.1927) · p. Seite 723

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
44 (4.11.1927)
Date
1927-11-04
Page
Seite 723 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 723 General Motors Automobile LORIN/ER & CO NymphenburgerStraße128 / Telephon 61836 Chevrolet Oakland La Salle Tränen aus; es ist dies das erstemal in diesem Prozeß, daß der Angeklagte weint. Zur Jury gewendet schreit die Zeugin Grinberg: „Unmöglich ist es, unseren Leiden in Worten Ausdruck zu geben!“ Nachdem sie sich beruhigt hatte, beginnt die Zeugin mit einer zusammenhängenden Schilderung der Vorgänge am Schreckenstage und erzählt, drei Tage nach dem Pogrom war Petljura nach Proskurow gekommen und weilte im Quartier seines Unterführers Semasenko, der den Pogrom organisiert hatte. Eine Abordnung der jüdischen Bürger von Proskurow, die am Leben geblieben sind, begab sich zu Petljura, dieser aber wies die jüdische Deputation a b. Dabei äußerte Semasenko, man soll wegen der paar ge töteten Juden nicht so viel Wesens machen. Dabei waren am ersten Pogromtage nicht weniger als 1600 Tote gezählt worden, unter ihnen zahlreiche Greise, Frauen und Kinder. Semasenko hatte zunächst 300 000 Rubel von den Juden als Kontribution eingezogen und dann den Pogrom gemacht. Er berichtete später, er hoffe auf eine Belohnung für seine Tat. Er selbst trieb die jüdische Abordnung, die Petljura nicht empfangen wollte, auseinander, und als man ihn fragte, was die kleinen Kinder verbrochen hatten, daß man sie abschlachtete, erwiderte er, es werden so weniger Bolschewisten aufwachsen. Die Zeugin schildert im einzelnen die grauenvollen Verwundungen der in das Krankenhaus gebrachten Schwerverletzten. Da waren Kinder mit durchstochenen Leibern und Mütter mit abgeschnittenen Brüsten. Campinchi erklärt, Zeugen wie Fräulein Grinberg seien überflüssig, man könne Hunderte vor Gericht bringen, da ja die Tatsache der Pogrome von niemand geleugnet werde. Die Frage ist nur, ob Petljura der Schuldige war, und diese Frage ist nicht beantwortet und wird auch nicht beantwortet werden. Die Zeugin Grinberg stellt demgegenüber fest, daß nicht allein die Juden, sondern auch die Christen Proskurows Petljura für den Schuldigen halten. Nachdem auch der berühmte russische Advokat S 1 i o s b e r g die Schuld Petljuras bezeugt, wurde Herr Wladimir T e m k i n vernommen, der der allrussischen konstituierenden Versammlung angehörte, Präsident des jüdisch-nationalen Sekretariats in Kiew, Stadtpräsident von Jelisawetgrad und Vorsitzender der dortigen jüdischen Gemeinde war. Er ist in der Ukraine geboren und erzogen, spricht sehr gut ukrainisch und bekennt sich als Anhänger der ukrainischen nationalen Befreiungsbewegung. Ich habe, sagt der Zeuge, alles in der Ukraine miterlebt und weiß, daß Petljura für die Pogrome verantwortlich ist. Ich bin 64 Jahre alt, fährt Wladimir Temkin fort, stehe schon an der Schwelle des Grabes. Ich werde auf keinen Menschen einen falschen Verdacht lenken. Und so beschwöre ich: Die Verantwortung für die Pogrome trägt ein Mensch namens Petljura. Der Name „Petljura“ gab den Pogromen den Stempel. Ich persönlich habe im Dezember 1918 als Vertreter des jüdisch-nationalen Sekretariats das ukrainische Direktorium bei seinem Eintreffen in Kiew begrüßt. Das gleiche taten andere jüdische Institutionen. Aber schon nach wenigen Tagen Direktoriumsherrschaft trafen Nachrichten über grauenvolle Pogrome ein. Ich besuchte den damaligen Vorsitzenden des Direktoriums Winitschenko. Petljura war damals Mitglied des Direktoriums und oberster Befehlshaber. Winitschenko erklärte, es lägen noch keine Nachrichten vor. Am nächsten Tage besuchte ich Winitschenko in Begleitung von Dr. Schwarzmann und unterbreitete ihm genaue Materialien über den Pogrom in Bachmatsch, der durch Ataman Angel veranstaltet worden war. Winitschenko erklärte, er habe schon selbst Nachrichten, der Befehl zur Erschießung Angels sei erteilt, worden, und gewiß ist er bereits hingerichtet. Das stellte sich als unrichtig heraus. Angel durfte seine Divisionweiter befehligen, nicht einmal eine Verwarnung wurde ihm erteilt. Kurz darauf, erzählt Temkin weiter, wurde in Berditschew durch Ataman P a 1 i e n k o ein furchtbarer Pogrom durchgeführt. Wir unterbreiteten hierüber ein ausführliches Memorandum und forderten Gegenmaßnahmen. Winitschenko versprach, sein Möglichstes zu tun und riet uns, mit Kolovaletz, dem Kommandierenden des Kiewer Rayons, zu sprechen. Kolovaletz, dem engsten Stab Petljuras angehörend, erwiderte, er könne nicht viel tun, es fehle der Armee an dem notwendigsten, deshalb nehme sie vieles von der Bevölkerung, Polen wie Juden. Wir wiesen darauf hin, daß nur Juden ermordet und ausgeraubt werden. Kolovaletz erwiderte nichts. Es herrschten in der Ukraine zwei Richtungen. Die zivile Macht unter Winitschenko wollte den Pogromen entgegenwirken. Allein die Militärmacht, die es in ihre Hand hatte, Pogrome zu verhindern, unternahm nichts, im Gegenteil, sie ermunterte die Pogromführer, indem sie sie zum Teil beförderte. An der Spitze der Militärmacht aber stand Petljura. Als dieser dann auch die zivile Macht in Händen hatte, da mußten die ukrainischen Juden jede Hoffnung begraben. Nach dem Berditschewer Pogrom, erzählt Temkin, begab sich eine Abordnung zu Petljura, der auch ukrainische Persönlichkeiten wie Nikovsky, Matuschewitsch, Senator Viaslov und Professor Florinsky angehörten. Petljura verhielt sich schweigsam. Winitschenko versprach die Einsetzung einer Untersuchungskommission; diese kam aber nie zustande. Es wurde aber eine Deklaration gegen die Pogrome erlassen, die im ersten Teil einen energischen Ton anschlug, aber im zweiten Teil gegen die Juden die Beschuldigung erhob, sie seien Bolschewisten. Die Soldaten aber wußten, daß man Bolschewisten straflos töten könne, ja töten müsse. So hatte diese Proklamation eine die Pogrombewegung noch verschärfende Wirkung. In der Nationalversammlung haben wir gegen den Ton dieser Deklaration Protest erhoben, es protestierten außer dem jüdischen Ministerium auch die Stadt-Duma und ukrainische Parteien. Die Militär-

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