Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- Seite 722 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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722 Das Jüdische Echo Nr. 44 Das Ende des Schwarzbart-Prozesses Der Freispruch Schwarzbarts kam nicht unerwartet. Wenn er mit großer Freude und einem tiefen Aufatmen von Juden aller Richtungen begrüßt wird, so deute niemand das als Billigung des politischen Mordes. Es ist nur das Gefühl, daß endlich einmal jüdische Leiden eine gerechte Bewertung gefunden haben. In Schwarzbart bäumte sich endlich einmal der seit langer Zeit alle Verfolgungen, alle Oualen erduldende Jude auf und griff in der Verzweiflung zur Selbsthilfe: in der Verzweiflung an der Kulturmenschheit, die das unbeschreibliche Wüten der Horden des Hetmans Petljura zuließ und durch ihr stillschweigendes Geschehenlassen auch guthieß. Ja, Petljura, der lange geachtet, geehrt und ungestört in Paris lebte, wurde sogar als ein kommender politischer Führer betrachtet und anerkannt, trotzdem man um die von seinen Kosaken verübten Massenmorde wußte. Jeder menschlich Empfindende muß begreifen, daß ein Mann wie Schwarzbart, der so unmittelbar von den Pogromen betroffen wurde, schließlich eine Verzweiflungstat begehen mußte. Und die Pariser Geschworenen verstanden es. Sie erlebten erschüttert, daß ein anderer Jude, Jakob Safra, dessen einziger Sohn vor seinen Augen getötet wurde, vor sie trat und verlangte, mit Schwarzbart die Verantwortung zu teilen: Auch er habe beabsichtigt, Petljura zu töten und Schwarzbart sei ihm nur in der Ausführung der Tat zuvorgekommen. Die Pariser Geschworenen mußten daraus erkennen, daß tatsächlich in diesem Fall der Ermordete und nicht der Mörder Schuld und Verantwortung trägt. Der Freispruch Schwarzbarts ist die Verurteilung Petljuras. Vor der ganzen Kulturwelt ist dessen Schuld durch erschütternde Dokumente und einwandfreie Zeugen festgestellt. Moralisch sind Petljura und seine Gefolgsleute gerichtet; auch seine Anhänger waren gezwungen, sich vor dem Pariser Schwurgericht gegen den Judenmord auszusprechen und die Pogrome zu verdammen. Ob sich ein Gericht finden wird, das Verbrecher, wie den General Udowitschenko, der sich im Gerichtssaal die Urheberschaft von Pogromen nachweisen lassen mußte, auch faktisch zur Rechenschaft ziehen wird? Es sieht nicht darnach aus und wir wollen nicht einmal hoffen, daß wieder eine jüdische Verzweiflungstat erfolgt, wie sie im Falle Petljura notwendig war, um die Welt, die gar zu gern vergißt, an diese ungesühnten Greueltaten zu erinnern. Aber sichern müssen wir uns gegen Wiederholungen der Pogrome, die auch heute noch möglich sind, wo nach wie vor starke Kräfte gegen die Juden arbeiten; vereinigen müssen wir uns zum friedlichen Schutze unserer Rechte und als ein organisiertes Volk mit einer organisierten Leitung den anderen gegenübertreten: letzten Endes können nur wir selbst uns helfen. Die jüdischen Zeugenaussagen Nachdem in den ersten fünf Prozeßtagen fast nur von der Anklage geführte Zeugen vernommen wurden, begann man am 24. Oktober nachmittags mit der Vernehmung der ersten jüdischen Zeugen. Herr G r i n b e r g weilte im Jahre 1922 im Aufträge des französischen Roten Kreuzes in der Ukraine und besuchte auch die Stadt Proskurow. Er sprach mit vielen Einwohnern der Stadt, die in den Pogromen ihre nächsten Angehörigen verloren haben und zum Teil selbst von den Mördern verstümmelt wurden. Alle waren überzeugt, daß die Pogrome vom Oberhetman Petljura anbefohlen worden waren. Die Pogrome in Proskurow und Feltschin hießen im Volksmunde nicht anders als „Die Pogrome Petljuras“. Es wird nun der in Paris wohnende frühere Petersburger Advokat Moses Goldstern als Zeuge vernommen. Goldstein war der Vorsitzende der Untersuchungskommission, die nach der Ukraine zur Untersuchung der Hintergründe der Pogrome geschickt worden war. Er weilte in den Jahren 1918 und 1919 in Kiew und unternahm von dort Reisen in die verschiedenen ukrainischen Städte. Der Untersuchungskommission gehörten 24 Rechtsanwälte, zum großen Teil Juden, an. Es wurde eine ganz und gar unparteiische Untersuchung geführt; nicht allein die Pogromgeschädigten, sondern auch allerlei Personen der verschiedenen Bevölkerungsschichten der Ukraine wurden gehört. Als Ergebnis der Untersuchung hat sich bei den Zeugen die Überzeugung festgesetzt, daß die Pogrome von einer einzigen Zentralstelle aus inspiriert und geleitet worden .waren. Da gibt es aber keine andere Möglichkeit, als daß Petljura selbst der Organisator der Pogrome gewesen war. Aus seinem Generalstab stammen die Proklamationen, daß die „Juden- Bolschewisten“ die christliche Religion unterdrücken und den Bauern den Boden nehmen wollen. Bevor Petljura zur Macht kam, gab es keine Pogrome, und als er aus dem Lande vertrieben war, hörten die Pogrome auf. Seine ganze Regierungszeit aber ist gekennzeichnet durch unaufhörliche Judenmassakres. Die Untersuchungskommission hat festgestellt, daß bei den Pogromen, die von Armeeteilen Petljuras veranstaltet wurden, mindestens 50 000 Juden getötet worden sind. Der Advokat Campinchi verliest Aufrufe Petljuras, in denen dieser unter Androhung schwerer Strafen befahl, die Pogrome einzustellen. Der Zeuge Goldstein bekundet, ihm seien die Proklamationen vollkommen neu. In der Ukraine habe er niemals je von ihnen sprechen gehört. Es hieß, daß Petljura, da er nur noch ein Zipfelchen des Landes halten konnte, mit Rücksicht auf das Ausland und in Erwartung ausländischer Unterstützung Proklamationen gegen die Pogrome erlassen habe. Aber diese Proklamationen, deren Verlesung er eben gehört habe, seien nicht frei von versteckter Judenhetze; zwischen den Zeilen seien deutliche Herausforderungen zu spüren. Petljura befolgte den Juden gegenüber stets eine doppelzüngige Politik. Vernommen wird die Medizinstudentin Fräulein G r i n b e r g , die aus Proskurow stammt und Augenzeugin der Pogrome gewesen war. Die Zeugin vermag vor Erregung nicht zu sprechen. Die Bilder aus den Pogromtagen stehen ständig vor ihren Augen, sie kann die schrecklichen Erinnerungen nicht loswerden. Sie beginnt mit einer Schilderung des Schreckenstages von Proskurow, muß aber unterbrechen, indem sie erklärt, es sei einem Mädchen unmöglich, alles zu erzählen. Nach einem abermaligen Versuch, die grauenvollen Vorgänge zu schildern, bricht die Zeugin in krampfhaftes Schluchzen aus. Die Jury und das Publikum scheinen tief bewegt. Der Angeklagte Schwarzbart selbst bricht in