Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- Seite 721 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 44 Das Jüdische Echo 721 Man konnte nicht erwarten, daß die aus einer ungewöhnlich starken und erkämpften Überzeugung kommenden Gedanken Dr. Elks, die das zahlreiche Publikum in Bann schlugen, bei Herrn Dr. Ludwig Wassermann (nicht Herrn Rechtsanwalt Dr. Wassermann, wie wir leider irrtümlich in unserer letzten Nummer berichteten) Verständnis finden würden; man durfte aber annehmen, daß Herr Dr. Wassermann, der als erster Diskussionsredner das Wort ergriff, als liberaler Jude sich bemühen würde, sich mit den aus religiösem Geiste als religiöse Anschauung vorgetragenen Ideen Dr. Elks auf religiöser Basis auseinanderzusetzen. Weit gefehlt. Herr Dr. Wassermann schob vielmehr sofort die Diskussion auf politisches Gebiet, griff den Zionismus an, behauptete. Herr Dr. Elk habe sich ein Bild vom Liberalismus zurecht gezimmert, das der Wirklichkeit in nichts entspreche und berief sich darauf, daß andere Theologen, besonders Dr. Baeck (Berlin) eine ganz andere Meinung vom Liberalismus hätten. Indem Dr. Wassermann ,gegen Rabbiner Dr. Elk polemisierte, lieferte er allerdings den besten Nachweis dafür, daß wirklich der Liberalismus so ist, wie dieser ihn gekennzeichnet hatte, widerspruchsvoll und inkonsequent, oft areligiös und fast immer politisch bestimmt. Nach Herrn Dr. Wassermann entstand der Liberalismus im wesentlichen daraus, daß man aus wirtschaftlichen Gründen die 613 Gebote und Verbote nicht mehr halten konnte; also eigentlich sieht auch er sie noch als verpflichtend an und es geht ihm damit wie jenen liberalen Juden, von denen Dr. Elk erzählte, die zwar selbst nicht rituell leben, dies dafür aber um so energischer von ihrem Rabbiner verlangen. In diesem religiösen Minimalismus, der mit wahrer Religiosität nichts mehr zu tun hat, dessen Konsequenz vielmehr die Eliminierung des Religiösen aus dem Leben überhaupt wäre, steckt vielleicht unbewußt mehr nationales Gefühl, als Herr Dr. Wassermann zugeben möchte; denn warum sollte in der betreffenden Schicht das Gefühl wachbleiben: wir wollen Juden bleiben, auch wenn eine religiöse Verpflichtung irgendwelcher Art nicht mehr oder nur höchst theoretisch anerkannt wird? Jeder Jude, auch der liberale, empfindet eben als selbstverständliche und unumstößliche Wahrheit den Gedanken der Einheit des Judentums. Gerade aus diesem Grunde aber muß es aufs schärfste zurückgewiesen werden, wenn Herr Dr. Wassermann es den Liberalen Münchens als ein besonderes Verdienst anrechnet, daß sie sich im Jahre 1923 für die Ostjuden eingesetzt haben. Es war nicht mehr und nicht weniger als ihre Pflicht, den Unschuldigen, ohne jede Rechtsgrundlage nur wegen ihres Judeseins mit gemeinster Schikane Ver- MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERGER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168 folgten, beizustehen; wir möchten auch nicht annehmen, daß man dafür noch besonderen Dank erwartet habe. Während Dr. Wassermann die Notwendigkeit einer Revision des Liberalismus verneinte, erkannte Dr. Cahnmann, der zweite Diskussionsredner, an, daß eine religiöse Erneuerung das Gebot der Stunde sei. Er glaubt aber nicht, daß sie nur durch und in Palästina erfolgen könne; er ist der Meinung, daß auch in Deutschland die Juden sich zusammentun und sich darauf besinnen müßten, was sie denn als Juden eine, was spezifisch jüdisch sei — nur so könnte die religiöse Erneuerung kommen, nur so könnten die Juden die religiöse Führerstellung, die sie früher eingenommen hätten, wieder zurückgewinnen. In seinem Schlußwort ging Dr. Elk noch einmal auf die ihm gemachten Einwände ein. Er zeigte, daß Dr. Wassermann der jüdischen Lebensfrage, der Frage nach der jüdischen Zukunft nämlich, aus dem Wege gegangen sei und daß er die von Dr. Cahnmann aufgeworfene Frage, worin denn das spezifische Jüdische besteht, durch sein Referat bereits beantwortete habe. Der Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Elk hat vielleicht niemand überrascht; es ist nicht mehr geheimzuhalten, daß innerhalb des Liberalismus bei einer ganzen jungen Rabbinergeneration die Idee der jüdischen nationalen Erneuerung Verbreitung gefunden hat. Überraschend aber war — und dies ist das Wichtige und Bedeutsame an diesem Vortrag sowohl für Zionisten als auch für Liberale —, daß Herrn Dr. Elk der Nachweis nicht nur der Vereinbarkeit, sondern des Aufeinanderangewiesenseins von Zionismus und Liberalismus vom religiös-liberalen Standpunkt aus systematisch gelungen ist. Es wird keinem Liberalen erspart bleiben, sich mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen; der Anstoß, den Dr. Elk zur Fortentwicklung des Liberalismus gegeben hat. wird weiter wirken und zu dem großen Ziel beitragen, das unser aller Sehnsucht ist: der Erneuerung des Judentums. L. KIELLEUTHNER Besichtigen Sie unverbindlich unsere erlesenen Neuheiten Hauptpreislage: Mk. 180.-bis Mk. 250.- Kein Anzug über Mk. 280.- V_J