Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- Seite 720 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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720 Das Jüdische Echo Nr 4i ■Der Rationalismus führt zur religiösen Verflachung; gerade den religiösen Geistern kann der Liberalismus wenig geben; die Entnationalisierung führt zum Ersterben jüdischen Lebens- und Zukunftswillens. Die Loslösung aus einer eigenen Lebenssphäre und die Anpassung an die westeuropäisch-christliche führt zu einer völligen Einflußlos] g'k eit in allen Fragen des öffentlichen und privaten Lebens. Das politische Element dringt vor, der jüdische Liberalismus wird zum Deckmantel areligiöser Bestrebungen, so daß er heute oft mit ihnen geradezu in eins gesetzt wird. Trotzdem hat der alte Liberalismus bedeutsame Leistungen oder wenigstens Ansätze dazu aufzuweisen, die nur wegen seiner verkehrten Grundeinstellung sich nicht auswirken konnten. Wenn wir heute aufs neue das ursprüngliche liberale Problem lösen wollen, dürfen wir an diesen positiven Werten nicht vor übergehen.. Indem der alte Liberalismus den historischen Entwicklungsgedanken auf das Judentum anwandte, hat er erst den Weg zu einer normalen und natürlichen Entwicklung freigemacht. Er hat die Wissenschaft des Judentums ermöglicht, durch die wir uns selbst erst kennenlernten. Wenn er auch die Rationalisierung der Religion zu weit führte, so hat er doch mit aller Kraft auf die allgemeinen und universalen Gedanken des Judentums hingewiesen und viel Schutt der Jahrhunderte beseitigt. In der Loslösung der Religion aus der alten religiösen Kultureinheit liegt der Ansatz zur Scheidung zwischen rein religiösen und rein weltlichen jüdischen Kulturwerten. Nur hätte mit der Erneuerung der Religion gemeinsam die Erneuerung des gesamten jüdischen Lebens vor sich gehen müssen, ein Problem, das damals noch nicht erkannt, geschweige denn zu lösen war. — Der Liberalismus hat uns Juden die Einung von Glauben und Wissen gebracht, er hat das Recht der individuellen Religiosität hervorgehoben, er hat die Frau, und damit eine ungeheure Ouelle jüdischer Energie in das religiöse Leben eingeführt. Höher vielleicht noch sind seine unbewußten Leistungen zu werten, seine Inkonsequenz nämlich, die aus seinem unbewußten Willen zu einem mehr als liberalen Judentum floß. Der Liberalismus hat immer die Einheit des Judentums betont und gefordert, obwohl von einer religiösen Einheit nicht mehr die Rede sein konnte; er hat sich selbst in einer Weise an die Vergangenheit gebunden, die eine prinzipielle, in die Tiefe gehende Reform unmöglich machte. Der Liberalismus wurde das jüdische Reservoir des orthodoxen Kleinstädters und Landjuden, das ihn in der Großstadt vor völliger Entjudung schützte und schließlich hat er als beruhigende Ideologie die dem Judentum Entfremdeten doch vor völligem Abfall und uns damit oft wertvolles Volkskapital erhalten. Freilich, die destruktiven Kräfte sind doch die stärkeren gewesen; all das konnte den Verfall des liberalen Judentums, das heißt aber doch, des ersten großen Versuches, jüdische Religion mit modernem Geiste zu vereinen, nicht aufhalten. Der alte Liberalismus hat das sterbende religiöse Judentum eine Zeitlang vor dem Tode bewahrt, indem es den Todeskampf verlängerte, aber das Ende ist nahe, wenn wir nicht neue Mittel der Heilung finden, — Wir haben heute geistig ein anderes Verhältnis zum Irrationalen oder besser zum Spezifischen in der Religion. So betont der neue Liberalismus, trotz Anerkennung der Entwicklungsidee, gerade die eigenen spezifisch jüdischen Elemente der Religion. Das. Hebräische wird neu gewertet, die Tradition tritt mehr in den Vordergrund. Aber auch das kann die liberale Religion nicht aus ihrer Bedeutungslosigkeit im Leben und aus ihrer unschöpferischen Erstarrung herausreißen. Es gilt, sie wieder in einen lebendigen jüdischen Lebenszusammenhang zu bringen, sie mit den eigenen jüdischen Kulturäußerungen in Verbindung zu setzen. Es gilt, nachdem das Dogma gefallen ist, einen religiös-schöpferischen Untergrund zu schaffen, dem die Religion zum selbstverständlichen Ausdruck seines inneren Lebens wird. Und diese Lösung drängt, weil nicht nur für eine kleine Schicht des westeuropäischen Judentums, sondern für das gesamte Judentum das Problem der Einung der Religion mit modernem Fühlen und Leben brennend geworden ist. — Wir brauchen nicht lange nach der Lösung zu suchen: ein neuer und eigener jüdischer Kulturzusammenhang hat sich gebildet und bildet sich vor unseren Augen, ein eigenes jüdisches Volkstum als Untergrund jeder religiösen Entwicklung entsteht in Palästina. Die nationale Bewegung gibt die Antwort auf die liberale Frage, gibt die Lösung des liberalen Problems. Hier erst, im neuen jüdischen Lebenszusammenhang, kann die jüdische Religion wieder zu einer Lebensmacht werden, können ihre sozialen und politisch-ethischen Ideen sich in die Tat Umsetzern Die großen Ansätze des alten Liberalismus können sich hier auswirken; hier braucht der Liberalismus vor seinen eigenen religiösen Konsequenzen nicht zurückzuschrecken. Aber auch die nationale Bewegung erhält erst volle Bedeutsamkeit durch ihre Verbindung mit diesem neuen Liberalismus. Jede nationale Renaissance ist unvollkommen ohne die Wiedergeburt des religiösen Lebens. Wir sehen heute, wie die nationale Bewegung zwischen der Gefahr der „Klerikalisierung“ und der der religiösen Entfremdung hin und her schwankt. Wenn es gilt, Palästina jüdisch und dennoch im Geiste des 20. Jahrhunderts aufzubauen, so soll der neue Liberalismus dazu helfen. Dieser Liberalismus ist aber auch die Brücke, die Palästina geistig mit der Judenheit der andern Länder verbindet, die ihnen neue Kraft und neue religiöse Impulse vermittelt. Es läßt sich heute noch nicht sagen, wie die jüdische Religion sich im einzelnen entwickeln wird, aber der Weg ist gewiesen, der allein erst lebendige Entwicklung möglich macht. — * * * Adlerwerke vorm. H. Kleyer A.G. 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