Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 44 (4.11.1927)
- Date
- 1927-11-04
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 44 4. November i4. Jahrgang Aufruf zum zehnten Jahrestag der Balfour-Deklaratlon Der 2. November 1917 ist einer der großen Gedenktage der jüdischen Geschichte. Er ist der Tag jener berühmten Deklaration des damaligen englischen Außenministers James Arthur Balfour, worin erklärt wird „daß die britische Regierung die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen betrachtet und alle Anstrengungen machen wird, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern“. Balfours Name unter dieser Deklaration ist nicht nur ein SymboL für die Erfüllung unserer Hoffnungen, Balfour selbst kein zufälliger Vollstrecker unserer historischen Ansprüche: seitdem die Deklaration seinen Namen trägt, ist Lord Balfour zum eifrigsten Interpreten und Verteidiger unserer Sache geworden, in der er nach seinen eigenen Worten „die Wiedergutmachung eines 2000jährigen Unrechts“ erblickt. Daß Lord Balfour mit innerer Anteilnahme das große Werk des Palästina-Aufbaus verfolgt, hat seine Beteiligung an der Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem bewiesen, die er als „einen der großen Merksteine der zukünftigen Laufbahn des jüdischen Volkes“ bezeichnet. Das Direktorium des Keren Kajemeth Lejisrael ist der Ansicht, daß die 10jährige Wiederkehr des Tages der Balfour-Deklaration uns ein willkommener Anlaß sein sollte, dem Schöpfer der Deklaration die höchste Ehrung, über die das jüdische Volk verfügt. die Eintragung in das Goldene Buch des Keren Kajemeth. zu erweisen. Das ganze nationalbewußte Judentum der Welt soll sich an dieser Eintragung beteiligen, an dieser Kundgebung besonderer und seltener Art, von der sich kein Zionist ausschließen wird^ Lord Balfour wird mit besonderer Genugtuung zur Kenntnis nehmen, daß die ihm zugedachte Ehrung zugleich eine unmittelbare Förderung unserer nationalen Heimstätte bedeutet. * * * Wir fordern alle zionistischen Ortsgruppen auf, die von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland vorgeschlagenen Balfour-Feiern durchzuführen und auf das Sorgfältigste vorzubereiten. Wir bitten die Ortsgruppen für die Aufbringung eines möglichst hohen Eintragungsbetrages zu sorgen. Wir hoffen, daß es gelingen wird, eine Summe aufzubringen, die das Recht dazu gibt. Lord Balfour eine Urkunde über die Eintragung seines Namens in das Goldene Buch durch die deutschen Zionisten überreichen zu lassen. Keren Kajemeth Leiisrael Wolisteiner Schwarz Glaser Wandel des Liberalismus Vortrag von Rabbiner Dr. Elk (Stettin) Man muß beim jüdischen Liberalismus, wie bei jeder geschichtlichen Bewegung, zwischen der zugrundeliegenden Idee und ihrer historischen, mehr oder minder geglückten Verwirklichung unterscheiden. Welches ist die Idee des jüdischen Liberalismus? Die geschichtliche Betrachtung gibt die Antwort darauf: Nachdem die Neuzeit die religiöse Kultureinheit gesprengt hat, Religion ^zu einer Kulturäußerung neben vielen andern geworden ist, muß. das Verhältnis der Religion zu Leben und Kultur neu bestimmt werden. Der Liberalismus soll die Frage beantworten: Welche Stellung kann die Religion, nachdem ihr der Offenbarungscharakter genommen ist, im modernen Denken und im modernen Leben einnehmen? Für das Judentum ist das Problem ein besonders schweres: Religion wird nicht nur aus der Einheit des Kulturzusammenhanges losgelöst, sondern diese eigene jüdische Kultur, Recht, Sitte, Wirtschaft usw. wird selbst verneint; die jüdische Religion soll in Verbindung und Beziehung mit ihr ganz fremden Kulturäußerungen gebracht werden. Kommen noch die Probleme der politischen und sozialen Emanzipation hinzu, welche die religiöse Frage allzuoft hinter rein politische Betrachtungen zurückdrängten. An Stelle des Offenbarungsgedankens war der Gedanke der historischen Entwicklung getreten. Dieses Gesetz klärte die Vergangenheit, es sollte den Weg der Gegenwart und der Zukunft weisen, Aber welches war das Ziel dieser Entwicklung, in welcher Weise sollte man sie leiten und beeinflussen? Der Rationalismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts wirkt nach; der alte Liberalismus sah in dem Hervortreten des Allgemeinen, allen Zugänglichen und allen Begreiflichen, im Zurücktreten des Spezifischen den Sinn der Entwicklung und versucht die Religion dementsprechend umzugestalten. Aus demselben Motiv verneinte er die nationalen Elemente der Religion, ihre Verbindung mit den besonderen Lebensbedingungen und Lebenserwartungen des jüdischen Volkes. Dazu trug bei der enge Standpunkt des alten Liberalismus, der das jüdische Problem nur von einer sehr schmalen westeuropäisch-bürgerlichen Warte aus sah. Letztlich aber war dieser ganze Entnationalisierungsprozeß die Folge davon, daß die jüdische Religion notgedrungen aus dem natürlichen Zusammenhang eines alles umfassenden jüdischen Lebens herausgerissen war. — Die Folge war, daß diese Lösung des liberalen Problems zu einem vollständigen Mißerfolg führte.