Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 42 (21.10.1927)
- Date
- 1927-10-21
- Page
- Seite 689 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Das Jüdische Echo 689 Durch die ukrainischen Pogrome ruiniert und völlig verarmt, haben die russischen Juden ihre ökonomische Lage nicht bessern können. Die wenigen Erleichterungen', die die Sowjetregierung gewährte unter dem Druck des Bauerntums waren lediglich zum Nutzen dieser Klasse bestimmt. Ökonomische Interessen der drei Millionen Juden Rußlands wurden dabei gar nicht berücksichtigt. Die Verstaatlichung des Getreide- und Holzhandels, das von der Regierung gestützte Konsumwesen und der große Steuerdruck auf allen Gebieten des Handels haben es den Juden unmöglich gemacht, ihren Handel mit dem Bauerntum trotz dessen erhöhter Kaufkraft zu entwikkeln. Die jüdischen Handwerker sind ruiniert infolge des auf ihnen lastenden Steuerdrucks, der Verteuerung der Rohstoffe und des Kreditmangels. Deshalb waren sie mehr oder weniger direkt zur Krim-Auswanderung gezwungen. Die schwere Lage der jüdischen Kleinstadt hat eine starke Wanderung nach den Hauptstädten, besonders Moskau und Leningrad hervorgerufen und dort entstand infolge des starken Warenmangels im Lande ein illegaler Kettenhandel, an dem sich viele Tausende jüdische Familien notgedrungen beteiligen mußten, da einzig und allein dieser Handel ihnen Existenzmöglichkeiten bot. Häufig wurden die Juden dabei' gefaßt — und kurzerhand in irgendeine weit entfernte Gegend Kirgisiens oder Sibiriens verbannt — als „ökonomische Konterrevolutionäre“. Die Kolonisation in der Krim, oft der russischen Regierung als die große Tat ausgelegt, wird auch nicht überall so optimistisch betrachtet. Der Bericht Dr. Ruppins steht allerdings noch aus und man darf seinen Erfahrungen nicht vorgreifen. Zweifellos ist die Reproduktivierung der Juden eine große Aufgabe, aber es scheint, daß die in der Krim gebotene Lösung doch nicht sehr zur Verwurzelung der Juden beitragen kann, denn in den letzten zwei Jahren hat sich die Zusammensetzung der Siedler bis zu 40 Prozent geändert. Dies beweist, daß ein großer Teil sich nur aus Not zur Krimsiedlung bereit finden ließ und sich sofort wieder dem Handel widmet, wen sich irgenwo eine Gelegenheit bietet. Die politische Lage ist nicht besser als die ökonomische, eher schlechter. Das jüdisch-politische und -gesellschaftliche Leben wird vollständig von der sogenannten „Jewsekzia“, d. h. der jüdischen Sektion der allrussischen kommunistischen Partei beherrscht. Unter den „Zugeständnissen“, die die Sowjetmacht im Jahre 1925 zu machen gezwungen war, war auch die sogenannte „Wiederbelebung“ der örtlichen Sowjets, was eine gewisse Demokratisierung der politischen Diktatur bringen sollte. Demzufolge entstanden in den jüdischen Kleinstädten jüdische Sowjets, die aber unter dem Druck der Jewsekzia und der G. P. U. (ehemalige Tscheka) gewählt, nicht einmal ein Surrogat einer jüdischen Selbstverwaltung bildeten und lediglich als Aushängeschild der Jewsekzia dienten. Die Kontrolle und der Druck der Jewsekzia sind in alle Formen des jüdisch-sozialen Lebens eingedrungen. Die kulturelle Lage des russischen Judentums hat unter dem sozialen und nationalen Niedergang eminent gelitten. Nationale Schulen dürfen nicht existieren, das Hebräische ist de facto eine verbotene Sprache! Die an sich an Zahl sehr geringen Volksschulen werden streng durch die Jewsekzia bewacht und befinden sich in trostlosem Zustand. Nur als Gegenstand des rituellen Kultus ist die Erlernung der hebräischen Sprache für Menschen im Alter von 18 Jahren an erlaubt, d. h. in einem Alter, in welchem das Hebräisch- Lernen mit der Beschuldigung, Zionist zu sein und wiederum mit allen Folgen einer solchen Beschuldigung verfolgt werden kann. Unter * solchen Umständen bietet natürlich die jüdische Jugend: ein breites Feld für die Verbreitung des „Konsomol“ (kommuinistische Jugendorganisation) und der „Jung-Leninci“. Juden, die in Rußland an ihrem Judentum hängen, deren Zionssehnsucht groß ist, und die Versammlungen halten, Zeitschriften herausgeben — auch Propaganda machen — sind fast vogelfrei. Diese Vergehen werden nicht etwa vor Gerichten abgeurteilt —• tausende Fälle sind bekannt und namentlich festgestellt, in denen auf bloße Anschuldigung der G. P. U. völlig unschuldige Leute zu einer der zwei entsetzlichen Strafen verurteilt wurden, die in Rußland bestehen — der „Verbannung“ oder der politischen Isolation. Die zu politischem „Isolator“ Verurteilten werden von ihrer Umgebung völlig abgeschnitten. Einmal oder höchstens zweimal im Jahre ist es ihnen erlaubt, ihre Verwandten auf die Dauer von zwei Stunden zu sehen. In einem' Monat dürfen sie drei Briefe schicken und erhalten. Ein Chaluz schreibt aus Tobolsk: „Mir bleibt eins von den Beiden übrig: Entweder Hungers sterben, oder Selbstmord zu begehen.“ Jede Verständigung der Gefangenen untereinander wird unmöglich gemacht. Manche werden ein ganzes Jahr lang in Einzelhaft gehalten und wenn ein Belagerungszustand über ein Gefängnis verhängt wird, dann L. KIELLEUTHNER Besichtigen Sie unverbindlich unsere erlesenen Neuheiten Hauptpreislage: Mk. 180.-bis Mk. 250 - Kein Anzug über Mk. 280.- V