Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 41 (14.10.1927)
- Date
- 1927-10-14
- Page
- Seite 676 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Das Jüdische Echo Nr. 41 in höflicher und dienstlicher Form das Ersuchen um Angabe des Namens an Herrn G. gerichtet. Herr G. lehnte zunächst die Angabe ab. Erst auf dringliches Zureden gab er an: Landgerichtsrat Gellin, Breslau, Goethestraße 35—37. Da ich dem Polizeibeamten ebenfalls meine Personalien angeben mußte, rief er mir erneut zu, in der Absicht der Beleidigung: „Sie Jude! Schämen Sie sich, Sie Jude! Sie wundern sich, daß ich so auf die Juden schimpfe: Ich bin aus einer jüdischen Familie.“ Ich bemerkte kurz: „An ihnen hat der preußische Justizminister auch keine reine Freude!“ Seine Antwort lautete: „Ich lege keinen Wert auf den Herrn Justizminister!“ Mir erscheint es undenkbar, sehr geehrter Herr Justizminister, daß ein preußischer Richter, der in einer derart unerhörten Weise, ohne von irgend jemandem herausgefordert zu sein, sich im öffentlichen Lokale benimmt und äußert, länger in der Ehrenstellung eines Richters stehen kann ...“ Breslau, 7. Oktober. (JTA.) Landgerichtsrat Gellin, der getaufte Jude, der sich vor kurzem in einem hiesigen Weinlokal scharfer antisemitischer Redeexzesse schuldig gemacht und anwesende Juden beschimpft hatte, ist nunmehr vom Amte suspendiert worden. Aus der jüdischen Welt Friedhofsschändung auch in Frankfurt Frankfurt a. M.„ 9. Oktober. (JTA.) Der Polizeibericht meldet: „Ende vergangener Woche wurde von unbekannten Tätern der alte israelitische Friedhof in der Sofienstraße in gemeiner Weise geschändet und Unfug darauf verübt. Es wurden Grabsteine umgeworfen, demoliert und zerschlagen. Blumen wurden aus den Grabanlagen gerissen und auf Grabsteine Aufschriften wie: Judas Ischariot geschrieben und Hakenkreuze gemalt. Weiter wurden die Wege verunreinigt. Die Ermittlungen nach den Tätern sind im Gange und haben bereits zur Entdeckung der Spuren geführt. Personen, die in der Angelegenheit Mitteilungen machen können, werden ersucht, diese bei der Kriminalpolizei anzuzeigen. Muß ein Jude an jüdischen Feiertagen vor Gericht erscheinen? Breslau, 7. Oktober. (JTA.) Die Breslauer „Jüdische Zeitung“ berichtet: Ein Breslauer Kaufmann bekam für den zweiten Tag des Neujahrfestes eine Ladung als Zeuge vor die Strafkammer des Breslauer Landgerichtes (Landgerichtsrat Kickhefel).. Auf seine Mitteilung, daß er an diesem Tage am Erscheinen aus religiösen Gründen verhindert sei, erging an ihn die Anordnung des Landgerichtsrats Kickhefel, daß er erscheinen müsse. Eine Beschwerde beim Oberlandesgericht wurde als unzulässig verworfen mit der Begründung, daß eine Beschwerde erst gerechtfertigt sei. wenn der Zeuge wegen Nichterscheinens bestraft worden ist. Der Zeuge erschien zur Verhandlung nicht umi wurde vom Gericht mit einer Ordnungsstrafe von RM. 40.— belegt. Die „Jüdische Zeitung“ schreibt dazu: „Man muß sagen, daß die Schläge, die das Ansehen der Breslauer Justiz in schneller Aufeinanderfolge erleidet, die Vertrauenskrise im Volke immer nur verstärken können.“ Berliner Sitzung des Akademischen Rates der hebräischen Universität. — Einstein Vorsitzender Berlin, 4. Oktober. (JTA.) Der Akademische Rat der hebräischen Universität in Jerusalem wird am 13. November d. J. in Berlin unter dem Vorsitz von Prof. Albert Einstein zu einer Beratung zusammentreten, in der über eine wichtige, die Zukunft der hebräjschen Universität betreffenden Frage beraten werden wird. Krise im österreichischen Zionismus — Rücktritt Dr. Goldhammers Wien, 7.. Oktober. (JTA.) Der Präsident der Zionistischen Organisation Österreichs, Dr, Leo Goldhammer, hat infolge unaufhörlicher Differenzen mit der Weizmann-Gruppe, die sich als arbeitserschwerend auswirkten, seine Würde niedergelegt. Durch seinen Rücktritt hat die Krise im österreichischen Zionismus eine Verschärfung erfahren. Die nach dem Baseler Kongreß unternommenen Versuche, einen Parteitag vorzubereiten und den österreichischen Zionismus auf der Basis einer friedlichen Zusammenarbeit aller Richtungen zu organisieren, haben bis jetzt zu keinem Erfolge geführt. In Polen gilt noch immer der Numerus clausus Warschau, 4. Oktober. (JTA.) Zu den diesjährigen Aufnahmeprüfungen bei der pharmazeutischen Fakultät der Wilnaer Universität stellten sich in diesem Jahre 120 Kandidaten, unter ihnen 86 Juden. Aufgenommen wurden 44 Kandidaten, unter ihnen 4 Juden. Man befürchtet, daß bei den kommenden Aufnahmeprüfungen an anderen Wilnaer Fakultäten und anderen Universitäten eine ähnliche Praxis geübt werden wird. Die jüdischen Abgeordneten Hartglaß und Dr .Feldmann besuchten den Unterrichtsminister Dobrucki und übergaben ihm eine Sammlung von Materialien, aus denen hervor geht, daß an den Universitäten in Widerspruch zu den klaren Verfassungsbestimmungen eine Ausnahmepraxis gegen die Juden geübt werde. Der Minister erwiderte, daß in Anbetracht der Autonomie der Hochschulen der Regierung nur ein beschränktes Ingerenzrecht zusteht. Das Kultusgemeindegesetz vor dem rumänischen Parlament Bukarest, 7. Oktober (JTA.) In der letzten Sitzung des Ministerrates wurde beschlossen, dem am 15. Oktober zusammentretenden Parlament den Gesetzentwurf über die „fremden Religionen“ zur Votierung zu unterbreiten. Der Entwurf enthält auch die Vorschriften über die jüdischen Gemeinden, die auf Grund dieses Abkommnes zwischen der Union rumänischer Juden und der liberalen Regierung abgefaßt wurden. Revision des Bürgerschaftsgesetzes in Rumänien Bukarest, 7. Oktober. (JTA.) Das Regierungsorgan „Cuwintul“ ist dahin informiert worden, daß die Regierung eine Revision des Bürgerschaftsgeseztes in dem Sinne vorbereitet, daß Personen, die aus verschiedenen Ursachen auf die rumänische Staatsangehörigkeit verzichtet haben, die Möglichkeit erhalten sollen rumänische Staatsbürger zu werden. Sollte die Revision durchgeführt werden, so werden 10 000 rumänische Juden die Möglichkeit erhalten, die rumänische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Wieder antisemitische Studentenkrawalle an der Bukar.ester Universität Bukarest, 3. Oktober. (JTA.) Nachdem eine Zeit lang an der Bukarester Universität einigermaßen Ruhe geherrscht hatte, kam es am Montag, dem 3. Oktober, an der medizinischen Fakultät neuerdings zu umfangreichen Ausschreitun-