Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 660 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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V 660 Das Jüdische Echo Nr. 40 Schwere Beschimpfung der jüdischen Frontsoldaten vor Gericht Nürnberg, 30. Sept. (JTA.) Vor dem Nürnberger Schwurgericht hatten sich der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Streicher und die Stadträte Holz und Ertl wegen Beschimpfung und Verleumdung der jüdischen Frontsoldaten zu verantworten. Sie hatten in Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ gegen die Teilnahme des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten an der Enthüllung des Gefallenen-Denkmals in Regensburg Propaganda gemacht und die Mitglieder des Bundes mit Schimpfworten wie „Plattfußindianer“, „Etappenschweine“ und „Zuhälter“ tituliert. Eine größere Zahl von Angehörigen des Bundes jüdischer Frontsoldaten stellte Strafantrag. Vor Gericht redeten sich die Angeklagten auf den verantwortlichen Redakteur, Abg. Dietrich, hinaus. Der Staatsanwalt beantragte gegen Streicher drei Monate, gegen Holz zwei Monate Gefängnis. Das Gericht beschloß Vertagung zwecks Vorladung Dietrichs. Ein Staatskredit von 100 000 Pfund für die Erdbebengeschädigten Jerusalem, 2. Oktober. (JTA.) Offiziell wird mitgeteilt: Die Regierung Palästinas hat eine Summe von 100 000 Pfund zwecks Gewährung von Darlehen an Erdbebengeschädigte bereitgestellt; die Darlehen sollen für Wiederaufbauarbeit verwendet werden. Die Darlehen sind in spätestens zehn Jahren rückzahlbar. Der Zinsfuß beträgt 6% jährlich. Die Konzession für das Tote Meer London, 21. Sept. (JTA.) Die vor einiger Zeit durch die Presse gegangene Meldung, daß das britische Kolonialamt bereits eine Konzession zur Ausbeutung der Salze des Toten Meeres erteilt hat, eilt den Tatsachen voraus. Es haben bis jetzt vier Gruppen dem Kolonialamt technische und finanzielle Pläne zur Ausbeutung der Salze des Toten Meeres unterbreitet und um die Erteilung von Konzessionen ersucht. Es sind dies: a) W. H. Tottie, Bankier, als Vertreter einer englischen Gruppe; b) Major D. Henry und Edwards als Vertreter einer australischen Gruppe; c) der amerikanische Chemiker Prof. Dr. Thomas Norton als Vertreter einer amerikanischen Gruppe; d) der palästinische Bergbauingenieur M. Novomejsky und der Londoner Zivilingenieur Major T. G. Tulloch als die Vertreter einer englisch-palästinischen Gruppe. Die vor kurzem von den „Financial Times“ gebrachte Mitteilung, daß Lord Plumer bereits eine Konzession an Novomejsky erteilt hat, hat bisher eine offizielle Bestätigung nicht gefunden. * Der „Vossischen Zeitung“ wird am 27. September aus Jerusalem telegraphiert, daß die Tote- Meer-Konzession nicht an die Imperial-Chemical- Industrie erteilt wird, sondern an eine Gesellschaft, bestehend aus Sir Alfred Mond, Lord Reading, Bernard Baron, Ingenieur Novomejsky und eventuell Rothschild. Das Grundkapital soll 25 Millionen Dollar betragen. (Eine Bestätigung dieser Meldung bleibt abzuwarten. D. Red.) Feuilleton Rabbi Jannaj und der Weidenbaum Von Julius C s e r m e 1 y (Einzig autorisierte Übersetzung aus dem Ungarischen von Maurus M e z e i, Wien.) Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon — nicht der gleichnamige Rabbi des Pirka Abot, sondern ein Namensvetter aus einer viel späteren Zeit — dieser Rabbi Jannaj ben Rabbi Simeon also, der in einem Städtchen Nordpalästinas wohnte, wallfahrte alljährlich zu den Laubhüttenfesten nach Jerusalem. Der Tempel existierte schon nicht mehr, die Stätte des Allmächtigen lag bereits seit mehr als hundert Jahren in Trümmern und gerade deshalb, weil der Tempel schon nicht mehr existierte, war es auch nicht mehr Pflicht, nach Jerusalem zu wallfahren, er begab sich aber dennoch alljährlich dreimal dorthin. Nach Zion, welches ach so arm und klein und traurig geworden war. Und wenn man ihn fragte, warum er es tut, entgegnete er seufzend: „Gebührt nicht der Witwe ein tröstender, teilnehmender Besuch? Und Israels Witwe ist: Zion!“ Der Rabbi reiste zu Fuß, bloß sein Diener und dessen Frau begleiteten ihn; er war noch anderthalb Tagemärsche von der Stadt entfernt und er meinte, am Nachmittag des nächsten Tages dort anzulangen, aber bei einem Dorfe des Jordantales vertrat ihm der Besitzer eines Meierhofes den Weg. Er war kein Hebräer, und der Besitzer des Meierhofes bat ihn dennoch, nicht um die Welt seinen Weg fortzusetzen ... wenn ihm sein Leben lieb sei, möge er entweder dort bleiben oder zurückkehren. „Warum?“ fragte der Rabbi staunend. „Was kann mir geschehen, wenn ich meinen Weg fortsetze?“ „Daß dich Bal-Keesches erschlägt. Saul Bal- Keesches, der Unbarmherzige, der jetzt in dieser Gegend herumstreift. Tag für Tag kommen Nachrichten: bald hat er hier jemanden ausgeraubt, bald dort und wie man sagt, schrickt er auch vor dem Blutvergießen nicht zurück.“ „Zurück kann ich schon nicht mehr“, sprach Rabbi Jannaj zu dem Mann. „Ich habe bis nach Hause sehr weit und morgen abend beginnt mein Feiertag. Aber gerade deshalb, weil mein Feiertag beginnt, muß ich meinen Weg unbedingt fortsetzen. Wo könnte ich ihn denn sonst feiern? Hier ist kein Tempel.“ „Du mußt bleiben“, sagte beharrlich der Wirt. „Nach den Geboten deines heiligen Glaubens: wenn von Lebensgefahr die Rede ist, muß auch der Feiertag in den Hintergrund treten. Aber übrigens: du kannst ja auch hier feiern. Einen Palmenzweig, eine Zederzitrone gibt es auch hier, auch Myrthen gibt es in meinem Garten genug, ein Zelt wird dir aber dein Diener anfertigen und du kannst in Frieden darin wohnen.“ Rabbi Jannaj hörte auf den Wirt nicht so sehr seiner selbst als seiner Gefährten wegen, und während sich sein Diener an das Aufstellen des Feiertagszeltes machte, sorgte er selbst für den Feiertagsstrauß, damit dieser nicht fehle. Einen Palmenzweig hatte er sehr bald, auch Zedernzitronen und Myrthenäste fanden sich in Fülle, aber einen Weidenbaum konnte er nirgends finden. b