Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 40 (7.10.1927)
- Date
- 1927-10-07
- Page
- Seite 658 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156851--08041-9080777- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
658 Das Jüdische Echo Nr. -40 Wien 9 Prozent, an den übrigen österreichischen Hochschulen zwischen 5 Prozent und 0,3 Prozent — alles Zahlen, deren höchste etwa dem Berliner Prozentsatz auf der Universität entsprechen! Der Ausschuß berichtet von seinen Verhandlungen mit den dortigen Studentenschaften: auch auf die Vorhaltungen, daß bei den vorliegenden Statistiken von einer ,Verjudung‘ der österreichischen Hochschulen nicht die Rede sein könne, erklärten die dortigen Vertreter, sie lehnten jede freiwillige Gemeinschaft mit Juden ab. Der Fünferausschuß bestand ausschließlich aus Herren der völkischen Mehrheit; auch ein Vorstandsmitglied der ,Deutschen Studentenschaft4 hat den Bericht mit unterschrieben.“ Dieser Bericht entlarvt die „Führer“ der österreichischen Studentenschaft als Feiglinge und Lügner, die sich nicht scheuten, mit Tatsachenverdrehung und Fälschung von Statistiken zu arbeiten; er zeigt, daß die Koalition der deutschen Studentenschaften mit so zusammengesetzten Vereinigungen ein grober Unfug ist. Eine solche Organisation weiterhin mit Zwangsbeiträgen zu unterstützen, die von jedem Studenten erhoben werden, wäre ein Verbrechen. Es entsteht allerdings die Frage, ob man in den andern deutschen Ländern dem preußischen Vorgehen folgen — nur Baden und Hamburg haben bisher Anstalten dazu getroffen — und ob man endlich auch in Österreich nach dem Rechten sehen wird. Judenausweisung und — jüdische Anleihe In den letzten Wochen häuften sich die Meldungen von Judenverfolgungen und Ausweisungen in Ungarn. Man hat sich dort allmählich an die systematische Judenunterdrückung und -entrechtung gewöhnt, die sich besonders im numerus clausus an den Universitäten ausdrückt; ja man nimmt es fast auch mit Gleichmut hin, daß Judenrazzien in Synagogen stattfinden und daß sogar ungarische Staatsangehörige aus Ungarn ausgewiesen werden, aus keinem anderen Grunde als weil sie Juden sind. Der „Wiener Tag“ meldet z. B. aus Budapest, daß im Zusammenhang mit den in der vorigen Woche durchgeführten „Fremdenrazzien“ gegen 2800 Personen das Ausweisungsverfahren eingeleitet wurde. Das sind zum größten Teil Juden, deren Staatsbürgerschaft nicht sofort und lückenlos nachgewiesen werden kann. Um so mehr muß es die jüdische Öffentlichkeit, soweit sie sich überhaupt noch um diese Dinge kümmert, in Verwunderung setzen, daß das kapitalarme Ungarn eine Anleihe in dieser Zeit ausgerechnet vom Londoner Haus Rothschild erhalten hat. Mit diesem-Verhalten spricht das Haus Rothschild jedem jüdischen Empfinden Hohn; es ist absolut unbegreiflich, daß man sich mit dieser gegenwärtigen judenfeindlichen Regierung auch nur in Verhandlungen eingelassen hat. Die ungarischen Juden zwar waren auch über diese unerhörte jüdische Würdelosigkeit erfreut, was bei ihnen, die eine Intervention der westlichen Großmächte gegen den numerus clausus als unberechtigte Einmischung in ungarische Angelegenheiten ablehnen zu müssen glaubten, nicht mehr überraschen kann; sie hofften eben, daß nun, nachdem Juden Ungarn aus der Verlegenheit geholfen hätten, man dies dankbar anerkennen und sich ihnen gegenüber anders verhalten werde. Sie haben inzwischen bereits eine Quittung Horthys erhalten, aber anders als sie annahmen: Im ganzen Lande greift man heute Rothschild an, er habe das Land mit seinen Anleihebedingungen betrogen und auch die Hoffnung auf Einstellung der Judenrazzien hat sich als vollkommen trügerisch erwiesen. Wer aber glaubt, daß solche Dinge sich nur in Ungarn ereignen könnten, der täuscht sich gründlich. Ist nicht auch das Tannenbergdenkmal zum großen Teil mit jüdischem Geld gebaut worden? Und wie hat man die Juden bei seiner Einweihung behandelt? Man nimmt jüdisches Geld und spuckt auf die Hand, die es gegeben hat: Eine Schmach für die Antisemiten, die so handeln, eine weit größere aber für die Juden, die immer und immer wieder aus Geldgier oder aus dem Wunsch, ihre Anerkennung zu erkaufen, sich zu solchem Schacher bereitfinden. Wie aber reagiert die jüdische Öffentlichkeit? Antisemitismus und nationale Autonomie Wir haben über die antijüdischen Ausschreitungen in der Türkei berichtet, wir haben gemeldet, daß das türkische Volk in unbegreiflicher Verblendung die Juden beschuldigt, gegen den Staat demonstriert zu haben und daß auch die türkische Regierung, anstatt sich dieser Hetze energisch zu widersetzen, mit gesetzlichen Maßnahmen gegen die Juden vorgegangen ist. Diese Bewegung hat ihren Ausgang genommen von einem bedauernswerten Vorfall, bei dem offenkundig den Juden Unrecht geschehen ist — ein jüdisches Mädchen wurde ermordet, die Untersuchung gegen den Mörder, einen früheren hohen Offizier, nur schleppend geführt, was jüdische Proteste hervorrief, die eben von türkischer Seite als Ausdruck mangelnder Staatstreue betrachtet werden. Dies ist an sich gewiß unbegreiflich; demjenigen aber, der sich überhaupt mit dem Antisemitismus beschäftigt hat, nicht überraschend. Es gibt nichts, was "nicht Anlaß zu einem Ausbruch des latent immer vorhandenen Antisemitismus geben könnte, und die Leidenschaft entzündet sich bekanntlich besonders heftig dann, wenn es gilt, das mahnende Gewissen zu betäuben, wenn man fühlt, daß man Unrecht tut. Es ist aber außerordentlich interessant, daß das Schicksal, wegen mangelnder Staatstreue und Vaterlandsliebe angegriffen zu werden, auch den türkischen Juden zustößt, den türkischen Juden, die — es ist ungefähr ein Jahr her — freiwillig auf die ihnen durch den Friedensvertrag zugebilligten Rechte als nationale Minderheit verzichtet und sich dadurch von Louis Marshall, dem nichtnationaljüdischen Führer des amerikanischen Joint, den Vorwurf der Feigheit zugezogen haben. B. MARSTALLER kgl. Hofsattler / München Erzeugnisse unserer Werkstätten : Schiffskoffer / Schrankkoffer Autokoffer (D. R. Patent) Menageu. Toilettekoffer FEINE LEDERWAREN Fernruf Nr. 90939 Verkaufsräume Damenstiftstraße 16