Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 39 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- Seite 645 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 59 Das Jüdische Echo 645 Eine separatistische jüdische Gemeinschaft in Palästina Jerusalem, 23. September. (JTA.) Die palästinische Agu.das Jisroel und das Zentralkomitee der „Kenesset Jisroel“ haben ihre Absicht kundgetan, sich der -im jüdischen Gemeindegesetz vorgesehenen allgemeinen jüdischen Gemeinde nicht anzuschließen, sondern, gestützt auf die Bestimmungen eben dieses Gesetzes, in den verschiedenen Orten Palästinas eigene Gemeinden zu begründen. Beide Gruppen, die bisher oft einander bekämpften, haben sich nun zu einer gemeinsamen orthodoxen Kongregation vereinigt, um mit vereinten Kräften der Souzerän/ität des Waad Leumi entgegenzuwirken. Der aschkenasischen Sektion des Oberrabbinates gehören nunmehr auch leitende Persönlichkeiten der „Kenesset Jisroel“ an. Neue Bestimmungen für die Einwanderung nach Palästina Folgende Kategorien dürfen in der nächsten Zukunft nach Palästina einwandern: 1. Wirkliche Kapitalisten, die sich im Lande einordnen können. 2. Frauen und Kinder von in Palästina Ansässigen, die in der Lage sind, sie zu ernähren. In besonderen Ausnahmefällen auch andere Verwandte ersten Grades. 3. Kinder von Ausländern,- die nach Palästina geschickt werden, um dort erzogen zu werden unter der Bedingung, daß die palästinischen Erziehungsinstitute für ihren Unterhalt die Verantwortung übernehmen. 4. Politische Gefangene aus Rußland. Anmerkung: 1. Die Kinder in Kategorie 2 dürfen höchstens 18 Jahre alt sein. 2. Mit Ausnahme der auf Grund Nr. 2 einwandernden Frauen und Kinder dürfen nur Personen ein palästinisches Visum erhalten, deren Paß zur Rückreise aus Palästina berechtigt. 3. Einreisezertifikate für die obengenannten Kategorien werden von jetzt an auf ein Jahr ausgestellt. Sämtliche Einreiseerlaubnisse, die die zionistische Exekutive vor dem 23. August ausgefertigt hat, werden noch auf Rechnung der Periode März/September gegeben. Im folgenden Halbjahr, Oktober/März, werden außer den obengenannten keinerlei Einreiserlaubnisse nach Palästina gegeben werden. Sämtliche Personen, die jetzt eine Einreiseerlaubnis erhalten haben, müssen diese bis zum 30. September auf dem zuständigen Englischen Konsulat entnehmen. Nach diesem Datum besteht nicht die geringste Möglichkeit mehr, ihre Einreiseerlaubnis zu verlängern. Palästina-Amt. Feuilleton Die wandernde Erde von Minna Freund -Barsi (Tel-Awiw) Wenige Wochen vor den hohen Festtagen bin ich ihr in jedem Jahre auf dem Safeder Pöstamte begegnet, von dem aus sie um diese Zeit täglich in hunderten kleinen Säckchen die Reise antritt über die ganze Welt. In bunte Flicken Zeug eingenäht oder in adrette, feine weiße Leinensäckchen verpackt, liegt sie versandbereit auf dem Postauto. 4800 Gramm, nicht ein Gramm mehr, so will es die strenge Vorschrift der Postverwaltung: nicht ein Gramm weniger, so heischt es der fromme Wille der Absender. Und da stehen alte Weiblein vor dem Schalter und prüfen mit Argusaugen das Zünglein an der Postwage. „4600 Gramm“, will der Beamte signieren. Aber das Mütterchen reißt das Packet von der Wage: „Entschuldigt, Herr, ich komme morgen wieder.“ Und eilt heim mit seiner teueren Last, trennt fürsorglich eine Naht des Säckleins auf und verstaut das kostbare Gut in der alten schwachen Komodenlade. Dann nimmt es das abgegriffene Gebetbuch, hüllt es in ein blütenweißes Tuch, breitet ein zweites Tüchlein darüber, rückt die Haube zurecht und bindet die gestickte, weiße Sabbatschürze um. Nun ist es gerüstet zum Gange nach dem ,gut Ort“ der weit draußen liegt vor dem Städtchen, aber nicht in der einsamen Stille eines Friedhofes im Galuth, sondern erfüllt vom Herzschlag des Safeder Lebens. Hier draußen, rings um die Gräber der Frommen sitzend, wird die ewig lebendige Thora gelehrt, und die sie da lehren, stehen in vertraulichem Du und Du mit dem Sensenmann, der einst die reife Ähre ihres Lebens abschneiden wird, um sie in unerforschlichen Kreisen des Vergehens und des Werdens zu neuem Leben keimen zu lassen. Stille Frauen murmeln hier ihre Gebete, Kinder spielen, unbekümmert um die Fragen des Seins, um die Leichensteine; immer dem Tode nah, weil der Windstoß, der dem festen Stamm nichts zuleide tun kann, das zarte Reis tödlich bedroht und darum so hold najv mit ihm spielend. Unser altes Weiblein geht durch das Gewirr der Gräber und im Vorwärtstrippeln flüstert es: „Zweihundert Gramm, zweihundert Gramm! Soll ich sie nehmen vom Kover Ari Hakodesch* oder vom Grab meiner guten, alten Rebezzen, die mich beten lehrte, als es noch keine hebräische Schule gab in Safed? Oder soll ich von jedem Zaddikgrab ein paar Körnchen der heiligen Erde sammeln, wie meine Nachbarin, die schriftgelehrte Esther, die mir sagte, daß mit jeder Krume Erez-Israel-Erde, die nach Chutz el Arez wandert, ein Seufzer unserer Mutter Rachel geht, weil die Erde unseren Kindern nachwandert und die Kinder nicht den Weg zurückfinden zur heimatlichen Erde? — Emsig sammelt das Mütterlein, findet wohl auch liebe Freundinnen, die, von dem gleichen Vorhaben beseelt, auf den „gut Ort“ gekommen sind, und die gleich ihm unter beschaulichen Reden heimkehren mit dem kostbaren Schatz, dem einzigen, den sie ihren Lieben im Galuth zu schenken haben. Von ihrer armseligen Chaluka haben sie fürs Porto gespart, monatelang, und nun sind sie glücklich, daß der Bruder, die Schwester oder gar das Kind, das die Armut des Landes in die Galuth zurücktrieb, zu Rosch-Haschanah das Säckchen heiliger Erde empfangen werden. Man kann ja nie wissen, wo und wann der Ewige, gelobt sei Sein * Grab Jizchak Lurjas, des Begründers einer kabbalistischen Richtung.