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Das jüdische Echo · 1927-09-30 · 39 (30.9.1927) · p. Seite 640

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
39 (30.9.1927)
Date
1927-09-30
Page
Seite 640 (sequence 4)
Language
German
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640 Das Jüdische Echo Nr. 39 darf sich ihnen ohne weiteres an die Seite stellen; sie erhebt und begründet in feierlichem Ton den Anspruch der Juden auf Gleichberechtigung und stellt die innige Verbundenheit fest, die Juden und Deutsche umschließt, ist es aber eine jüdische Predigt? Nein! Man sieht den guten Willen, man vernimmt sogar einmal das Wort „Friedensarbeit“, ohne doch genau zu wissen, was unter dieser Friedensarbeit —vor einem Auditorium von WehrvJerbänden und Generalen — gemeint sei. Und! so bleibt der vorherrschende Eindruck: das sind nicht jüdische Gedanken, die den Geist der „Kämpfer von Tannenberg“ für alle Zukunft wirksam haben wollen, der Kämpfer von Tannenberg, die zweifellos alle in gutem Glauben, beseelt von größter Vaterlandsliebe —. aber doch im Kriegsgeist hinaus ins Feld1 gezogen sind. Man muß sich nicht auch noch drängen, mit den Völkern zu heulen; schlimm genug, wenn man dazu gezwungen wird. Diese Predigt läßt nichts spüren von dem Geist des Friedens, den die jüdische Religion pflegen will und wenn es, da sie nur 4 Minuten hätte dauern dürfen, 9 Jahre nach dem Kriege gar nicht möglich war, jüdische Friedensgedanken zu vertreten — besser dann keine jüdische Predigt. Es ist nicht die Absicht dieser Ausführungen, für irgendeine bestimmte Partei Stimmung zu machen, aber es muß klar und deutlich gesagt werden: Die Juden haben den Sieg der Reaktion in jedem Falle zu fürchten. Sollte sie ans Ruder kommen, dann werden ihnen ihre besten1 Absichten und ihre ehrlichsten Beteuerungen nichts nützen: Aus deutschen und jüdischen Gründen sollte keine jüdische Organisation auch nur den Eindruck erwecken, als bemühe sie sich, der Reaktion ihre Reverenz zu erweisen, ihr nachzulaufen. Das Verhalten des Reichsbunds Jüdischer Frontsoldaten zeigt diese Neigung sogar in bedenklichem Maße, und vor solchen Neigungen möchten wir in aller Öffentlichkeit warnen: Wer sich an russigen Kesseln reibt, wird schwarz. I. E. Ein ernstes Wort an die jüdische Gemeinschaft, Männer und Frauen! Der Wohlfahrtsausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden wandte sich mit einem beherzigenswerten Aufruf an seine Mitglieder, den wir auch unseren Lesern zur Kenntnis bringen möchten, da die von ihm gekennzeichneten Verhältnisse voll und ganz auch für die bayerischen Juden zutreffen. Seid ihr euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, an Zahl abzunehmen und an Kraft und Gesundheit zu verkümmern? Nein? Nun, dann werft einen Blick auf die einstmals blühenden jüdischen Gemeinden der Kleinstädte und seht, wie sie, selbst da, wo eine nennenswerte Abwanderung nicht stattgefunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zusammenschrumpfen, so daß viele von ihnen Rabbiner oder Lehrer nicht mehr besolden können und ihre Gotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen bleiben müssen! Blickt auf die Veröffentlichungen der großstädtischen jüdischen Gemeinden und ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Absplitterungen durch Austritt und Taufe sind! Unterrichtet euch darüber, daß eine blühende und große Kinderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch selten anzutreffen, daß die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist! Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen zeigt nach Angabe des Preußischen Statistischen Amtes folgende Aufstellung: eheliche Geburten in Proz. Sterblichkeit 1875—1880 im Durchschnitt 1924 . 1925 . 11 151 31 ca. 6000 5 381 12.8 5685 4 792 11.8 5554 Bevölkerungsbilanz für Berlin für das Jahr 1926 (Nach Angabe des Statistischen Amts der Stadt Berlin) Geburten in jüdischen Ehen . . . 1581 Jüdische Kinder aus Mischehen . ._298 1879 Jüdische Sterbefälle.2389 Austritte aus dem Judentum etwa 300 2689 Der Bevölkerungsverlust der Berliner Juden betrug für 1926 also etwa 800! Die Berliner jüdische Gemeinde, die 1914 zum Beginn des Krieges etwa 155 000 Juden zählte, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten 172 000 Juden, was nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch etwa 10 Geburten jährlich gegenüber 17 bis 18 bei den Franzosen. Ein Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen verloren, die an sich gering an Kinderzahl sind. Die Ehelosigkeit hindert zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Eine der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spätehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der Schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität unter den deutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen Bevölkerungsschichten, daß die Zahl der Selbstmorde erschreckend zugenommen hat und Mißstände auf geschlechtlichem Gebiete mit ihren schweren gesundheitlichen Folgen sich ausbreiten. Die Selbstmorde betrugen in Preußen auf 10ÖÖ0O Lebende der Bevölkerung im Jare 1925 bei der evangelischen Bevölkerung 27,9, der katholischen 13,5, der jüdischen 53,2! Wollt ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen zuschauen? Nein und abermals nein! Der Bestand des Judentums muß gesichert werden, und er kann gesichert werden, wenn man die drohenden Gefahren erkennt und ihnen zu begegnen sucht. Was aber kann geschehen? Wirksame Maßnahmen müssen einsetzen. Von diesen sind zunächst ins Auge zu fassen: die Ermöglichung der Frühehe durch Ausgestaltung der Ehekassen von seiten der jüdischen Gemeinden, die Einrichtung von Eheberatungsstellen, Wochenhilfe, Förderung der Stillpropaganda durch Wort und Tat, die Unterstützung aller Bewegungen, die auf körperliche Ertüchtigung unserer Jugend abzielen. Daneben muß an einer Berufsumleitung .gearbeitet werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufstätige Juden da einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen gehören, und sie nicht sinnlos in wenigen Berufen anhäuft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenso müssen die Siedlungsbestrebungen mit allen Kräften gefördert werden. So muß endlich eine vernünftige Verteilung von Juden auf Stadt und Land zustande kommen und nicht allmählich die licht- und luftlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmerten Geschlechts werden. Und vor

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