Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 39 (30.9.1927)
- Date
- 1927-09-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Kummer 59_ 30. September 14. Jahrgang Die verhinderte Predigt Gewiß — es ist eine unerhörte Tatsache, daß die Leitung der Einweihungsfeier des Tannenberg- Denkmals, die versprochen hatte, diese Einweihung völlig unparteiisch und überkonfessionell durchzuführen, nicht imstande war, ihr Versprechen einzulösen, daß sie dem Rabbiner, der als Festredner neben einem katholischen und protestantischen Geistlichen vorgesehen war, sowie dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten auf die unhöflichste und unverschämteste Weise, noch dazu mit einer durch nichts gerechtfertigten Berufung auf den ehrwürdigen Reichspräsidenten, den Stuhl vor die Türe setzte. Gewiß, darüber, daß dies eine freche Beleidigung auch des ganzen Judentums war, ist ebenfalls nur eine Meinung möglich. Dieser Vorgang zeigt aufs neue — übrigens nicht er allein, sondern auch alle. Intermezzi, die sich an den Namen Ludendorff knüpfen und die ja auch in der Tagespresse in aller Ausführlichkeit erörtert wurden — die Zerrissenheit des deutschen Volkes, die Stärke und' Unverschämtheit der Reaktion und er beweist, daß der Kampf um den neuen Staat noch längst nicht zu Ende ist. Für die Juden aber zeigt er noch mehr — er demonstriert ihnen nämlich, was sie zu erwarten hätten, wenn bei den Wahlen im nächsten Jahr die Rechte einen Sieg erringen würde und etwa auch in Preußen ans Ruder käme. Gerade darum aber scheint es interessant und wichtig, einmal die Vorgänge zu untersuchen, die zu der besonders krassen Abwimmelung der Juden in Tannenberg geführt haben. Schon die Grundsteinlegung des Denkmals, bei der nicht nur eine Anzahl für jüdische Frontkämpfer verletzende Reden gehalten worden, sondern auch eine ganze Reihe von Organisationen mit Hakenkreuzfahnen erschienen war, hatte gezeigt, daß dieses Denkmal im wesentlichen eine Sache der Reaktion und der Judenhetzer werden würde. „Nationale Elemente“ drängten sich hier, wie auch sonst bei solchen Angelegenheiten, ganz ungebührlich vor und bemächtigten sich ihrer so weit, daß, wie das „Berliner Tageblatt“ schrieb, große republikanische Parteien, deren Anhänger vielleicht in stärkerer Zahl als andere bei Tannenberg gekämpft und geblutet haben, sich aus der festlichen Arena hinausgedrängt fühlten. Der Bund Jüdischer Frontsoldaten aber wollte bleiben: „Von jüdischer Seite wollte man eben zeigen, daß man bereit war, alle vorangegangenen Kränkungen zu vergessen und vereint in dem Gedanken an die Befreiung deutschen Bodens mit den übrigen Schichten der Bevölkerung ein vaterländisches Bekenntnis abzulegen.“ (Wir zitieren aus einem „Unser Kampf um Tannenberg“ überschriebenen Artikel von Kurt Sabatzky im „Hamburger Israelischen Familienblatt“, zu dem die Redaktion bemerkt, daß er von einem „in die Zusammenhänge besonders eingeweihten Mitarbeiter“ herrührt.) Verstehen wir recht? Republikanische Parteien zogen ab, weil sie sich nicht zu einer parteipolitischen Demonstration hergeben wollten: Der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aber war bereit, „alle vorangegangenen Kränkungen zu vergessen“. Die republikanischen Parteien nahmen nicht an der Feier teil, aber der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten wollte „vereint mit den übrigen Schichten der Bevölkerung ein vaterländisches Bekenntnis ablegen!“ Die republikanischen Schichten scheinen dem Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten wohl nicht zur Bevölkerung zu gehören, da er über die Tatsache ihres Fehlens so einfach hinwegsehen konnte, und mit dem Teil, der blieb, dem reaktionären Teil, wollte er ein vaterländisches Bekenntnis ablegen! Man weiß zur Genüge, wie solche „vaterländischen Bekenntnisse“ auszusehen pflegen. Aber halt! Das vaterländische Bekenntnis, das der Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten durch den Mund des Herrn Rabbiners Dr. Lewin aus Königsberg, eines früheren Feldrabbiners, ablegen wollte, ist uns bekannt. Herr Dr. Lewin hat den Text seiner nichtgehaltenen Predigt veröffentlicht. Er lautet: „Einem Denkmal die Weihe des Glaubens geben —■ was will das bedeuten? Nichts anderes heißt das, als die irdische Leistung, die da verherrlicht wird, aus ihrer Einmaligkeit und Vergänglichkeit herauszuheben. Die Ewigkeitswerte sollen zu Bewußtsein gelangen, die zu jener befähigten, in ihr sich verkörperten und offenbarten. Aus den Menschen, die man beklagt und rühmt, muß der Gottesgeist emporschlagen, der sie durchwehte, der nunmehr eingehen will in uns., in unser heutiges Empfinden, wie in unser künftiges Tun. Was war es, das die Kämpfer von Tannenberg, das Deutschlands Gefallene im Weltkrieg überhaupt stärker machte als ihr Einzelschicksal? Über den Tod, dem sie selbst zum Opfer fielen, über das widrige Geschick, in das ein unseliger Kriegsausgang ihr Volk und Land verstrickte, ragt das Gefühl schlechthiniger Verbundenheit hinaus, die über alle Schranken von Herkunft und Bildung, von Stand und Bekenntnis, well ein Boden sie gebar, weil eine Heimat sie leiblich und geistig nährte, auf Gedeih und Verderb sie zusammenschloß. Wie die Feindeskugel keinen Unterschied kannte, so standen, so fielen sie einer für alle und alle für einen. Ihr blutbesiegelter Wille, von diesem Denkmal, dem jeder die Weihe seines Glaubens gibt, trutzig gehämmert in Stein und Erz, bleibe uns heilig. Friedensarbeit zu leisten, ihres Kriegswerkes würdig, unserem Vaterlande zu dienen Schulter an Schulter und Herz an Herz — dazu verhelfe uns der ewige Gott, der in diesen Toten lebendig war! Aus ihrem Kämpfen und Sterben lasse er uns erkennen, lasse er uns beherzigen, was unsere Pflicht bleibt, damit in der Gemeinsamkeit unseres Strebens sich der Geist der Kämpfer von Tannenberg dauerhaft und wirksam erweise für alle deutsche Zukunft!“ Diese Predigt war sicherlich all der Worte würdig, die in Tannenberg gesprochen wurden, und