Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 36 (9.9.1927)
- Date
- 1927-09-09
- Page
- Seite 574 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156847--07986-9080722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 1× ep/1047930
OCR text
574 Das Jüdische Echo Nr. 36 Augenblick den Glauben an die Kraft der Bewegung verloren haben, hören auf, Führer zu sein. Weizmann und Sokolow beruhigen uns immer wieder, daß die Lage gar nicht so schlecht sei, obwohl sie keinen Beweis dafür erbringen. Warum stellen sie sich zwischen uns und England? Sie laufen Gefahr, daß das Volk sie mit der Mandatsmacht indentifiziert. Was die innere Politik anlangt, bezeichnet Grünbaum die Abmachung mit Marshall als „Ugoda“ im schlimmsten Sinn. Der Preis dafür war die Desavouierung der amerikanischen Zionisten und die Anerkennung Marshalls als Führer der amerikanischen Juden, was wiederum eine Desavouierung des Kampfes ist, den unsere Freunde durch eine Generation geführt haben. Weizmann hat ein Budget von 225 000 Pfund verteidigt. Das ist kein Budget und niemand wird Geld geben, weil man jede Hoffnung verlieren wird. Weizmann sagte einmal, er sei der Sklave der Bewegung. Umgekehrt: Die Bewegung ist der Sklave Weizmanns. Statt eines Präsidenten brauchen wir ein arbeitsames und arbeitsfähiges Komitee. Fünfte Sitzung Rede Jabotinskys Nach dem Ruhetag am 1. September hielt der Kongreß am Donnerstag, dem 2. September, nachmittags, seine 5. Sitzung ab, die der Fortsetzung der allgemeinen Aussprache gewidmet war. Diesmal kam der Begründer und Führer der Partei der Zionisten-Revisionisten, Wladimir Jabotin s k y zu Worte. In einer großangelegten Rede kam er zu den folgenden Schlüssen: Größer als die Tragödie der 8000 arbeitslosen und vielleicht hungernden Menschen in Palästina ist die Tragödie des jüdischen Volkes, dem die Tore Palästinas gesperrt sind. In den letzten sieben Jahren sind insgesamt 72 000 Juden in das Land gekommen, also im Durchschnitt jährlich etwa 10 000. Die natürliche Zunahme der arabischen Bevölkerung betrug aber mehr als diese Zahl, so daß bei einem solchen Stand der Ereignisse die Hoffnung, daß die Juden in Palästina einmal die Mehrheit der Bevölkerung bilden werden, begraben werden müßte. Jetzt aber ist die Stagnation vollkommen, die Einwanderung ist gestoppt. Dies die Frucht einer Regierungsmethode, die, statt kolonisatorisch zu sein, alles getan hat, um dem kolonisatorischen Element die Lebensmöglichkeit zu unterbinden. Durch das System der Steuern, Zölle und Verkehrstarife hat die Regierung der Industrie den Atem genommen. Große Fabriken wie die des Wieners Delphiner und des Amerikaners Bloom mußten geschlossen werden. Als es schon zu spät war, schenkte die Regierung den Forderungen nach einem Zollschutzsystem Gehör. Die Silikatfabrik findet keinen Absatz für ihre Erzeugnisse im Lande, da der Ziegeltransport von einer Station Palästinas zur anderen teurer zu stehen kommt, als z. B. der Transport von Triest nach Haifa. Nur eine radikale Umstellung der Administration zur einheimischen Industrie wird Arbeit- und damit Einwanderungsmöglichkeit schaffen. Mit Notstandsarbeiten wird man nicht weit kommen. Auch der Weg der landwirtschaftlichen Kolonisation ist ein zu langsamer. Jabotinsky wandte sich der Frage des öffentlichen Schutzes in Palästina zu und nannte sie ein quälendes Problem. Nur noch 276 Engländer sind heute im öffentlichen Schutz tätig. Im Polizei- und im Grenzkorps sind 2000 Araber, aber nur 249 Juden. Jabotinsky erinnerte an die Judenmetzelei vom Mai 1921, da das Haus der Chaluzim in Jaffa von uniformierten arabischen Polizisten gestürmt wurde, wobei mehrere Chaluzim den Tod fanden. Man solle auch heute die Beziehungen zwischen Juden und Arabern nicht allzu optimistisch darstellen. Überhaupt werde die europäische öffentliche Meinung durch rosenrote Schilderungen hypnotisiert. Dennoch, schloß Jabotinsky, glauben die Revisionisten an die Zukunft des jüdischen Volkes in Palästina. Die zum großen Teil antisemitische englische Beamtenschaft repräsentiere nicht das englische Volk. An dieses Volk müssen wir herantreten, ihm die Wahrheit enthüllen, und es werde sein gegebenes Wort einlösen. Sechste Sitzung Dr. Bileski verteidigt die offizielle Politik Vorsitzender Motzkin eröffnet die sechste Sitzung am Freitag, nachmittags 2.45 Uhr. Dr. Bileski (Deutschland) führt aus: In Deutschland wurde die Diskussion über die Kongreßfragen unter dem Schlagwort Verantwortungspolitik geführt. Es ist dies eines der stärksten Bande, das uns mit der Persönlichkeit Weizmanns verbindet, daß wir ihn als den typischen Vertreter einer solchen Verantwortlichkeitspolitik betrachten. Gegenüber dieser Verantwortungspolitik gibt es ein System der verantwortungslosen Politik. Symptome einer solchen verantwortungslosen Politik sind in der Rede von Jabotinsky zu konstatieren. Es ist ein Beweis für den Mangel an Verantwortungsgefühl, wenn man in einer großen Kongreßrede Pogromgefahr an die Wand malt. Es gibt für den Zionismus nur ein Instrument der Macht und das ist die Macht unserer Idee. Und es gibt keinen besseren Verkünder dieser Idee als Weizmann. Die wirtschaftliche Auffassung des Zionismus muß. entscheidend abgeändert werden. Wir müssen mit dem System der Überspannung unserer Kräfte auf wirtschaftlichem Gebiet brechen. Wir haben die Theorie vom produktiven Defizit lange genug an unserem Körper ausprobiert. Mau wirft uns vor, daß wir gegen die Arbeiterschaft Front machen. Davon kann keine Rede sein. Es gibt in der Tat keine Verwirklichung des Zionismus gegen oder ohne die Arbeiterschaft, aber wir wissen ebenso, daß die Durchsetzung der wirtschaftlichen Forderungen, die wir heute stellen, im absoluten Interesse der Arbeiterschaft liegen. Jüdischer Volkskunstabend Samstag, den 17. September, abends 8^ Uhr, Museumssaal, Promenadestr. unter Mitwirkung der bekannten Künstler M.Sakaschansky H. Lehmann A Zimmermann u a. Zur Aufführung gelangt: „Die Mischumeides“ oder der Gassenklessmer ein Lebensbild in 2 Aufzügen von Eisenstadt. Außerder Solo und Duette von Volksliedern neuester Bearbeitung Preise der Plätze: RM 2.— und RM. 1 50, Jugendl. 1-r Vorverkauf: Ewer-Buchhand'ung, Ottostr. 1 b, Tel. 5240< S. Orljansky & Sohn, Neuhauser Str. 29, Telephon 90öb E. Löwenherz, Sendlinger Straße 55, Telephon 913b