Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- Seite 564 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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564 Das Jüdische Echo Nr. 35 Schwierigkeiten, welche von der Realisierung zu bewältigen sind. Wenn wir, meine Verehrten, das erste Stadium das verkünderische nennen dürfen, dann dieses das erkennerische. Dieses erkennerische Stadium repräsentiert Achad Haam. Mit wachendem Auge in die Partitur der Geschichtswahrheit versenkt, mit wachen Ohren auf die Dissonanzen der gegenwärtigen Volksseele und des gegenwärtigen Volkslebens horchend, so steht sein Bild vor uns. Wenn Moses Heß der Einsame ohne Volk ist, so ist Achad Haam der Einsame im Volke. Er erleidet dessen ganze gegenwärtige Wirklichkeit, und niemand hilft ihm leiden. Wie er als Redakteur die Sprache aller seiner Mitarbeiter prüfte und am reinen Ausdruck des Gedankens maß, so prüfte er als Betrachter der Wirklichkeit alle Ereignisse des Volkslebens und maß sie an der Geschichtswahrheit, an der Bestimmung des Volkes. Und niemand half ihm prüfen und messen. Aus dieser einsamen, schweren Arbeit erwuchs die nationale Ideologie bei Achad Haam zu immer größerer Konkretheit. Geist und Wirklichkeit haben hier einen Bund geschlossen. Wir sind seither in ein neues Stadium eingetreten. Ich kann auch hier das, was über Achad Haams Epoche hinausführt, nur andeuten. In dem Maße, wie aus der Realisierungstendenz politische Realisierungsarbeit entsteht, wird die Bewegung notwendigerweise in die allgemeine sogenannte realistische Politik der Staaten einbezogen, die zumeist eine von den Augenbickszwecken und den wechselnden Augenblickssituationen bestimmte ist, da in einer auch politisch so verworrenen Zeit wie dieser dem Staatsmann es sehr schwer wird, dem Augenblick und einem weiteren Zusammenhang zugleich gerecht zu werden, weil naturgemäß er auf den letzteren verzichtet. Aus dieser Verquickung ergibt sich auch für uns die Gefahr einer falschen Konkretisierung, indem wir uns durch die kleinen Zwecke von den großen Zusammenhängen der Geschichtswahrheit abschneiden lassen. Damit droht uns zweierlei Einbuße, die Einbuße der entscheidenden Kraftquellen und die Einbuße an geistigen Charakteren der Bewegung, von denen es, wie ich schon sagte, wesentlich abhängt, ob das Erreichte in Wahrheit das ist, was erreicht werden soll. Wenn es einst, meine Verehrten, die Gefahr der Bewegung war, daß die Wirklichkeit uns zu fern gerückt war, ist es jetzt die, daß die Wirklichkeit uns zu nahe gerückt ist. Torheit wäre es freilich zu meinen, wir könnten von dieser so nahen Wirklichkeit abrücken, um den Anschluß an die großen Zusammenhänge wieder zu gewinnen. Wir können dies nicht und sollen es nicht. Diese Nähe ist unerbittlich, sie ist schicksalhaft. Sie ist auch sinnvoll. Es gilt'nunmehr, mit jenem von Achad Haam inaugurierten Bunde zwischen Idee und Wirklichkeit Ernst zu machen, hier, dieser ganzen Wirklichkeit gegenüber, dieser ganzen unerbittlichen Wirklichkeit gegenüber, an die wir so nahe herangekommen sind, nun mit dem Bunde innersten Ernst zu I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRANZ QRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, KostUmstlckereien Burgstraße16/3 Knopflöcher Telephon 22975 machen, die Idee an dieser ganzen Wirklichkeit zu erproben -und zu bewähren. In diesem Erproben werden wir selbst erprobt. Dies ist der Augenblick, ob wir, ob dieses jüdische Volk Mannes genug ist, seine Wirklichkeit nach seiner Wahrheit zu gestalten. Daß wir dies so deutlich wissen, auch dies ist ein Vermächtnis Achad Haams. Gewiß sind das eigene Land und die eigene Sprache die unbedingten, unersetzlichen Voraussetzungen der Verwirklichung. Aber was durch sie verwirklicht werden soll, das sagen nicht sie, sondern das sagt die Geschichte. Sie, das Land und die Sprache, sind die großen Werkzeuge der Geschichtswahrheit. Macht man sie aber zum Selbstzweck, so setzt man sie dem Fluche der Sterilität aus. Es geht nicht ohne die Sprache. Aber es kommt darauf an, was in dieser Sprache gesagt wird (Beifall). Es geht nicht ohne das Land, aber es kommt darauf an, wie in diesem Lande gelebt wird (Großer Beifall). Zu meinen, das Land und die Sprache würden alles von selbst hervorbringen, das mutet mich so an, wie Bakunins Glaube, daß die selbstherrliche Revolution keiner Richtung, keiner Lehre bedürfe, sondern das Heil der Menschheit von selbst erzeuge. Das ist eine Glaubensart, die ich nicht mehr zu glauben vermag. Aber die inhaltliche Bestimmung der nationalen Aufgabe, eben jenes Was, die inhaltliche Bestimmung, bedeutet auch ein Gegengewicht gegen die falsche Konkretisierung. Die Erkenntnis unserer besonderen geschichtlichen Bestimmung hilft uns, der Einreihung in die unzähligen Gruppenegoismen zu widerstehen, deren Summe in der heutigen Weltpolitik Nationalismus genannt wird. Damit soll selbstverständlich nichts gegen die Instinkte der nationalen Selbsterhaltung gesagt sein. Wer, Person oder Gruppe, solange er mit seiner Erhaltung mehr wirken kann als mit seiner Vernichtung, nicht auf die Erhaltung bedacht ist, der taugt nicht zum Leben in Gottes Angesicht. Aber eben auf dieses Werk, auf dieses Werk, um dessen Willen man leben will, darauf kommt es an, vor allem in unseren eigenen Augen. Aber auch — und dies will ich nicht unerwähnt lassen — auch in den Augen jenes Teiles der heutigen Menschheit, in dem sich eine kommende Menschheit vorbereitet. Zwar ist heute überall der rechtmäßige Nationalismus noch vielfältig mit dem unrechtmäßigen verkoppelt und ihm verhaftet. Aber langsam, mit der Langsamkeit der großen Geschichtsprozesse, hebt sich eine andere, eine echte Schichtung hervor. Die illegitimen Nationalismen stehen gegeneinander, die legitimen stehen in Wahrheit miteinander. Langsam, aber unaufhaltsam taucht aus dem Chaos der Gegenwart eine neue, eine nicht anationale und doch übernationale Autorität, ein wahrer Bund der Völker hervor. Ihm gegenüber wird auch für uns unsere alte Visitenkarte, unser Programm nicht mehr eine ausreichende Beglaubigung sein. Wir werden eines echten Ausweises bedürfen. Durch das, was wir an Verwirklichung unserer Aufgabe, unserer Aufgabe an der Menschheit, geleistet haben, werden wir auszusagen haben, welche Menschenarten für den Aufbau unseres Landes die bestimmenden gewesen sind, welche Art des Zusammenlebens von Menschen wir dort in unserem Lande aufgerichtet haben. Wir werden auszusagen haben, wie wir unser Verhältnis zu anderen Menschengruppen zu gestalten vermocht haben. Mit einem Wort: Wir werden aus-