Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 35 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 563 Das Jüdische Echo Deutsche Neuwäscherei G.iu.h.H. FELIX BRANDNEU . MÜNCHEN Wittelsbacherplatz 2/o, Eing. Finkenstraße Telefon Nr. 23708 Spezial-Dampfwaschanstalt für Herren-Plättwäsche nur Kragen Manschetten, Vorhemden und Oberhemden. Lieferzeit ca. 8Tage Achad Haams „Wiedergeburt der Herzen“ besteht ein anderer Unterschied als der oft besprochene, zwischen dem Westjudentum, das in seiner jüdischen Substanz gemindert ist, und dem Ostjudentum, das in seiner menschlichen Substanz gemindert ist. Die Techiath Halewawoth faßt ja eben jenes Postulat, dessen übrigens die östliche Judenheit nicht viel weniger bedarf als die westliche, mit in sich. Es ist vielmehr der Unterschied zwischen einer Wandlung der Haltung und einer Wandlung des ganzen Menschen, oder, vom Sprechenden aus gefaßt: es ist der Unterschied zwischen einer Forderung und einer Unterweisung; noch deutlicher: es ist der Unterschied zwischen einem Führer und einem Lehrer. Unsere Zeit will auf allen Gebieten den Lehrer los werden. Sie glaubt, mit dem Führer allein auskommen zu können; und das ist zu verstehen; jene geistigen Menschen, die in einer Stunde, in der Ungeheures von der Selbständigkeit und Überlegenheit des Geistes abhing, die in jener Stunde den Geist, ohne zu wissen, was sie taten, zu einem geschickten und gehorsamen Hündlein machten, das den bestehenden Gewalten statt der hingeworfenen Parolen Ideologien apportierte, haben dazu beigetragen, den Geist, die weisende Funktion des Geistes, im Leben zu diskreditieren. Anderes, Tieferes wirkte mit. Das Ergebnis ist, daß nicht bloß, was ja auch früher zuweilen geschah, die offizielle Politik der Staaten, sondern auch die inneren Bewegungen und Gruppierungen des Völkerlebens sich vielfach vom Geiste lossagten, ja in ihrer Unabhängigkeit von ihm die Bürgschaft des Erfolges erblickten. Und sie haben nicht ganz Unrecht. Führung ohne Lehre hat Erfolg. Nur, daß dieses Etwas, das man so erreicht, etwas ganz anderes und zuweilen geradezu eine Karikatur dessen ist, was man eigentlich im Grunde seiner Seele, da wo die Wahrheit geahnt wird, erreichen wollte. Und was dann? Solange das Ziel noch reines Ziel war, herrscht Sehnsucht und Hoffnung. Aber, wenn im Erreichen das Ziel sich verkehrt hat, — was dann? Gewiß ist das Volk unglücklich, das keinen Führer hat; aber dreifach unglücklich ist das Volk, dessen Führer keinen Lehrer hat. Seien wir uns tief bewußt, was wir an unseren Lehrern, was wir an einem Lehrer wie Achad Haam besitzen und was wir von ihm lernen. Vielleicht ist jede nationale Bewegung die Übersetzung einer Religion, die freilich nicht eine Bewegung im modernen politischen Sinne war, sondern eben etwas, was sich in den Seelen bewegte und aus ihnen immer wieder in die Welt hinausstürmt. Mit anderen Worten: Vielleicht ist jede Befreiungstendenz die weltliche Übersetzung einer Erlösungstendenz. Von unserer nationalen Bewegung gilt dies auf jeden Fall, daß sie eine Übertragung einer religiösen ist. Eine solche Übertragung ist notwendig, weil wir ohne sie in der Welt der gegenwärtigen Tatsächlichkeit nicht das vollbringen könnten, was wir zu vollbringen haben, um unsere Wirklichkeit nach unserer Wahrheit zu gestalten, nach unserer Wahrheit, die eben in jener religiösen Bewegtheit empfunden und auch geäußert worden ist. Diese Übersetzung darf nicht allzu treu sein. Sie darf nicht Eigentümlichkeiten der religiösen Sprache in die nationale übernehmen; jede Vermengung wirkt hier verwirrend und verhängnisvoll. Anderseits aber muß diese Übersetzung der Fülle und Kraft des Originals auf der nationalen Ebene gerecht werden, und vor allem darf sie sich nicht vermessen, das Original verdrängen, ersetzen zu wollen. Denn geschähe dies, so würden wir das wahre Letzte aufgeben und aus dem Sinne verlieren. Die Übertragung, von der ich sprach, ist für unsere Bewegung von Moses Heß begonnen worden. Aber er, der Spinoza mit Hegel und beide mit dem Eigenartigen der jüdischen Religion zu verknüpfen unternahm, verfiel in seinen philosophischen Messianismus eben jener erwähnten Vermengung religiöser, mit nationaler Sprache. Das Kommen der Erlösung kann durch keine Zahlenmystik errechnet werden, aber auch durch keine geschichtsphilosophische Dialektik. Dieser wie jener gegenüber gilt das Talmudwort, das wir mitzubestimmen vermögen durch unsere Teschuwah. Als eine nationale Übertragung dieses religiösen Wortes dürfen wir Achad Haams „Techiath Halewawoth“ verstehen. Achad Haam ist es, der die notwendige Übertragung ins Nationale folgerichtig durchgeführt hat; mit gewissenhafter Sorgfalt, mit strengem Verantwortlichkeitsgefühl hütete er sich vor jeder unerlaubten Vermengung. Kaum irgendwo sonst merkt man wie hier, daß gerade seine Nüchternheit seine Größe war. Er behandelt das Religiöse nur gleichnisweise, aber behandelt es mit Ehrfurcht, und er wehrt sich gegen jede generalisierende Geschichtsmetaphysik. Er will nur auf die Geschichte selbst hören; auf die wirkliche Geschichte dieses einen einmaligen Volkes; aus ihr erfährt er dessen Wahrheit, nach der seine Wirklichkeit gestaltet werden soll. Die geistige Entwicklung einer nationalen Bewegung beginnt zumeist, und gewiß hat sie bei uns begonnen, mit einer großen ausgeschwungenen stimmungsmächtigen und abstrakten Konzeption der Volksgeschichte, von der aus die regenerative Aufgabe des Volkes in seiner gegenwärtigen Situation bestimmt wird. Dieses erste Stadium stellt sich uns am deutlichsten in dem einsamen Werke von Moses Heß dar. Je stärker nun die nationale Bewegung im Volke selbst wird, je mehr die Tendenz zur Realisierung der nationalen Idee wächst, um so mehr muß jede abstrakte Konzeption sich konkretisieren; das heißt, die nationale Ideologie muß sich einerseits auf eine exaktere Geschichtsbetrachtung gründen, anderseits muß sie mit der gegenwärtigen Situation in ihrer ganzen Tatsächlichkeit in Kontakt treten, und dies wieder bedeutet: sowohl unser Leben unter den Völkern in seinen Verzweigungen gilt es zu erkennen, als auch, damit zusammenhängend, das ganze ungeheure System innerer und äußerer MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERQER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168