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Das jüdische Echo · 1927-09-02 · 35 (2.9.1927) · p. Seite 556

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
35 (2.9.1927)
Date
1927-09-02
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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556 Das Jüdische Echo Nr. 35 die Haltung der Welt zur Judenfrage. Diese beiden Wirkungen sind nicht voneinander zu sondern, sie ergänzen und verstärken einander: daß das jüdische Volk in Palästina seine natürliche Schaffenskraft erwies, half den Aspekt der Judenfrage für die Welt völig zu wandeln; und daß die Welt lernte, das jüdische Volk anders zu sehen, gab uns immer erhöhten Ansporn zu schöpferischer Tat. Wer immer unvoreingenommen das zionistische Werk in Palästina betrachtete, konnte sich seiner Bedeutsamkeit nicht verschließen, Rahmen und Grundlage einer organisch wachsenden Heimstätte wurde geschaffen. Bruchstücke des jüdischen Volkes wurden nach Erez Israel gebracht, um allmählich zu einer wirtschaftlichen und geistigen Einheit zu verschmelzen. Nur zu oft hat uns der übermächtig wirkende Drang nach Palästina die Freiheit des Handelns genommen, während es im Lande selbst mannigfacher Versuche bedurfte, bevor eine Anpassung des einzelnen und der Gruppen an das Ganze erfolgen konnte. Dennoch — in seiner Gesamtheit betrachtet — war das jüdische Werk in Palästina, wie es wuchs und sich gestaltete, so, daß es die Aufmerksamkeit und die Achtung der Welt erzwang. Es gibt kaum einen unter den wirklichen Sachkennern, die Palästina besucht haben, der verfehlt hätte, seine Anerkennung — nicht selten war es Bewunderung — auszudrücken für das, was die Juden an neuen Tatsachen und Werten geschaffen haben. So haben zionistische Idee und zionistisches Aufbauwerk. in Erez Israel eine tiefe und entscheidende Änderung in der Einstellung der Welt zur Judenfrage bewirkt. Das jüdische Problem von heute ist nicht mehr dasselbe, was es vor einer Generation war. Die gespenstischen Nebel um die Judenfrage sind zerstoben. Nicht länger betrachtet die Welt das jüdische Problem als ein peinliches Rätsel, ohne Aussicht auf Lösung. Sie hat zu verstehen begonnen, daß für dieses Problem eine natürliche Lösung gefunden werden kann und muß. Das entscheidende Ereignis war der Wille, die Judenfrage in ihrem wahren Wesen zu erkennen und aus dieser Wahrheit Konsequenzen zu ziehen. Dadurch ist das Judentum zur Aktivität erwacht und zu politischem Handeln reif geworden. Die nüchterne, vernünftige Überlegung vermochte zu zeigen, daß die Judenfrage eine nationale Frage ist. Ein Volk, das gewaltsam von dem Boden seiner Heimat getrennt wurde, das kein natürliches nationales Zentrum hatte, mußte sich zur Selbsthilfe organisieren, um den Boden für seine Wurzeln wiederzugewinnen. Dies ist, auf die schlichteste Formel gebracht, das Wesen der gewaltigen Umwälzung, die die Stellung des jüdischen Volkes in der Welt durch den Zionismus erfahren hat. Wie die Welt schließlich auf diese unsere Entschlossenheit reagiert hat, wissen wir aus den Ereignissen der letzten zehn Jahre. Die äußeren Etappen dieser Entwicklung sind die Balfour-Deklaration, der Beschluß von San Romo. die Zustimmungen der großen Regierungen der Welt, die Gesetzgebung des Mandates, das die Balfour-Deklaration in sich faßt. Die Balfour-Deklaration hat zum Mandat geführt und von da zur Schaffung jener stabilen politischen Bedingungen, die unentbehrliche Voraussetzung für unser Werk sind. Die jüdische Welt hat mit Freude und Vertrauen die bedeutsame Tatsache begrüßt, daß Großbritannien mit der Übernahme des Palästina-Mandates betraut wurde. Was wir seit jenem Moment in Palästina geschaffen haben, hat bewirkt, daß das gegenseitige Verständnis zunahm und daß engere Beziehungen zwischen den Bestrebungen der Zionisten und den Problemen und Schwierigkeiten hergestellt wurden, denen sich die Mändatarmacht gegenübersieht Mit jedem Vorwärtsschreiten unserer Arbeit vertieft sich dieses Verständnis. Und so festigt sich unsere politische Stellung nicht nur gegenüber den unmittelbar mit uns in Berührung kommenden Regierungsorganen, sondern auch — in der öffentlichen Meinung des englischen Volkes. Und auch in den andern Ländern haben wir wichtige Positionen in der öffentlichen Meinung gewonnen. Zwar hat uns das Palästina-Mandat politisch noch nicht alles gegeben, was wir wünschen, nicht alles, wa> wirzu erwartenberechtigt sind, auch nicht alles, was sein Inhalt wirklich umfaßt. Aber es hat die Tore weit geöffnet zu unbehinderter Tätigkeit und es hat einen Zustand geschaffen, bei dem unsere politische Position wachsen muß und wird, im Verhältnis zur wachsenden Entwicklung unseres Gemeinwesens. Es hat uns im vollen Sinne zu Herren unseres eigenen Geschickes gemacht, politisch wie sozial; was wir säen, werden wir ernten. Geehrter Kongreß! Wir stehen heute mitten in der Arbeit des Aufbaus. Es ist schwer, in einem Rückblick, der eine historische Würdigung geben will, das Auf und Nieder dieser stetigen Entwicklung zu charakterisieren. Ein Aufbauwerk, eine Kolonisation wie die unsere, macht verschiedene Phasen durch. Unser W-erk ist heute bereits eingeordnet in die Zusammenhänge der realen Welt, es steht in dauernder Wechselwirwirkung.mit vielen Tatsachen, die von uns abhängig sind und die uns oft überrennen. Muß es ausgesprochen werden, daß wir selbst oft nicht mit allen Einzelheiten unseres eigenen Werkes zufrieden sind? Eine nur allzubegreifliche Ungeduld ist vor allem unzufrieden mit dem Tempo unseres Fortschritts. Denn uns treibt auch mit grausamer Gewalt das Bewußtsein von der kritischen Lage Hunderttausender unserer Brüder, für die in dem Gebäude der übrigen Welt kein Raum zu sein scheint, zu schnellen Taten. Aber diese Disproportion zwischen unserem Wollen oder Müssen und unserem Können darf uns doch nicht zu einer Unterschätzung unserer bisherigen Leistung führen. Wenn wir alle Umstände berücksichtigen, wenn wir bedenken, in welcher Zeit, mit welchem Volk, in welchem Land und unter welchen Bedingungen unsere Arbeit vor sich gehen mußte, so können wir ohne Überhebung sagen,.daß das, was der Zionismus nach dreißig Jahren seines Bestandes vollbracht hat, einzig dasteht in der jüdischen Geschichte. Und wenn sich von Zeit zu Zeit besondere Schwierigkeiten auftürmen, die wir Krisen nennen, wenn wir infolge des Zusammentreffens einer Reihe von ungünstigen Momenten Rückschläge erleiden, so darf und wird uns das nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Gerade im gegenwärtigen Moment ist unser ganzes Denken und Sorgen aufgerührt durch eine solche Krise. Es wäre unklug, ihre Schwere zu unterschätzen, aber es wäre gefähr-

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