Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 34 (26.8.1927)
- Date
- 1927-08-26
- Page
- Seite 540 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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540 Das Jüdische Echo Nr. 34 lieh einmal uns politisch ganz unabhängige Sachverständige zur Verfügung ständen. Von besonderer Bedeutung wird die Frage sein, wie weit der Kongreß darauf verzichten kann und wird, das Budget selbst zu bestimmen oder dies den von ihm eingesetzten Behörden, Aktionskomitee und Exekutive, überlassen kann. Doch sind alle diese den Kongreß und den Aufbau der Organisation betreffenden Fragen, so wichtig sie auch im Einzelnen sind, doch mehr oder weniger technischen Charakters, über die bei einigermaßen gutem Willen der Parteien ohne große Schwierigkeit hinwegzukommen sein wird. Viel wichtigere und schwierigere Fragen werden aber gerade diesem Kongreß obliegen, die für die ganze Zukunft der Bewegung von weitestreichender Bedeutung sein werden, die großen politischen und mehr noch wirtschaftlichen Fragen, die die Entwicklung des Aufbaus der jüdischen Heimstätte mit sich gebracht hat. Politisch: die Frage unseres Verhältnisses und unseres Verhaltens zur Mandatarmacht, zu England. Zwei Fragen! Erstens: Hat die englische Regierung alle die Verpflichtungen erfüllt, die ihr auf Grund des Palästina-Mandats für die Förderung der Schaffung eines jüdischen nationalen Heims übertragen wurden? Auch der loyalste Zionist wird auf diese Frage nicht mit einem „Ja“ antworten können, und so hört man auch aus dem neuesten Memorandum der Zionistischen Organisation an die eben in Genf tagende Mandatskommission trotz aller anerkennenden Worte kein absolutes „Ja“ heraus. Aber mit einer gewissen Befriedigung wird da konstatiert, daß die englische Regierung im letzten Jahre mehr als zuvor sich geneigt erwiesen hat, unsere begründeten Forderungen zu erfüllen und es spricht daraus weiter die bestimmte Hoffnung, daß die Mandatarmacht auch weiterhin auf diesem Wege fortschreiten wird, insbesondere in den Punkten: Zuweisung von Staatsländereien, Beihilfen zum Schulwerk, Arbeitslosenfürsorge und Arbeiterschutzgesetzgebung. Diese Befriedigung einerseits und sichere Hoffnung anderseits auf Seiten der Exekutive enthält zugleich das „Nein“ auf die andere Frage dieses Gebietes, auf die Frage: Soll die Organisation in anderer als der bisherigen Form, mit schärferen Mitteln auf die englische Regierung einzuwirken suchen? Diese Frage wird bejaht von einer, wie die Wahlen schon gezeigt haben, trotz allen geschickten Redens und Schreiens nur sehr kleinen Gruppe in der Organisation und es ist anzunehmen, daß der Kongreß das maßvolle, aber doch bestimmte bisherige Auftreten der Leitung der Organisation billigen und nicht eine Änderung in dieser Politik wünschen wird. Wir müssen weiterhin eine möglichst aktive Unterstützung der Mandatarmacht für unser Aufbauwerk fordern, müssen aber die Auffassung bekämpfen, als ob die Mandatarmacht uns bisher gar nicht geholfen hätte. Es hat sich in sehr vielen Fällen gezeigt, daß sie sich unseren Argumentationen nicht verschlossen hat und unsere Forderungen bewilligt hat. Daß sie es noch nicht immer getan hat, geschah aus dem Betreiben einer gewissen Beruhigungspolitik gegenüber den Arabern heraus, die auch manchmal die Bestimmungen des Mandats zunächst zu übersehen schien, die aber — wie wir nachträglich anerkennen müssen, — doch vielleicht erst die Basis für unsere ganze Arbeit uns gab. Wir können ebensowenig, wie die Mandatarmacht es konnte, mit einer Handbewegung über die uns entgegengesetzten Tendenzen gewisser einflußreicher arabischer Kreise hinweggehen und müssen den dauernden politischen Schutz unseres Werkes diesen gegenüber anerkennen. Wir haben nicht die Machtmittel, um England zu einem Mehr zu zwingen und müssen eine Gefährdung unserer bisherigen Erfolge durch eine rein negative Kritik, durch eine Politik der leeren Demonstrationen befürchten, wenn wir auch vielleicht nicht ganz mit der im erwähnten letzten Völkerbunds-Memorandum etwas hervortretenden Tendenz der Beschönigung einverstanden sind. Auch im Verhalten zur arabischen Bevölkerung Palästinas wird der Kongreß kaum eine Änderung wollen und die demonstrierenden, herausfordernden Wünsche einer opponierenden Gruppe sicher mit großer Majorität ablehnen. Das Verhalten zu den Arabern ist ein zweifellos viel besseres geworden, und es wäre das Verkehrteste, dieses Ergebnis gefährden zu wollen. Vielleicht nicht so groß, aber doch groß genug, wird wohl auch die Majorität des Kongresses sein, die das Verhalten der bisherigen Leitung in der Jewish-Agency-Frage billigen und eine Bündnis- Politik mit dem nichtzionistischen, aber palästinophilen Teil der Judenheit billigen wird. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, daß die Zionisten allein unmöglich die ungeheuren großen Mittel, die der Aufbau erfordert, aufbringen können, selbst wenn sie allesamt noch viel mehr als bisher ihre Pflicht getreulich erfüllten. Ebenso selbstverständlich ist es, daß man die, die bei dem Werke helfen, an der Bestimmung der Mittel und Wege des Aufbaus, teilnehmen läßt, wozu im übrigen auch der Wortlaut des Mandats verpflichtet. So ist nicht anzunehmen, daß diese politischen Fragen, wenn sie auch sicher manche, hoffentlich nicht zu viel der kostbaren Zeit in Anspruch nehmende Reden und Debatten bringen werden, den Kongreß nicht zu uneinheitlich erscheinen lassen werden. Weit größere Differenzen wird es aber geben bei den für diesen Kongreß bedeutungsvollen F:agen, die er zu erledigen haben wird, bei den wirtschaftlichen Fragen, bei den Fragen der Liquidierung der palästinischen Krise, der Konsolidierung des bisherigen Aufbauwerkes und seines weiteren Ausbaus. Hier werden Weltanschauungsfragen mitsprechen, hier stehen sich eine Reihe von Gruppen gegenüber, die die Dinge aus ganz verschiedenen Blickfeldern betrachten und darum werden hier große, aber unvermeidliche Gegensätze stark in die Erscheinung treten. Zu einer alle Teile befriedigenden Lösung dieser Fragen kann es unmöglich kommen — es wäre zu wünschen, wenn die Gemüter nicht zu schroff aufeinander platzen, und auf allen Seiten das Einigende nicht über dem Trennenden vergessen wird und daß schließlich Beschlüsse zustande kommen, die von den nicht Zustimmenden wenigstens in ruhigem Abwarten hingenommen werden — die vor allem wirklich eine Erleichterung der Lage in Palästina bringen und die einen, auch langsamen Wiederanstieg der Arbeit in Palästina erhoffen lassen. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr auf Einzelheiten eingehen. Ich möchte nur darauf hinweisen, daß es mir erforderlich erscheint, wenn eine Besserung der Lage erreicht werden soll, daß zunächst alle Kreise sich keiner Täuschung über den Sachverhalt hingeben, sich vielmehr redlich bemühen, die Sachlage klar und deutlich