Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 32 (12.8.1927)
- Date
- 1927-08-12
- Page
- Seite 516 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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516 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 32 die Vertreter der Mainzer Gemeinde in einem Schreiben auf, den Abtrünnigen zu ergreifen und mit der ganzen Strenge der Gesetze zu bestrafen. Juda gelang es indessen, den Brief a-ufzufangen und nun war sein Entschluß endgültig gefaßt: Nachdem er auch noch seinen siebenjährigen Bruder entführt hatte, empfing er zusammen mit diesem die Taufe Amd trat unter dem Namen Herrmann in ein Kloster ein (1128). Es war begreiflich, daß die Juden von Mainz, Worms und Köln dreißig Jahre nach dem ersten Kreuzzug, da sie noch die Schatten der Märtyrer zu umschweben schienen, dem Überlaufen eines Abtrünnigen in das Lager der Triumphierenden nicht ruhig zusehen wollten. Indessen lag es in der Natur der Dinge, daß dieselben Prüfungen, die den nationalen Glauben im Volke als einem Ganzen nur noch stärker werden ließen, bei einzelnen das Gegenteil zur Folge hatten. Solche Wankelmütige mochten gleich Herrmann die Frage aufwerfen: wenn die Juden Gott so lieb sind, warum hat er ihnen solche Qualen zugedacht und die feindliche „Irrlehre“ triumphieren lassen? Diese an Verzweiflung streifende Skepsis zeitigte zuweilen überaus tragische Zwischenfälle von der Art des folgenden: Der Sprößling einer reichen jüdischen Familie in Regensburg faßte den Entschluß, zum Christentum überzutreten, worauf er seinem Vater viel Geld und allerlei Kostbarkeiten raubte und die ganze Beute einem dortigen Archidiakonus zur Aufbewahrung übergab. Dem habgierigen Priester, der an dem tauflustigen jungen Manne die Taufe vollziehen sollte, und in dessen Hause dieser Unterkunft gefunden hatte, Jag jedoch viel mehr an dem deponierten Schatze als an dem von ihm betreuten künftigen Sohn der Kirche, dem er das Geld nach der Taufe hätte zurückerstatten müssen. So verschob er denn die Taufe von Tag zu Tag und trat mittlerweile in Unterhandlungen mit dem Vater des Jünglings ein, dem er den Vorschlag machte, den flüchtigen Sohn unter der Bedingung auszuliefern, daß alle geraubten Kostbarkeiten in seinen, des Archidiakonus, Händen verblieben. Der Vorschlag wurde angenommen. Nun bemühte sich der Vater, den verlorenen Sohn von dem geplanten Übertritt abzubringen, doch blieben alle seine Ermahnungen erfolglos. Eines Tages erschlug er in einem Wutanfall den Abtrünnigen. Die Leiche des Ermordeten wurde bald darauf aus der Donau gezogen. Das Gericht verurteilte nun den Archidiakonus zum Feuertode, während die Eltern des Ermordeten und ihre Helfershelfer der Strafe nur dadurch entgingen, daß sie sich „zu Christus bekehrten“, d. h. dem körperlichen Tode den geistigen vorzogen (1137). TEINACHER__i rein natürliches Mineralwasser von Weltruf, ärztl. sehr empfohlen bei BLASEN-, NIEREN- und HALSLEIDEN Generaldepot: EDUARD KUHLES/MÜNCHEN LEDERERSTRASSE 12 TELEPHON 20542 Bücher und Zeitschriften Der vierte Band von Dubnows Jüdischer Geschichte. Wir wollen heute auf den vierten Band des bedeutsamen Werkes hinweisen. Eine Probe daraus bringen wir in dieser Nummer. Auch dieser Band ist wieder ein .echter Dubnow. In seinen großen Vorzügen und in seinen Mängeln, die der Kritiker leider nicht übersehen darf, ist er stets sich selber treu, und auch dieser Band läßt den Leser die ehrliche, gründliche, erwärmend eindeutige Persönlichkeit des Verfassers hinter dem Werke stehend erkennen. Diese Art Geschichtsschreibung ist weit entfernt von einem heute ziemlich verbreiteten Eklektizismus, der einem geistreichen Bonmot zuliebe jeden Tatbestand umzudeuten oder zu verschweigen bereit ist. Nun geht aber leider der Verfasser nicht nur — was wir begrüßen, dem Übermaß an Bonmots, sondern leider vielfach auch dem „boneffet“ aus dem Wege, d. h. er stellt recht häufig die Tatsachen nicht in den Zusammenhängen dar, in denen sie verwurzelt sind. In erster Reihe gilt das von allen wirtschaftsgeschichtlichen Dingen. So wird S. 23: „Die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden in Spanien“ in einer Fußnote behandelt und auch sonst werden solche Tatsachen ganz oder fast übergangen. Das ist eigentlich ungeheuerlich wegen der Bedeutung, die die Wirtschaft für die Juden, und die die Juden für die Wirtschaft hatten. Es ist natürlich fast nichts damit gesagt, daß alte Urkunden Kaufmannschaft und Judenheit miteinander gleichstellen, wenn nicht auch — aus der großen Fülle des Materials — erwiesen wird, in welchem Umfang und warum das so war. Wegen dieses schweren Mangels möchte man fast sagen: es ist nur der halbe Geschichtsstoff in diesem Band dargestellt, und auch die —■ über Gebühr — in den Vordergrund gerückten politischen Verhältnisse werden nicht recht lebendig, da ihre wirtschaftlichen Wurzeln nicht genügend aufgezeigt werden. Leider gilt dasselbe auch von ihren Wurzeln, die ins Erdreich der Religion hinuntergehen: eine Darstellung gerade des ersten nachchristlichen Jahrtausends, das bei Beginn den Grund eines politisch und geistig veränderten Europas — mit starker Teilnahme des Judentums — legte und das am Schluß auf diesem Grunde das Gebäude des christlichen Europas errichtet hatte — mit bewußter Tendenz gegen die Juden: eine Darstellung gerade dieses Zeitraums hätte auf das christlich-jüdische Problem ausführlich eingehen müssen. Denn dieses Problem ist bis heute das wesentlichste. Platz (und Gelegenheit) zu seiner Behandlung hätte u. a. die unnötig breite Darstellung des Chazarenreichs gegeben, durch Behandlung der Frage: welche Vorbedingungen waren dort für einen zeitweiligen Sieg des Judentums gegeben und welche Umstände dessen nachhaltige und völlige Niederlage im christlichen Europa? Die Darstellung des zufalls-jüdischen Chazarenreichs wäre allein hierdurch in einen anderen als äußerlichen Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte gerückt. Das Fehlen ausreichender Verknüpfung der diffusen Teile —. das Material selbst bietet diese enorme Schwierigkeit — zeigt sich auch in den Mängeln der Stoffeinteilung. Eine Periode der „Kolonisierung“ von einer solchen der „Organisierung“ es müßte „Kolonisation und Organisation“ heißen — zu scheiden, ist unzulässig. So kann man die Geschichte Nordamerikas einteilen und die aller anderen Völker, deren äußere Lebensformen nach beendeter Kolonisation eine fest-