Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1927-08-12 · 32 (12.8.1927) · p. Seite 515

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
32 (12.8.1927)
Date
1927-08-12
Page
Seite 515 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103079-9156825--07925-9080661
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Literarische Beilage Änusslm * Von Prof. Simon Dubnow Traurig war das Los der zwangsweise Getauften, der sogenannten „Anussim“. Zwar kehrte der größte Teil von ihnen, sobald die Gefahr vorbei war, zum Judentum wieder zurück, doch mußten sie dann an dem Bewußtsein ihrer im entscheidenden Augenblick bekundeten Schwäche das ganze Leben lang tragen. Die Rabbiner untersagten es aufs strengste, die Reumütigen an ihre Vergangenheit irgendwie zu erinnern, um ihre Seelenqualen nicht noch mehr zu vergrößern. Nur die Allerwenigsten, denen die Vorteile einer Adoption durch die Christenheit allzu verlockend erschienen, brachtet es über sich, in dem neuen Glauben zu verharren; aber auch diese besannen sich schließlich eines Besseren und sagten sich häufig von der aufgezwungenen Religion wieder los. Ein freiwillig Übergetretener, der „Mumar“ oder der „Meschumad“, war um jene Zeit unter den Juden eine überaus seltene Ausnahmeerscheinung. Freunde und Angehörige mieden ihn wie die Pest, und dem Verstoßenen und Verbitterten blieb nichts anderes übrig, als sich der christlichen Gesellschaft mit Leib und Seele zu verschreiben und nicht nur den angestammten Glauben, sondern zugleich auch die eigene Nation in Grund und Boden zu verdammen. Einer dieser Abtrünnigen, Juda-Herrmann, hinterließ eine eingehende Schilderung seines Übertritts, die auf die Beziehungen zwischen Christen und Juden im XII. Jahrhundert ein helles Licht wirft Juda, der später auf den Namen Herrmann getauft wurde, war einer wohlhabenden jüdischen * Familie in Köln entsprossen. In seinen Kinderjahren, die unmittelbar auf den ersten Kreuzzug folgten, genoß er eine streng religiöse Erziehung. Als Juda zwanzig Jahre alt geworden war, begann er Handelsreisen nach Mainz zu unternehmen, „da“, wie er erläutert, „alle Juden dem Handel obliegen“. In Mainz traf der junge Kaufmann mit dem Bischof Ekbert aus Münster zusammen. Der Bischof ging Juda um ein Darlehen an und dieser gewährte * Nachdruck verboten. Copyright 1926 by Jüdischer Verlag G. m. b. H., Berlin W 57, Potsdamer Straße 63. Aus dem IV. Band der zehnbändigen „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ von Prof. Simon Dubnow geben wir mit Genehmigung des Jüdischen Verlags G. m. b. H., Berlin W. 57, die folgenden Abschnitte hier wieder. Der IV. Band des Dubnowschen Geschichtswerkes, von dem soeben der VI. Band erschienen ist, behandelt die Geschichte der europäischen Juden bis zum Ende der Kreuzzüge. In Band V hat das spätere Mittelalter seine Darstellung gefunden, während Band'VI bereits den Beginn der Neuzeit behandelt. _ Mit Band VII, der Ende dieses Jahres erscheinen dürfte wird der zweite Zyklus des großangelegten Geschichtswerkes abgeschlossen. Die im Laufe des Jahres 1928 erscheinenden Bande VIII—-X werden in völlig umgearbeiteter Form die früher im gleichen Verlag erschienene „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes bis zur Gegenwart enthalten. Der Subskriptionspreis für das Gesamtwerk beträgt in Leinen RM. 12.—, in Halbleder RM. 15.—■ pro Band. u- Keües ihm, ohne ein Pfand zu verlangen „ungeachtet der Gepflogenheit der Juden, sich bei jedem Darlehen durch ein Unterpfand von doppeltem Werte sicherzustellen“. Als Juda dann heimkehrte, machten ihm seine Angehörigen ob seines Leichtsinns Vorwürfe und rieten ihm. sich sofort nach Münster zu begeben und dort solange zu verweilen, bis der Bischof ihm das Geld zurückerstatten werde. Da aber in Münster keine jüdische Gemeinde bestand, so gab man ihm einen gewissen Baruch als Reisegefährten mit, der die Lebensweise des jungen Mannes überwachen sollte. Der' Bischof schob indessen die Rückzahlung seiner Schulden immer wieder hinaus und der Aufenthalt des Juda in der fremden Stadt zog sich in die Länge. Während der unfreiwilligen Mußezeit suchte er oft die Ortskirchen auf und hörte auch die Predigten des Ekbert mit an. Hierbei fand er besonderen Gefallen an den den Andächtigen gebotenen Bibelerläuterungen, bei denen der Bischof zu betonen pflegte, daß die Christen den inneren, geheimen Sinn der Heiligen Schrift hervorzukehren wüßten, während die Juden gleich dem unvernünftigen Getier an der Oberfläche haften blieben. Nachdem der Jüngling ohne jede fremde Hilfe Latein gelernt hatte, begann er verschiedene in der Klosterschule geliehene Bücher zu lesen. Den dem Bischof nahestehenden Priestern und Mönchen waren die geheimen Neigungen des Juda nicht entgangen und so verwickelten sie ihn in religiöse Gespräche, wie sie denn überhaupt keins ihrer bewährten Missionsmittel unerprobt ließen. Juda war aber noch immer unschlüssig: die Anbetung der Heiligenbilder und manche andere Abweichung der Kirche vom reinen Monotheismus erweckten seine Bedenken. Anderseits jedoch setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß Gott den Christen unmöglich das Zepter der Macht in die Hand gegeben und die Juden zu einem rast- und ruhelosen Umherirren unter den Völkern verurteilt hätte, wenn das Christentum ganz im Unrecht wäre. Schließlich bezahlte der Bischof seine Schuld und Juda kehrte nach einer Abwesenheit von zwanzig Wochen, von schweren Gewissensnöten geplagt, nach dem heimatlichen Köln zurück. In der Hoffnung, daß Familienglück die bösen Gedanken verscheuchen würde, beeilten sich nun seine Verwandten, ihn zu verheiraten. Für einige Monate fand er denn auch in der Tat Ruhe, dann begann ihn aber der Zwiespalt in seiner zwischen Judentum und Christentum schwankenden Seele von neuem zu quälen. Wie ehedem in Münster, besuchte er jetzt die Kirchen in Köln und Mainz, wodurch er bei den Juden in schwersten Verdacht kam. Als er einst in Worms Gemeindemitglieder bei der talmudischen Bibeldeutung antraf, ließ er sich mit ihnen in einen Streit über den inneren Sinn der Schrift ein, die er im Geiste des Christentums auslegte; um jedoch keinen Anstoß zu erregen, beteuerte er' er hätte die abwegigen christlichen Argumente nur zu dem Zwecke vorgebracht, um die Juden mit diesen bekanntzumachen. Die Kölner Juden waren sich aber über die wahren Absichten des Juda schon längst im klaren, und so forderten sie eines Tages

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.