Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 30 (29.7.1927)
- Date
- 1927-07-29
- Page
- Seite 480 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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484 Das Jüdische Echo Nr. 30 BADE ARTIKEL SPORTHAUS Schuster Rosenstraße 6 / München Katalog kostenlos tausenden rettet er sich. Seit Jahrtausenden geschieht immer etwas Drohendes. Seit Jahrtausenden flieht er immer. Was geschehen kann? — Wer weiß es? Können nicht auch auf einem Schiffe Progrome ausbrechen? Wohin dann? Wenn einen Passagier auf dem Schiff der Tod überrascht, wo begräbt man den Toten? Man versenkt die Leiche ins Wasser. Die alte Legende aber von der Ankunft des Messias beschreibt genau die Wiederauferstehung der Toten. Alle Juden, die in fremder Erde begraben sind, werden unterirdisch rollen müssen, bis sie in Palästina angelangt sind. Glücklich diejenigen, die schon in Palästina begraben werden. Sie ersparen sich die weite und mühevolle Reise. Die unaufhörliche, meilenlange Drehung. Werden aber auch die Toten erwachen, die ins Wasser versenkt worden sind? Gibt es Land unter dem Wasser? Welch seltsame Geschöpfe wohnen dort unten? Eine jüdische Leiche darf nicht seziert werden. Fressen die Haifische nicht die Wasserleichen? Außerdem ist die versprochene Schiffskarte noch nicht da. Sie muß freilich kommen. Aber sie allein genügt ja auch noch nicht. Man muß die Einreisebewilligung haben. Die bekommt man ohne Papiere nicht. Wo sind die Papiere? Und nun beginnt der letzte erschütterndste Kampf gegen die Papiere, um die Papiere. Ist dieser Kampf siegreich, dann braucht man nichts mehr. Drüben, in Amerika, kriegt jeder sofort einen neuen Namen und ein neues Papier. Man wundere sich nicht über die Pietätlosigkeit der Juden gegen ihre Namen. Mit einer Leichtfertigkeit, die überraschend wirkt, wechseln sie ihre Namen, die Namen ihrer Väter, deren Klang doch immerhin für europäische Gemüter irgendeinen Gefühlswert haben. Für die Juden hat der Name deshalb keinen Wert, weil es gar nicht ihr Name ist. Juden, Ostjuden, haben keine Namen. Sie tragen aufgezwungene Pseudonyme. Ihr wirklicher Name ist der, mit dem sie am Sabbat und an Feiertagen zur Thora aufgerufen werden: Der jüdische Vorname ihres Vaters. Die Familiennamen aber von Goldenberg bis zu Hescheles sind aufoktroyierte Namen. Die Regierungen haben den Juden befohlen, Namen anzunehmen. Sind es ihre eigenen? Wenn einer Nachmann heißt und seinen Vornamen in ein europäisches Norbert verändert, ist nicht „Norbert“ die Verkleidung, das Pseudonym? Ist es etwa mehr als Mimikry? Empfindet das Chamäleon Pietät gegenüber den Farben, die es fortwährend wechseln muß? Der Jude schreibt in Amerika Greenboom statt Grünbaum. Er trauert nicht um die veränderten Vokale. Leider ist er noch immer nicht so weit, sich nennen zu können, wie er will. Noch ist er in Polen, in Litauen. Noch muß er „Papiere“ haben, die seine Geburt, seine Existenz, seine Identität beweisen. Und er fängt an, die Wege zu wandern, die genau so unübersichtlich, verworren, ziellos und tragisch, lächerlich im Kleinen sind, wie einst die Wege seiner Väter im Großen waren. Man schickt ihn nicht von Pontius zu Pilatus, man schickt ihn vom Vorzimmer des Pontius zum geschlossenen Tor des Pilatus. Überhaupt sind alle Staatstüren verschlossen. Nur mit Kanzleisekretären sperrt man sie auf. Wenn aber überhaupt jemand am Zurückschicken seine Freude haben kann, so sind es die Kanzleisekretäre. Man kann sie bestechen? Als ob eine Bestechung leicht wäre! Weiß man, ob eine Bestechung nicht einen großartigen Prozeß einträgt und mit Gefängnis endet? Man weiß nur, daß alle Beamten bestechlich sind. Ja, alle Menschen sind bestechlich. Die Bestechlichkeit ist eine Tugend der menschlichen Natur. Aber wann und ob einer seine Bestechlichkeit eingesteht, kann man nie wissen. Man kann nicht wissen, ob der Beamte, der schon zehnmal Geld genommen hat, beim elften Male die Anzeige erstattet, einfach um zu beweisen, daß er zehnmal nichts genommen hat und um noch weiter hundertmal nehmen zu können. Glücklicherweise gibt es fast überall Leute, die ganz genau um die Seele des Beamten Bescheid wissen und die davon leben. Auch diese Kenner sind Juden. Aber weil sie so selten Vorkommen und vereinzelt in jeder Stadt und weil sie die Fähigkeit haben, mit den Beamten in der Landessprache zu trinken, sind diese Juden beinahe selbst schon Beamte, und sie selbst muß man zuerst bestechen, um überhaupt erst einmal bestechen zu können. Aber auch die vollendete Bestechung erspart keine Demütigungen und keine unnützen Wege. Man erträgt Demütigungen und wandert nutzlose Wege. Dann hat man die Papiere. Wenn also alles klappt, macht Amerika die Grenze wieder zu, sagt, für dieses Jahr hätte es schon der Ostjuden genug, und nun sitzt man da und wartet auf das nächste Jahr. Dann, endlich, fährt man vierter Klasse Personenzug sechs Tage nach Hamburg. Man wartet zwei weitere Wochen auf das Schiff. Schließlich besteigt man es. Und während alle Passagiere mit Schnupftüchern winken und dem Weinen nahe sind, ist der jüdische Emigrant zum erstenmal in seinem Leben froh. Er hat Angst, ^.^$UccitX£ Somme (S^offmrfc&ner (Segr. 1574 ■JUjfcolmtg (|e{. 20519 TRelt&en^fraße 14/15 ^-^ v_S LJ in xeidxftez JJlusroaftl