Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1927-07-29 · 30 (29.7.1927) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
30 (29.7.1927)
Date
1927-07-29
Page
Seite 479 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103079-9156823--07891-9080627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 30 Das Jüdische Echo 483 11 i 11II111 im Illilll 1 III1 IUI Feuilleton | II II Hill |ll 1III Hl III ■11 Ein Jude geht nach Amerika Von Joseph Roth Immer noch und obwohl die erlaubte Zahl für die östlichen Einwanderer schon eitiigemal überschritten war und obwohl die amerikanischen Konsulate so viele Papiere verlangen wie kein Konsulat der Welt, immer noch wandern viele Ostjuden nach Amerika aus. Amerika ist die Ferne. Amerika heißt die Freiheit. In Amerika lebt immer irgend ein Verwandter, Es ist schwer, eine jüdische Familie im Osten zu finden, die nicht irgendeinen Vetter, irgendeinen Onkel in Amerika besitzen würde. Vor zwanzig Jahren ist einmal einer ausgewandert. Er floh vor dem Militär. Oder er desertierte, nachdem er assentiert worden war. Dieser Vetter in Amerika ist die letzte Hoffnung jeder ostjüdischen Familie. Er hat schon lange nicht geschrieben, dieser Vetter. Man weiß nur, daß er sich verheiratet und Kinder gezeugt hat. Irgendein altes vergilbtes Bild hängt an der Wand. Vor zwanzig Jahren kam es an. Zehn Dollar lagen dabei. Man hat lange nichts mehr von ihm gehört. Dennoch zweifelt die Familie in Dubno nicht, daß man ihn in Neuyork oder Chicago finden wird. Freilich heißt er nicht mehr so jüdisch, wie er zu , Hause genannt worden war. Er ßpricht englisch, er ist amerikanischer Staatsbürger, seine Anzüge sind bequem, seine Hosen sind weit, seine Röcke , haben breite Schultern. Man Wird ihn doch erkennen. Der Besuch wird ihm .vielleicht nicht angenehm sein. Hinauswerfen wird er seine Verwandten sicherlich nicht. Und während man seiner so gedenkt, kommt eines Tages der Briefträger mit einem dicken Einschreibebrief. Dieser Brief enthält Dollars, Anfragen, Wünsche und Grüße und verspricht „bald eine Schiffskarte“. Von diesem Augenblick an „fährt man nach Amerika“. Die Jahreszeiten wechseln, die Monate reihen sich aneinander, das Jahr verrollt, man hört nichts von einer Schiffskarte, aber „man fährt nach Amerika“. Die ganze Stadt weiß es, die umliegenden Dörfer wissen es und die benachbarten kleinen Städte. Ein Fremder kommt und fragt: „Was macht Jizchok Meier? „Er fährt nach Amerika“, erwidern die Einheimischen; indessen Jizchok Meier noch heute und morgen, wie gestern und vorgestern, seinen Geschäften nachgeht und scheinbar, sich nichts in seinem Hause verändert. In Wirklichkeit verändert sich viel. Er stellt sich nämlich -.um. Er rüstet innerlich für Amerika. Er weiß schon genau, was er mitnehmen und was er behalten wird, was er zurücklassen und was er verkaufen wird. Er weiß schon, was mit dem Viertelhaus, das auf seinen Namen intabuliert ist, geschieht. Er hat einmal ein Vierteljiaus geerbt. Die anderen drei Viertel besaßen drei Verwandte. Die sind gestorben oder ausgewandert. Die drei Viertel gehören jetzt einem Fremden. Diesem könnte man noch das letzte Viertel abtreten. Allein er zahlt nicht viel. Wer also sonst in aller Welt kauft ein Viertel von einem Haus? Man wird also, wenn es- „hypothekenfrei“ ist, noch möglichst viele Schulden aufzunehmen trachten. Das gelingt nach einiger Zeit. Man hat Bargeld oder Wechsel, die so gut sind wie Bargeld. „ Der Jude, der nach Amerika will, lernt nicht etwa englisch. Wie er im fremden Lande zurechtkommen wird, weiß er. Er spricht jiddisch, diq geographisch, aber nicht zahlenmäßig am weitesten verbreitete Sprache. Er wird sich verständigen. Er braucht nicht englisch zu verstehen. Die seit dreißig Jahren im Judenviertel von Neuyork ansässigen Juden sprechen auch noch jiddisch und können ihre eigenen Enkel nicht mehr verstehen. Die Sprache des fremden Landes also kann er schon. Es ist seine Muttersprache. Auch Geld hat er. Ihm fehlt nur noch der Mut. Er fürchtet nicht Amerika, er fürchtet den Ozean. Er ist gewohnt, durch weite Länder zu wandern, aber nicht über Meere. Einmal, als seine Vorfahren ein Meer zu überqueren hatten, geschah ein Wunder und die Wasser teilten sich. Wenn er durch den Ozean von seiner Heimat getrennt ist, so trennt ihn eine Ewigkeit von ihr. Vor Schiffen hat der Ostjude Angst. Dem Schiff traut er nicht. Seit Jahrtausenden lebt der Ostjude im Binnenland. Er fürchtet die Steppe nicht, nicht die Grenzenlosigkeit des Flachlandes. Er fürchtet die Desorientierung. Er ist gewohnt, dreimal im Tag sich gegen Misrach, den Osten, zu wenden. Das ist mehr als eine religiöse Vorschrift. Das ist die tiefgefühlte Notwendigkeit, zu wissen, wo man sich befindet. Seinen Standpunkt zu kennen. Von der Sicherheit des geographischen Standpunktes aus kann man seinen Weg am besten erkennen. Man weiß ungefähr, wo Palästina liegt. Auf dem Meer aber weiß man nicht, wo Gott wohnt. Man erkennt nicht, wo der Misrach liegt. Man kennt seine Stellung zur Welt nicht. Man ist nicht frei. Man ist abhängig vom Kurs, den das Schiff genommen hat. Wer so tief das Bewußtsein im Blut hat wie der Ostjude, daß es jeden Augenblick gelten kann, zu fliehen, fühlt sich auf dem Schiff nicht frei. Wohin kann er sich retten, wenn etwas geschieht? Seit Jahr- Die Wäscherei derHausf rau die größte Mietwäscherei Münchens ist mit den besten und modernsten Anlagen ausgestattet. Sie ermöglicht Ihnen: Zeitersparnis S in ca. 14/2 Stunden wird jedes Quantum in Ihrer Anwesenheit gereinigt. Geldersparnis; Billiger als im eigenenHaushalt. Trommeln von RM. 3.70 an. Größte Schonung derWäscheJ kein Bürsten und Reiben mehr. Trockenanlagen u. Bügelmasch. stehen zur Verfügung. Unser Auto holt und bringt die Wäsche kostenlos. Besichtigen Sie unsere Musterwaschanlage. Wir liefern jeden Posten Wäsche gebrauchsfertig. Jeder Posten wird gesondert behandelt! DieWäscherei derHausf rau HOCKER & BÄUERLE Landwehrstr.57/59, T596858

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.