Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 29 (22.7.1927)
- Date
- 1927-07-22
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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468 Das Jüdische Echo Nr. 29 ich nun von Lady Sassoon, welche gemeinsam mit ihrem Sohn ein Haus bewohnt, eine Einladung zur Besichtigung der Bibliothek und gleichzeitig zum Diner. Wer England kennt, weiß, daß eine solche Einladung zu einem Diner in einem aristokratischen Haus Menschen unserer Stellung reichlich Kopfzerbrechen zu verursachen pflegt. Man muß bezüglich. der Kleidung, der Etikette und der Unterhaltung schon sehr vorsichtig sein, um — Gott behüte — nicht „shocking“ zu sein. Ich nahm meine ganzen Kenntnisse von England und die Instruktionen meiner sämtlichen englischen Freunde zu Hilfe, war aber doch durchaus nicht in gehobener Stimmung, als ich punkt 7 Uhr abends vor dem im Zentrum der Londoner Aristokratie gelegenen ruhigen Palast der Sassoons vorfuhr. Das Tor öffnete sich geräuschlos, eine alte Dienerin empfing mich und erklärte mir, sie hätte den Befehl, mich direkt in die Bibliothek zu bringen. Nachdem ich eine lange Reihe von Zimmern passiert hatte, erreichte ich die Bibliothek und nach ein paar Minuten erschien Herr Sulyman Sassoon, ein Mann in mittleren Jahren, mit einem typisch spanischen Gesicht mit Bart, auf dem Haupt ein Käppchen. Wir unterhielten uns kurze Zeit und schon nach einer Viertelstunde waren wir eingebaut in Bücher und Manuskripte, die Herr Sassoon mir von den Fächern reichte, wobei er mir deren Inhalt, Herkunft und Bedeutung erklärte. Viele können den Rausch verstehen, der einen Menschen beim Anblick großer Geld- und Diamantenschätze befällt; aber es ist schwer, den Rausch, die wunderliche Betäubung eines Menschen zu schildern, der in alten tausendjährigen Manuskriptschätzen blättert, die noch nicht ans Tageslicht kamen, in Schriften, die bis jetzt noch nicht gedruckt wurden, in Kunstwerken, die in der Geschichte eine neue Wendung hervorzurufen vermögen. Ich blätterte mit eigenen Händen in den zwei Bänden des Ramban, die der Meister selbst geschrieben hat: es sind die einzigen auf der Welt befindlichen Exemplare seiner Mischnaherklärungen in arabisch. Ich sah seine Schriftzeichen, die Zeilen, die er durchstrichen und die Verbesserungen, die er am Rande, der Blätter angebracht hat. Ich blätterte in Chumeschexemplaren, die vor zwölfhundert Jahren von jüdischen Gelehrten in jahrzehntelanger mühevoller Arbeit geschaffen wurden. Ich sah einen Tenach, den vor achthundert Jahren ein jüdischer Künstler in Spanien schrieb und der mit Arabesken und vielfarbigen Zeichnungen reich verziert ist, dessen Anblick allein einen Kunstforscher von heute in die höchste Verzückung zu versetzen vermag. Ich sah eine ganze Anzahl von Thorarollen, große und kleine und ganz kleine, solche, die in Jemen, in Damskus, solche, die in Jerusalem, in Sichern, solche, die in Indien, in Persien geschrieben wurden. Ich sah in Jemen geschriebene Gebetbücher, in denen noch ein besonderer Text für Verträge über Sklavenverkauf vorhanden ist. Ich sah Briefe und Stempel von falschen Messiassen, die in Arabien als Propheten auftraten. Ich sah den wirklich originalen Siddur Witri, die erste Originalhaggadah, reich verziert mit Malereien; ich sah wieder ein Päckchen Briefe eines Raw aus Lissa (Großpolen) aus dem 14. Jahrhundert, gegen die Professor Balaban seine umfangreiche Sammlung historischer Schriften austauschen würde. Ich sah das einzig vorhandene Manuskript des „Arugath Habossem“ des Mose ibn Esra, geschrieben vor achthundert Jahren. Ich erinnere mich eines bekannten Rabbiners, der mir erzählte, daß in der Welt der Gelehrten die Kunde von dem Vorhandensein des Originals geht, von dem jedoch niemand weiß, wo es sich befindet, und ich hielt es in Händen. Ich sah eine bucharisch geschriebene hebräische Grammatik, die im Jahre 1473 in Turkestan entstand. Die Zeit ging unbemerkt vorüber, während wir hier schon etwa eineinhalb Stunden sassen und in den alten Schriften blätterten. Wochen würden vergehen, wollte man alles, was hier in diesen großen Fächern verborgen liegt, durchsehen. Herr Sassoon erhob sich, seine Mutter, Lady Flora Sassoon war in das Zimmer getreten. Er begrüßte sie ehrfürchtig und stellte mich ihr vor. Da erwartete mich eine angenehme Überraschung: Lady Sassoon wandte sich in einem schönen sephardischen Hebräisch an mich und bald standen wir in lebhafter Unterhaltung, in deren Verlauf ich mich überzeugen konnte, daß Lady Sassoon nicht nur eine Kennerin der hebräischen Sprache, sondern auch des Talmuds und der rabbinischen Literatur war. Ihre Sprache war durchflochten mit vielen Ausdrücken aus der Gemarah. Kurz darauf wurde ich in den Speisesaal gebeten und hier kam jüdische Tradition und jüdische Lebensart noch auffälliger zum Ausdruck. Die Tafel war reich gedeckt und überladen mit Silber, Blumen und Früchten. Um die Tafel saßen Angehörige der Familie, Freunde und Verwandte, die Damen — in Abendtoilette, die Herren — mit Hut, eine Gesellschaft von zwölf Personen. Fünf indische Diener unter der Aufsicht eines älteren Dieners in Turban, trugen auf. Zuerst brachte man einen silbernen Krug und ein Waschbecken zum Waschen der Hände. Das Diner dauerte von von halb 9 bis halb 11 Uhr. Es wurden sehr viele originelle Speisen aufgetragen, gewürzte und solche nach östlicher Küche, solche, die dem spezifischen Geschmack des jüdischen Feinschmeckers entsprachen. Ich überzeugte mich, daß der schöne Brauch jüdischer Gastronomie bei uns weniger gepflegt wird: Wie viel spezifische jüdische Speisen wurden nicht im Laufe der Zeit vergessen? Hier sah ich, daß feines Essen und nationale Speisen nicht nebensächlich sind. Eine traditionelle Speise hat nationalen Wert. Solche Gedanken durchkreuzten mein Gehirn, während ich am Tische der Sassoons saß. Diese verschiedenen Speisen waren ihrem Geschmack und ihrer Herkunft nach rein jüdisch. So wurde wahrscheinlich in den alten spanischen Häusern in Granada oder in Toledo gekocht, so würzte man ein Gericht in Indien und auf diese Weise bereitete man eine Leckerei in Jemen. Die Unterhaltung bei Tisch wurde englisch, hebräisch und arabisch geführt. Einer der Familienangehörigen kam erst vor kurzem aus Indien und brachte von Herrn Esra, Lady Sassoons Schwiegersohn, der Bürgermeister von Kalkutta war, Grüße; ein junges Ehepaar erzählte von seinen Eindrücken in Erez Israel, wo es ein paar Wochen verbracht hatte. Zuletzt brachten die Diener silberne Schüsseln mit Wasser, man wusch sich die Hände und begann mit dem Tischgebet. Alle, auch die Frauen nicht ausgeschlossen, sagten das ganze Tischgebet, Hierauf wurden Zigarren und Mokka gereicht und es entspann sich in kleinen Kreisen eine ge-