Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 27 (8.7.1927)
- Date
- 1927-07-08
- Page
- Seite 436 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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436 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 27 des Bibliotheksgebäudes hinterlassen, und dieses wird in eineinhalb Jahren fertiggestellt sein. 140 jüdische Pioniere tragen geschäftig die Steine für Haus zusammen, und der schöne Tempel des jüdischen Buches wächst schnell auf dem heiligen Boden. Die Frankfurter „Tage für jüdische Musik66 Erfolge des Jüdischen Gesangvereins München Im Rahmen der Internationalen Frankfurter Musikausstellung „Musik im Leben der Völker“, fanden am 26., 27. und 28. Juni auch „Tage für jüdische Musik“ statt. Dieses jüdische Musikfest nahm einen schönen, glänzenden Verlauf. Am ersten Abend bezauberte Mischa Elman (Neuyork) die den großen Saal des Saalbaues bis auf den letzten Platz füllende Zuhörerschaft mit dem meistervoll vorgetragenen Violinkonzert von Mendelssohn und mit Solostücken. Er verwandelte sozusagen seine Geige in ein lebendes Wesen, das sang, tanzte und lachte, aber auch seufzte, weinte und betete, mit einer Inbrunst und Intensität, die alle mitrissen. Der Klavierkünstler Dr. Willy Salomon war sein ausgezeichneter Begleiter. Die Darbietungen Mischa Elmans wurden von Chorgesängen des „Jüdischen Gesangvereins München“ eingerahmt, der unter der sicheren und bewährten Leitung seines Dirigenten, Herrn Joseph Ziegler, sowie der Assistierung von Naumow- Fleischmann verschiedene hebräisch - liturgische Gesänge zum Vortrag brachte. Dirigent und Chor gaben sich alle Mühe, das Beste zu geben, was ihnen zum großen Teil auch gelang. Sehr eindrucksvoll wirkte das Stück: „Ein Ziegele“, Chor a cappella, von- S. Elmon sowie eine Komposition (Adon Olom) von Prof. KirsChner (München), der auch dem Konzerte beiwohnte und vom Publikum begeistert begrüßt wurde. Daß die Wirkung dieser an und für sich gelungenen Darbietungen hinter der des Vortrages eines Meisters wie Mischa Elman zurückstehen mußte, ist begreiflich. Hebräisch-liturgische Gesänge eignen sich auch kaum als Einlagen bzw. vereinzelte Nummern auf einem Konzertprogramme, das zudem hauptsächlich von einem weltberühmten Violinkünstler bestritten wird. Einen sehr starken Eindruck machte auch die Veranstaltung vom 27. Juni im „Bachsaale“. Die drei Synagogen der Frankfurter Hauptgemeinde ließen vereint an diesem Abend ihre Kantoren und und Chöre ein packendes Bild von dem Charakter der synagogalen Musik und den hebräisch-liturgischen Gesängen sowohl der traditionellen als auch liberalen! Richtung vermitteln. Der dritte Abend, am 28. Juni, war ganz dem „Jüdischen Volkslied“ gewidmet. Zwei Künstler von großem Format, Fräulein Ermolnikoff (Berlin), begleitet von dem Komponisten Heinrich Schabt aus München, der auch den größten Teil der von ihr vorgetragenen Lieder bearbeitete — und Herr Oberkantor J. Alter, Hannover, sangen Lieder primitiver Volkskunst, aber von einer Tiefe und Schönheit, einer lachenden Trauer und wehmütigen Heiterkeit, wie man sie jedenfalls im Westen nur selten zu hören Gelegenheit hat. Insbesondere die „Hebräischen Gesänge der jemenitischen Juden“ entzückten durch ihre Originalität und natürliche Fröhlichkeit. Im Beethovensaal hielt Oberkantor Prof. Kirschner, München, am 27. Juni einen Vortrag über „Die historische Entwicklung des Synagogengesanges“ und wies nach, daß die Uranfänge des Synagogengesanges bis in die Zeit des zweiten Tempels zurückreichen. Die Wurzeln desselben seien schon in den primitiven Schofartönen sowie in der uralten Vertonung der Bibelvorlesung im „Tropp“ zu finden. Durch interessante Gesangsproben und musikalische Erläuterungen am Klavier, bei denen ihn Herr Oberkantor J. B. Levy, Frankfurt a. M., unterstützte, zeigte der Vortragende, daß der süddeutsche synagogale Gesangsritus die größte Verwandtschaft mit diesen Urquellen aufweise. Dies gelte vom polnisch-synagogalen Gesangsritus nicht, der nach Ansicht des Referenten starke fremde Einflüsse verrate. Aus der Ähnlichkeit der synagogalen Gesänge mit der altchristlichen Kirchenmusik, wie sie im Gregorianischen Gesangbuche zum Ausdruck kommt, schließt der Referent, daß der Ursprung der Kirchenmusik ebenfalls in der Synagoge zu suchen sei. Neuerungen, die zu einer Verwässerung der uralten eigenartigen, schlicht-schönen, hebräischliturgischen Gesangsliteratur führen, seien zu verwerfen. Die zahlreichen Anwesenden nahmen den sehr interessanten wissenschaftlichen Vorträg mit großem Beifall auf. Max Blatt. Bücher und Zeitschriften Joseph Roth: Juden auf Wanderschaft. (Berichte aus der Wirklichkeit, herausgegeben von Eduard( Trautner, Band 4.) Berlin, Verlag Die Schmiede. Ein kleines Büchlein von wenig mehr als hundert Seiten, aber reich an richtigen Beobachtungen und infolgedessen nach vielen Seiten anregend. Die tapfere Einstellung für die Ostjuden wird dem Buch manchen Freund gewinnen — denen, die die aprioristische Abneigung gegen die Juden aus und in Osteuropa hegen, könnte auch mit Engelszungen nicht gepredigt werden. Durch die skeptische Ablehnung des Gewaltstaates, den die Juden, besonders wohl die mit den Methoden des zaristischen Reiches und seiner bürgerlichen Nachfolgestaaten Vertrauten zeigen, wird der Verfasser verführt eine durchweg anationale Einstellung als Grundtendenz der Juden zu bezeichnen. Dabei spricht er selbst häufig vom jüdischen Volkstum, mißt dem religiösen Zusammengehörigkeitsgefühl nur sekundäre Bedeutung bei und scheint bei seiner Auffassung von der Lösung der Judenfrage — die ist immer unausgesprochen der Grundtenor der Schrift! — den neurussischen Staat als den „Befreier“ der Juden zu betrachten. Dem Beobachter von jenseits der Grenzen darf aber, und nicht erst seit Stalins Leitung, die Tendenz zur Russifizierung nicht entgehen. So und nicht allein durch die von Roth richtig erkannte, aber falsch gedeutete unproletarische Haltung. eigentlich proletarischer Schichten (einer Erscheinung, die in Westeuropa zum Scheitern der „Weltrevolution“ führte!) ist die innere Stellungnahme auch des Ostjuden als im Kerne n a t i o - n a 1 anzusprechen. Daß sie nicht nach westeuropäischem Muster nationalistisch ausartet, ist ihr Ruhmestitel. Gerade dies bestätigt ungewollt Roth in seinem Büchlein, das wir jedem zur Lektüre anraten können, der sich ernstlich mit dem Problem des Ostjudentums, dem Kraftreservoir des Judentums, auseinanderzusetzen gesonnen ist. Theo Harburger