Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Das Jüdische Echo 419 ■... nill UHL | { | Feuilleton | lIJ llll ill l iill ilil ii Kinderhochzeit Von Jecheskiel In den autobiographischen Erinnerungen Kotiks sind lebensvolle Bilder enthalten, die einen Einblick in das polnisch-jüdische Städtl um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gewähren. Im Klal-Verlag, Berlin, wurde dieses sehr bedeutende Memoirenwerk, das in jiddischer Sprache abgefaßt ist, unter dem Titel „Meine Erinnerungen“ (zwei Bände) neu aufgelegt. In gekürzter Form bringen wir ein bezeichnendes Kapitel des ersten Bandes dieser Memoiren Kotiks, der kein Berufsschriftsteller war, sondern in Warschau ein Kaffeehaus besaß. — Wir entnehmen mit Erlaubnis des Verlages die deutsche Übertragung dem soeben erschienenen, sehr bemerkenswerten Juni-Juli- Heft der Zeitschrift „Menorah“, welches als Sonderheft den Juden in Polen gewidmet ist und einen überaus reichen Inhalt ausweist. Plötzlich ging ein Gerücht um, es sei ein neuer Erlaß herausgekommen, nach dem Mädchen und Jünglinge nicht vor dem 20. Lebensjahre heiraten dürfen. Dieser Erlaß, welcher im Jahre 1842 erschien, rief in ganz Litauen und Polen das seither berühmt gewordene Heiratsfieber hervor. Wer eine Tochter oder einen Sohn von ungefähr acht Jahren hatte, machte ihnen Hochzeit. Damit die Polizei nichts davon erfahre, wurden diese Heiraten heimlich in aller Stille und ohne Zeremonien vollzogen. Die Eltern der Kinder, die miteinander verheiratet werden sollten, einigten sich rasch, der Knabe oder das Mädchen wurden in das Haus eines der Brauteltern gebracht, im Zimmer wurde ein Minjan Juden versammelt, die Trauung vorgenommen, ein Glas Branntwein geleert, ein Stückchen Lebkuchen dazu verzehrt und — die Feier war zu Ende. Dann nahm der Vater den jugendlichen Ehemann wieder nach Hause, kaufte ihm einen Tallis, und am nächsten Tage betete der Knabe schon im Tallis, jedoch ohne Tefilin. Der Vater des kleinen Mädchens nahm die „junge Frau“ mit, schor ihr die Haare und zog ihr ein Haarband und einen Scheitel an. Die „junge Frau“ und der „junge Ehemann“ hatten keine Ahnung, daß sie Mann und Frau seien ... In dem Jahre des Heiratsfiebers hatten in Kamenietz alle kleinen Kinder Hochzeit. Es kamen ein paar jüdische Bürger am Abend zusammen und verabredeten, sich noch in derselben Nacht miteinander zu verschwägern. Und gegen 10 Uhr nachts wurden die Kinder aus dem Schlaf geweckt: „Steh’ auf und geh’ zur Chupe“, sagte man den schlafenden Kindern. Eisik, der Fleischer, hat öfters — ich erinnere mich noch daran — erzählt, wie er Hochzeit gehabt hatte: Ich war damals etwa acht Jahre alt. Eines Abends lag ich auf dem Bett und schlief mit meinen Kleidern. Da weckte mich die Mutter: „Eisikl, Eisikl, steh’ auf und geh’ zur Chupe!“ Ich wußte nicht, was das Wort „Chupe“ überhaupt bedeutete, und wollte nicht aufstehen. Da rief die Mutter den Vater, daß er mich wecke, und er schrie, wie es eben ein Vater tut: „Steh’ auf, Eisik, du wirst zur Chupe gehen.“ Ich sagte: „Ich will nirgends hingehen, ich will schlafen.“ K o t i k Darauf der Vater: „Aufstehen, sage ich!“ Darauf ich: „Ich will nicht.“ Der Vater riß mich zornig empor: „Steh’ auf!“ Ich begann zu weinen, da nahm der Vater den Riemen und zog mir ein paar über. Das machte mich natürlich wach und ich stand auf mit verweinten und verschlafenen Augen. Ich fragte: „Wohin soll ich gehen?“ Der Vater antwortete: „Zur Chupe.“ „Was ist das, Chupe?“ fragte ich. Darauf der Vater: „Wir werden zum Schwiegervater gehen, dort wird die Chupe sein.“ Ich verstand noch immer nicht, was der Vater meinte; die Worte „Schwiegervater“ und „Chupe“ waren mir ganz unverständlich, und so sagte ich noch einmal: „Ich will nicht gehen.“ Doch der Vater nahm wieder den Riemen zur Hand und ich beschloß, lieber zu schweigen. Die Mutter wusch mich sorgfältig, zog mir den kleinen Kaftan an, knöpfte mir die Hose zu und hieß mich den Hut aufsetzen. Doch mein. Hut war nicht da, denn ich hatte ihn irgendwo beim Spiel verloren, ehe ich noch schlafen gegangen war. Da begann die Episode mit dem Hut; der Vater sagte: „Wenn du nicht jetzt zur Chupe gehen würdest, so würde ich dich für den verlorenen Hut ordentlich prügeln.“ Indessen kamen schon Boten von den Schwägersleuten, die fragten, warum wir noch nicht dort seien. Jetzt begann ein allgemeines Suchen nach dem Hut, doch er fand sich nicht. Die Verlegenheit war groß. Was tun? Inzwischen war es Mitternacht geworden. Vater und Mutter hatten Angst, der Brautvater würde sich die Sache inzwischen überlegen, und ihre Laune wurde immer schlechter. Man überlegte: Wen sollte man aufwecken, um bei ihm einen Knabenhut bis zum nächsten Morgen zu leihen? Doch aus dem Nachdenken kam nichts heraus und es wurde sehr spät. Auf alle Fälle standen die Dinge sehr schlecht, denn es war kein Hut da. Vater und Mutter waren außer sich vor Ärger, doch es half nichts, ohne Hut kann man nicht zur Hochzeit gehen. So ging der Vater zum „Mechuten“ und bat ihn, die Hochzeit auf den nächsten Tag zu verschieben, da Mutter sich nicht wohl fühle. Der Vater blieb ziemlich lange aus, die Mutter konnte vor Ungeduld nicht stillsitzen. Endlich kam der Vater und sagte, die Hochzeit werde am nächsten Tag um zehn Uhr abends stattfinden. Am nächsten Tag kaufte man mir einen Hut. Morgens ging ich in Vaters Kappe in den Cheder und erzählte meinen Kollegen, daß der Vater mich zur Chupe mitnehmen wollte, daß ich aber nicht gehen konnte, da ich keinen Hut hatte. Heute aber werde ich einen Hut bekommen und zur Chupe gehen. Da sagte Bainusch, das Söhnchen des Speng- I. MÜNCHENER PLISSEE*BRENNEREI FRANZ QRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpfe, Endeln, Kanten, KostiimsticUereien Burgstraße 16/3 Knopflöcher Telephon 22 975