Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 26 (1.7.1927)
- Date
- 1927-07-01
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Das Jüdische Echo Nr. 26 MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERGER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168 lers: „Ich bin schon gestern bei der Chupe gewesen. Unter der Chupe bin ich mit Dwoire, dem kleinen Mädchen des Tischlers Baruch, gestanden; man hat mir einen Ring gegeben und den habe ich Dwoire auf dem Finger angezogen; und mein Vater hat mir einen Segensspruch gesagt und dann hat man getanzt und Lebkuchen gegessen und Semmel mit Hering und das war sehr fein.“ Als ich aus dem Cheder kam, zog mir die Mutter sofort den neuen Hut an. Ich fragte die Mutter: „Wann werde ich schon zur Chupe gehen?“ Die Mutter antwortete: „Schlaf nur nicht ein, wie gestern, du warst ja nicht zu erwecken.“ Darauf ich: „Heute werde ich bestimmt nicht vor der Chupe schlafen.“ Doch um neun Uhr abends schlief ich wieder ein und man hatte Mühe, mich aufzuwecken. Ich ging mit Vater und Mutter zur Chupe. Als wir ins Zimmer der künftigen Schwiegereltern traten, sah ich dort Süssel, ein kleines Mädchen, mit der ich mich vor acht Tagen, am Sabbat, im Hause ihres Onkels geprügelt hatte. Seither war ich mit ihr böse. Dann wurde die Chupe aufgestellt. Man führte mich unter den Trauhimmel und nach einer Weile wurde auch Süssel hingeführt und neben mich hingestellt. Ich lief stracks fort und sagte: „Ich will nicht mit Süssel unter der Chupe stehen, ich bin mit ihr bös!“ Die Mutter entgegnete: „Aber Eisikl, das ist doch deine Braut!“ Darauf ich: „Ich will Süssel nicht zur Braut, gib mir eine andere Braut!“ Und ich wollte um keinen Preis mit Süssel unter der Chupe stehen. Da legte sich der Vater ins Mittel und begann in seiner Art zornig auf mich einzureden, doch ich wollte auf keinen Fall mittun. Da sagte der Vater: „Ich lasse den Riemen von daheim holen und werde dich ordentlich ledern, wenn du nicht unter der Chupe stehen willst! Gebt mir doch ein paar Ruten, damit ich dem Herrn Bräutigam zeige, was sich gehört.“ Nun begann Süssel: „Fein, fein, das ist dafür, weil er mich neulich bei den Haaren gerissen hat; und ich werde mit ihm nicht unter der Chupe stehen.“ Nun begann das gleiche Spiel mit der Braut! Erst redete ihr ihre Mutter zu, dann drohte ihr ihr Vater mit dem Riemen. So verging ein gutes Stück Zeit, und die „Brautleute“ wollten sich um keinen Preis unter die Chupe stellen. Die Gäste wollten schon fortgehen. Da brachte man einen Besen und zog daraus einige Ruten. Süssel und ich begannen zu weinen und stellten uns tränenden Auges unter die Chupe. Nun sollte ich im Verlauf der Zeremonie Süssels Finger fassen und ihr den Ring anziehen. Doch ich wollte nicht. Da gab mir der Vater eine Ohrfeige und drohte mir mit der Rute. So mußte ich mich fügen und faßte Süsseis Finger. Ich war jedoch sehr böse darüber, daß man mich zwang, Süsseis Finger zu nehmen. Daher kniff ich sie tüchtig in den Arm. Sie begann zu weinen. Dann gab Süsseis Vater ihr zwei Gulden, und mein Vater gab mir denselben Betrag, damit der Friede wiederhergestellt sei. So faßte ich denn Süsseis Finger und sprach die Formel zusammen mit dem Großvater, sagte „Maseltow“ und begann zu tanzen. Dann wurden Süssel und ich nebeneinander an den Tisch gesetzt und man setzte uns und den Gästen Lebkuchen und eingemachtes Obst vor. Plötzlich brach Süssel in Tränen aus. Die Mutter fragte: „Warum weinst du, Süssel?“ Süssel unter Tränen: „Ich will hinaus.“ Sie wurde hinausgeführt. Darauf ich: „Ich will auch hinaus.“ Ich wurde hinausgeführt und dann wurden wir wieder nebeneinander hingesetzt. Bald aber wurden wir schläfrig, und daher führte mich meine Schwester heim und Süssel wurde schlafen gelegt. Mein einziges Vergnügen an der ganzen Sache war, daß ich die ganze Woche, von Dienstag bis Sonntag, nicht in den Cheder zu gehen brauchte. Am nächsten Tag kamen die Schwiegereltern zum Mittagessen zu uns. Süssel kam mit; ihr Kopf war geschoren und sie trug einen Scheitel, der ihr bis in die Augen fiel. Zum Mittagessen trug die Mutter ein Huhn auf, denn die ganze Woche war in der Stadt kein Fleisch zu haben ... Nach dem Essen blieb Süssel bei uns. Ihr Scheitel gefiel mir nicht. Als wir zu spielen begannen, riß ich ihr zunächst den Scheitel vom Kopf und jetzt bemerkte ich — ihr Kopf war glatt geschoren. Da begann ich zu schreien: „Pfui, sie hat einen Grind!“ Süssel begann vor Scham zu weinen. Mein Vater geriet in Zorn und prügelte mich vor Süsseis Augen; dabei hielt er mir meine Sünden vor: „Du Kerl, wirst du noch einmal Süssel den Scheitel vom Kopf reißen und sagen, daß sie einen Grind hat?“ Und ich rief unter Tränen: „Nein, Vater, ich werde es nie mehr tun.“ Süsseis Tränen trockneten schnell, vor Freude darüber, daß ich geprügelt wurde. Dann wurde sie nach Hause geführt. Wir aber wurden wieder böse, sie aus Scham darüber, was ich ihr angetan, und ich wegen der Prügel, die ich ihretwegen bekommen hatte. Als wir etwa zwölf Jahre alt waren, enthüllte mir erst mein Vater das Geheimnis, daß wir Mann und Frau seien. Auch Süssel erfuhr dies von ihren Eltern und wir gründeten einen eigenen Hausstand ... So leben wir bis heute, Gott sei Dank, als Eheleute ... TE1NACHER HIRSCHQUELLE rein natürliches Mineralwasser von Weltruf, ärztl. sehr empfohlen bei BLASEN-, NIEREN- und HALSLEIDEN Generaldepot: EDUARD KÜHLES /MÜNCHEN LEDERERSTRASSE 12 TELEPHON 20542 Deutsche Neuwäscherei O.m.h.H. FELIX BRANDNEU MÜNCHEN Wittelsbacherplatz 2/o, Eing. Finkenstraße Telefon Nr* 23 708 Spezial-Dampfwaschanstalt für Herren-Plättwäsche nur Kragen, Manschetten, Vorhemden und Oberhemden. Lieferzeit ca. 8Tage