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Das jüdische Echo · 1927-06-10 · 23 (10.6.1927) · p. Seite 371

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
23 (10.6.1927)
Date
1927-06-10
Page
Seite 371 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 23 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage 371 fährlichkeit nur steigern. Denn er ist Held und Drachentöter, sieht sich gern umwittert von der Tragik des Edlen und seines Untergangs — und ist paradoxerweise außerdem seines Sieges gewiß. Denn unterhalb dieser jüdischen Gefährlichkeit sieht er die jüdische Schwäche, als welche darin besteht, daß das Judentum allein gar nichts ausrichten kann und stark wird erst durch die Völker, die sich von ihm mißbrauchen lassen, z. B. durch den Teil des eigenen Volkes, der nicht Antisemit, sondern Judengenosse ist. Und da er sich sogleich als sieghaften Typ empfindet und durchdrungen ist davon, daß Walvater die Welt den Edlen gab, den Blonden (Blondheit ist unerläßlich, auch die Griechen sind schlankweg blond, ebenso wie Jesus, Jonathan, Saul, David und Salomo — welchen die Blondheit Goethes, Bachs, Beethovens, Michelangelos, Kant, Schopenhauers, Mozarts zukommen dürfte, die innerliche, bei schwarzem Haupthaar —), den Germanen, ihm also: nimmt er draufgehend den guten Ausgang vorweg und feiert sich als Salz der Erde und Erlöser der Welt vom Juden. Er ist eine pathetische Empfindung, der heutige Antisemitismus, der Humor geht ihm ab, als wäre er von Wagner instrumentiert, als welcher, wie Nietzsche festnagelte, über den humoristischen Höhepunkt der Posse, die allgemeine Keilerei, nicht hinauskam. Dies Humorlose macht seine Überlegenheit, seinen „edlen Typ“, sehr verdächtig. Der Bauer des Mittelalters, da er gläubig im wahren Sinne lebte, hatte diese Überlegenheit und diesen Humor, den die Rolle des Juden im Grimmschen Hausmärchen beweist. Der Jude ist der Geprellte stets, der Dumme: wie auch nicht? war er nicht so metaphysisch dumm, als Gott in Christi Leib bei ihm geboren ward, diese Gottheit nicht zu erkennen — diese strahlende Gottheit, die ihm, den Bauern, ebenso unmittelbar einleuchtet wie seiner törichtesten Magd? Diese dümmste Magd ist, weiß der Bauer, metaphysisch klüger als der klügste Jude; und wie ihm der Teufel von seiner christlichen Gesichertheit aus zur humoristischen Figur wird, bekommt auch der Jude solche Humorfarbe: ein gemütliches Verhältnis oberhalb metaphysischen Bedauerns kann sich einstellen. Ganz anders der heutige Antisemit. Eine stete Gereiztheit schärft seine Empfindung von der Welt und leert sie, so bald das Jüdische darin auftaucht, von aller Gemütlichkeit selbst beim Junker, der sonst bäuerlich daran festzuhalten pflegt; die Verachtung, mit der er den Juden bemerkt, läßt ihm nicht das ruhige Gesicht, sondern verzerrt es nervös und heftig. Das kommt, weil er so sehr vieles verachten muß: nicht den Juden allein, sondern all das „Jüdische“, das, wie gesehen, die Erde erfüllt; ihm ist bei seiner Verachtung nicht wohl, er ist seiner selbst nur sehr übertrieben gewiß und wird nur sehr übertrieben ihrer gewahr. Das Übertriebene aber macht unsicher. Sollte es sich in dem Gefühl des Antisemiten zum Juden hinab vielleicht nicht um echte Verachtung handeln — gerade weil der Antisemit sich so sehr viel besser, wertvoller, wohlgeratener fühlt als den „üblen Perser“? Verachtung sieht das, worauf sie zielt, zwar ebenfalls unter sich, aber in kühler Freiheit; der Verachtende erlebt nicht seine eigene Erhobenheit, er ist sich selbst überhaupt nicht hoch, sondern nur auf dem rechten Niveau; das Verachtende ist darum verächtlich, weil es so tief unter diesem Normalen liegt — kein Grund, Schärfe, Erregung, Heftigkeit in diese Empfindung der eigenen Normalität zu mengen, die sich ohne Vergleich, ohne stetes Fixieren der Distanz einstellt. Reden wir also nicht von echter Verachtung; vielleicht von gespielter? von sich selbst vorgespielter? Das lassen wir als Frage stehen. Ein Verachtender, der ein Verehrender ist, weil er ein Verehrender ist und hoch über sich noch verehrungswürdige Werte weiß: der Antisemit ist fern von diesem Sein. Er ist sich selbst vor allem als wertvoll gegeben, als hoch; ja, besser sein als er ist undenkbar, er ist der vital vollkommene Mensch, zum mindesten der Anlage und Möglichkeit nach — und erst am Vitalen regelt sich ihm, wie wir schon trafen, die Sittlichkeit, ordnen sich ihm die Werte. Darum sieht er sich selbst auch „schön“; darum verspottet er den Juden zunächst um seiner Häßlichkeit willen. Daß der Jude häßlich sei, ist ihm ein Axiom; er sieht nur den häßlichen Juden als Juden an und erkennt wohlgewachsene Juden mit Durchschnittsgesichtern nicht als Juden. Obwohl Ethnologen die geringe Prozentzahl sogenannter „Judennasen“ (jener hängend gebogenen und verdickten Nasen) unter Juden statistisch feststellten und ein Mensch in den östlichen Zentren der jüdischen Massen diese Erfahrung jederzeit mit eigenen Augen machen konnte, zeichnet der Antisemit dem „typischen Juden“ eine Wulstnase, Wulstlippen, krumme Beine, gewaltige Hände und Füße, Schlitzaugen hinter Kneifern und einen Bauch — wohingegen der „typische Deutsche“, er selbst, als ein hochstirnig schlankes Ideal antritt, schön wie ein Reklameschild für Nährmittel von Franz Stassen und mit den großen Leuchtaugen einer Optikeranzeige — dies sein Ideal, und man weiß ja, wie strikt die deutsche Wirklichkeit sich darnach richtet. Bücher Hans Ludwig Held: Das Gespenst des Golem. Eine Studie aus der hebräischen Mystik mit einem Exkurs über Das Wesen des Doppelgängers. Allgemeine Verlagsanstalt, München, 1927. Hans Ludwig Held, der sich unter anderem durch Herausgabe seiner „Talmudlegenden“ als vertraut mit jüdischem Schrifttum und dessen Eigenart erwiesen hat, ist in seinem Bestreben, mit möglichst wissenschaftlichen Mitteln „okkulten“ Erscheinungen nahezukommen, dem wohl populärsten Stoffe aus der jüdischen Mystik der beginnenden (europäischen) Neuzeit zu Leibe gegangen. Mit einer außerordentlichen Kenntnis, wenn nicht der Quellen selbst, so doch ihrer wesentlichsten Veröffentlichungen, verbindet er ernsthaftes Streben, ohne Voreingenommenheit nach der einen wie der anderen Seite die Probleme zu klären. Für uns Juden dürfte die überaus gründliche Zusammenstellung der Golem-Sagen, die nicht allein die bekannte vom „hohen Rabbi Löb aus Prag“, sondern auch andere Überlieferungen in Betracht zieht, von besonderem Werte sein. Auch ihre Ein- MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERGER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168

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