Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156817--07809-9080545- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Literarische Beilage Der Hntisemit Aus dem soeben beiGustavKiepenheuer,Potsdam, erschienenen Buch Arnold Zweigs „Caliban oder Politik und Leidenschaft. Versuch über die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus.“ Eine ausführliche Besprechung behalten wir uns vor. D. Red. Indem wir ohne historische oder soziologische Voraussetzungen lediglich den gegenwärtigen Antisemitismus deutscher Prägung mit langem, offenem, einsaugendem Blick umfassen, ein vorläufig noch dunkles Gebild seelischen Verhaltens, welches im Antisemiten angesichts des Jüdischen auftaucht, gewahren wir sofort den radikal verwerfenden Charakter dieses Phänomens. Ein negatives Vorzeichen ist dem Antisemiten überall mit Jüdischem gegeben, und umgekehrt antwortet er auf ihm Verwerfliches mit der unmittelbaren Empfindung: jüdisch — ob Körperform oder Kriegsausgang, Kunstwerk oder Wirtschaftsgestalt. Dem Antisemiten ist Stefan George ein Jude, weil er ihn mißfällig erregt, und Heine ist ihm ein Unwert, weil er Jude ist. Mit dieser Blickart sieht er auf Weltgeschichte und Gegenwart, sie vermittelt ihm das Relief der Dinge und Geschehnisse. Und nicht gelassen und prüfend erlebt er dieses Relief, sondern mit scharfer ätzender Ungeduld verweist er dies Jüdische ins Verdammenswerte; leidenschaftliche Ablehnung des Verworfenen erfüllt ihn. So ist der Antisemitismus eine aggresive Weltansicht; ein Aufruf zum Kampf gegen das Jüdische begleitet ihn. Ein Trieb, seine Umwelt von diesem Unwert zu befreien, zeigt den Glauben an das Mögliche des Erfolges an; er will das Jüdische aus Blickfeld und Lebenssphäre hinter die Grenze des Bemerkbaren verschieben, damit es ins Fremde versinke, woher kein Aufruf der Verantwortlichkeit für das eigene Sein und Leben mehr zu ihm spricht. Verantwortlich fühlt er sich nur für Sein und Zukunft seines Volkes; dies die genaue Form dessen, was er Rassengefühl nennt, da er in seinem Volke den höchsten und verletzlichsten Typ seiner Rasse sieht und geneigt ist, nur dort Rassengemeinschaft klar ausgesprochen gelten zu lassen, wobei er eine Gesinnungsgemeinschaft mitwahrnehmen kann: wo gleichfalls Antisemitismus das Volksgefühl, Selbstgefühl tingiert; daher er bei anderen gleichartigen Völkern, die nicht Antisemiten haben gleich ihm, entweder eine niedere Form des Selbstbewußtseins annimmt, falls er hofft, sie noch zur höheren antisemitischen Form des Selbstgefühls steigern zu können — oder Verjudung setzt. Sind die Angelsachsen z. B. „verjudet“, so haben die Skandinavier und Holländer „ihren Feind noch nicht erkannt“; und wenn J. C. Smuts, jener kapländische Premier und General, der vor und in San Remo ausgesprochen projüdisch in die Entente-Entscheidung eingriff, als Vertreter der Buren gelten darf, sind diese Buren „Verräter an der germanischen Rasse“. Innerhalb seines Volkes scheidet er nach ähnlichen Skalen, so daß er als höchsten Grad deutschen Seins sein eigenes Sein und Wesen nicht behauptet, sondern empfindet, und nach dem Grad der Geneigtheit zum Antisemitismus die Stufen völkischer Bewußtheit und Verantwortlichkeit abteilt. Dabei empfindet der Antisemit international: seine Verbundenheit mit dem Antisemiten jenseits der Grenzen, z. B. in Polen oder Ungarn, ist weit inniger als die mit unbezweifelbar gleichblütigen Volksgenossen, die ihm als Gegner gegenüberstehen: jenen „reicht er die Bruderhand“, diesen weist er die „die gepanzerte Faust“. So ist der Antisemitismus als sehr zentrale Angelegenheit seines Trägers sichtbar: teilt er doch die ihm wahrnehmbare Welt in eine helle und eine dunkle Hälfte; für die Ausbreitung der hellen fühlt er sich verantwortlich, zur ihr sich berufen und fähig. Sein Ausbreitungswille kommt ihm als Abwehrpflicht zum Bewußtsein. Er sieht in diese dunkle Welthälfte die Tendenz hinein, sich auszuweiten,, er meint sie von unversöhnlicher Feindschaft gegen die helle beseelt und empfängt von dieser Wahrnehmung her die Berufung — zum Angriff, und die Legitimierung seiner eigenen Feindschaft gegen sie. Da sie, das unbedingt Minderwertige, auf der Erde, soweit sie ihn angeht und wie er sie sieht, einen breiten Einfluß hat, er aber, der Zahl nach klein und vom Ewig-Schlechten befeindet (nicht Böses, sondern Schlechtes geht gegen ihn an, das verkündigt seine Höchstsetzung der vitalen Werte), sich selbst als Krieger des Guten, d. h. des Edlen, Wohlgeratenen, Zarten und Echten empfindet, ist er mit Stolz Aristokrat, der die Herrschaft der Besten als Gesetz der Welt statuiert; und was dem Sein Qualität verleiht, ist das reine und edle Blut, die Abstammung von echten Germanen, denen allein die mystische Kraft des reinen primären Schöpfertums innewohnt. Daher sieht er Germanen, wo immer er bejahen muß, und die Helden der Bibel (auch Jesus, den er kriegerisch umdichtet nach Art des Heliand), die großen Italiener, die französischen Schöpfer der Gotik und die englischen des Dramas sind ihm Folgen germanischen Blutanteils in diesen Völkern. All das sind ihm bewiesene Dinge; und wenn Gelehrte dieser Völker sich gegen solche Hypothese wehren oder gar für das jüdische, lateinische, keltische oder sonst ein anderes Element das Schöpferische in Anspruch nehmen, erhebt sich seine Seele zur Verachtung solcher Anmaßungen. Vor anderen Schöpfungen,, den indischen etwa, rettet er sich ins Ariertum; nur das Semitische, nur das Jüdische findet vor ihm als Metaphysiker keine Gnade. Er billigt ihm zu, daß es mächtig sei wie alles Gemeine, ja er hat ein starkes Bedürfnis, diese Macht zu übertreiben, aufzublasen, sie letzten Endes grell und drohend aller Welt in die Ohren zu schreien. „Das Judentum erstrebt die Weltherrschaft“, ist ihm ein Axiom, welches nicht bewiesen zu werden braucht. Da er alles, was ihm gegensätzlich ist, als „jüdisch“ wahrnimmt, sieht er in der europäischen Demokratie und im Weltsozialismus zunächst die jüdischen Personen, die daran Teil haben; daß er den Weltkapitalismus ebenso sieht, versteht sich beiläufig; daher, und weil ihm „Volk“ der höchste irdische Wert und die einzig legitime Daseinsform des Menschen, alles Nichtvölkische, alles Übernationale demnach aber von vornherein verwerflich, „jüdisch“ ist, wird ihm die Ausbreitung dieser Bewegungen zum Sieg des Judentums. Er fürchtet es zwar als gefährlich; seinen Imperativ jedoch, es zu bekämpfen, kann diese Ge-