Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- Seite 364 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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364 Das Jüdische Echo Nr. 23 ist widersinnig, wenn man in einzelnen Zentren der jüdischen Wohlfahrt nebeneinander bis acht Filialen einzelner Hilfsorganisationen einrichtet, die oft die gleichen Aufgaben versehen und in vielen Fällen nicht nur nicht miteinander, sondern gegeneinander arbeiten. Es muß nicht betont werden, daß die vorstehenden Bemerkungen keineswegs ein Mißtrauen gegen die Tätigkeit der verschiedenen Hilfsgesellschaften darstellen. Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der jüdischen Gesamtheit und ehrliche Sorge für den Bestand und die Fortführung der verschiedenen Zweige der jüdischen Hilfstätigkeit zwingen aber, diesen Dingen an den Leib zu rükken und ihre Schäden und Mängel aufzudecken. Wir wollen uns gemeinsam mit Felix M. Warburg in der Hoffnung wiegen, daß das amerikanische Judentum, gegenwärtig der Hauptträger der jüdischen Hilfsarbeit in der ganzen Welt, auch in Zukunft so munifizent bleiben wird wie in den vergangenen Jahren. Aber bei aller Betonung der Überzeugung, daß die amerikanischen Juden gegenwärtig eine historische Aufgabe und damit eine selbstverständliche Pflicht erfüllen, gebietet Klugheit, diese amerikanischen Juden bei guter Laune zu erhalten und nicht dadurch zu verärgern, daß ein großer Teil der von ihnen hergegebenen Gelder unproduktiv verpulvert wird. M.W. Unsere neuen Wege Von Dr. M. K r e i n i n Präsidenten des Emigdirect Bekanntlich haben sich die Organisationen Hias-Jca-Emigdirect zusammengeschlossen, um gemeinsam die jüdische Emigration zu regeln, ihr neue Gebiete zu erschließen und die jüdischen Emigranten für die Auswanderung vorzubereiten. Über die neuen Wege der Arbeit spricht der Leiter der vereinigten Bureaus. (Red.) Das wachsende Auswanderungsbedürfnis der jüdischen Massen in Ost-Europa bei den immer geringer werdenden Möglichkeiten, dieses Bedürfnis zu befriedigen, die Schwierigkeiten, die sich auch der zusammengeschrumpften jüdischen Einwanderung entgegenstellen, erfordern vom Hias- Jca-Emigdirect, als führender Organisation auf dem Gebiete der jüdischen Emigrationsarbeit, die größte Anstrengung — zwecks Ausweitung des Arbeitsfeldes und Auffindung neuer Wege und neuer Möglichkeiten für den jüdischen Auswanderer. Wir gehen jetzt zu einer rationellen Anpassungstaktik über, indem wir eine maximale Ausnutzung der beschränkten Möglichkeiten im Auge haben, die dem jüdischen Auswanderer heute noch geblieben sind. Wir erweitern unsere Tätigkeit, indem wir über den Rahmen unseres Arbeitsfeldes in den Auswanderungsländern hinaus, eine Tätigkeit in den Ländern der jüdischen Einwanderung zu entwickeln beginnen. Unsere wichtigste Aufgabe in der Gegenwart ist nach Lage der Dinge die Ausdehnung der Aufnahmefähigkeit derjenigen Länder, die noch für jüdische Einwanderer offen stehen. Vor allem heißt es den Neueinwanderer in dem ihm fremden Lande unter die Obhut unserer Organisation zu nehmen und Arbeitsmöglichkeiten für ihn zu schaffen. Zweifellos wird die Aufnahmefähigkeit der südamerikanischen Länder, in denen im Jahre 1925 immerhin 13—14 000 jüdische Emigranten eine Heimat gefunden haben, durch ein Netz von Arbeitsvermittlungsstellen, mit welchen Hias- Jca-Emigdirect diese Länder zu umspannen gedenkt, bedeutend gehoben werden. Die Arbeitsvermittlungsstellen, welche die Regulierung des Stromes der Neueinwanderer in die Hände nehmen sollen, werden eine Konzentration der Einwanderer ausschließlich in den großen Städten und in einigen wenigen schon überfüllten Berufen zu verhindern wissen. In Ländern, wie Uruguay, Paraguay, Brasilien und Chile, wo die jüdische Einwanderung jetzt die ersten Schritte macht, würden die Arbeitsvermittlungsstellen Hias-Jca-Emigdirect dem Einwanderer von Anfang an den rationellsten Weg weisen können. Um die erstrebte vergrößerte Aufnahmefähigkeit der Einwanderungsländer für eine jüdische Immigration zu erreichen, wird Hias-Jca-Emigdirect seine Aufmerksamkeit auf die Vorbereitung des Auswanderers für das von ihm gewählte Land lenken müssen. Neben der fachlichen Ausbildung des Emigranten für einen Beruf, der im Einwanderungsland gute Aussichten hat, muß für die Vermittlung der Kenntnis der Sprache des Landes gesorgt werden. Unsere Versuche auf diesem Gebiete, die bis jetzt nur vereinzelt dastanden, müssen in vielfach verstärktem Maße fortgesetzt werden. Vom leitenden Gesichtspunkte aus, die Aufnahmefähigkeit der Einwanderungsländer durch Arbeitsvermittlung, Rechtsschutz und berufliche Vorbereitung der Einwanderer auszudehnen, verdient auch die Verwandten-Aktion des Hias-Jca- Emigdirect eine besondere Hervorhebung. Indem sich Hias-Jca-Emigdirect zwischen den Auswanderer und seine vermögenden Verwandten in Übersee stellt, sorgt er dafür, daß die von den Verwandten zur Verfügung gestellten Mittel vom Auswanderer rationell angelegt werden und ihm die Gründung einer Existenz ermöglichen. Wir sind uns dessen sicher, daß die Umstellung unserer Tätigkeit auf die neuen Bahnen völlig den Interessen und dem Wunsche der Einwanderungsländer entspricht. Wir hoffen, daß das Wohlwollen, dessen sich die Tätigkeit des Hias-Jca- Emigdirect bei den Vertretern der Regierungen der betreffenden Einwanderungsländer bis jetzt erfreute, bei der Umstellung und Ausbreitung unserer Tätigkeit uns im verstärkten Maße zuteil werden wird. Wir bauen auch auf die Unterstützung unserer Tätigkeit seitens der jüdischen Öffentlichkeit in den Einwanderungsländern. Wir wollen daran glauben, daß das alteingesessene Judentum dieser Länder uns auch weiterhin in unserer Arbeit helfen wird und an den Bestrebungen zur Ausweitung der Einwanderungsbasis regen Anteil nehmen wird. In den betreffenden Ländern werden wir die Gelegenheit haben, mit einigen jüdischen Organisationen in Berührung zu kommen, welche schon eine langjährige Arbeit auf verschiedenen Gebieten des jüdischen Lebens hinter sich haben. Der Erfolg unserer Arbeit hängt zum großen Teil davon ab, wie weit es möglich sein wird, eine ersprießliche Zusammenarbeit mit diesen Organisationen herbeizuführen.