Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 23 (10.6.1927)
- Date
- 1927-06-10
- Page
- Seite 363 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 25_ io. Juni 14. Jahrgang Redaktionsschlufi für die nächste Nummer: Dienstag abend Probleme jüdischer Hilfstätigkeit Rationalisierung Vor einigen Tagen weilte Felix M. Warburg, der Vorsitzende des Joint, in Berlin, nachdem er auf einer Reise, die ihn durch die ganze Welt geführt, die Hauptgebiete, die in die Hilfstätigkeit des Joint eingeschlossen sind, besucht hatte. In Berlin gewährte er Vertretern der jüdischen Presse eine Unterredung und schilderte mit begeisterten Worten den Segen der Hilfsarbeit, die mit den Mitteln, welche das amerikanische Judentum seit Jahren unermüdlich und gebefreudig zur Verfügung stellt, zum Nutzen und Frommen der notleidenden Juden in Europa, insbesondere in Osteuropa, geleistet wird. Tatsächlich ist die freiwillige Steuerleistung, die das amerikanische Judentum seit 13 Jahren willig auf sich genommen hat, beispiellos in der Geschichte. Statistiker haben ausgerechnet, daß die vier Millionen Juden Amerikas in der Zeit seit dem Beginne des Weltkrieges im Jahre 1914 bis heute ungefähr die Summe von drei Milliarden Goldmark freiwillig aufgebracht haben. In dieser Summe sind inbegriffen die Beträge, die das Hilfswerk des Joint bisher beansprucht hat, die Spenden für den Palästinaaufbau, die Verwandten-Unterstützung für Osteuropa und die zahllosen charitativen, wissenschaftlichen und repräsentativen Institutionen, die das amerikanische Judentum aus freiem Antriebe In der angegebenen Zeit in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen hat. Die Höhe dieser Summe, die ohne Steuer-Exekutor aufgebracht wurde, ist tatsächlich imponierend und beweist zweierlei: erstens, daß es den vier Millionen Juden in Amerika materiell am besten, im Vergleich zu allen Teilen des jüdischen Volkes in der ganzen Welt, geht, und zweitens, daß die amerikanischen Juden in ihrem Wohlstand die traditionelle Tugend des jüdischen Wohltuns nicht eingebüßt haben. Ein Vertreter der Presse fragte Felix Warburg, der sozusagen der Finanzminister der jüdischen Weltwohltätigkeit ist, ob nicht die Gefahr bestehe, daß die amerikanischen Juden in ihrer Gebefreudigkeit nachlassen werden. Schließlich ist es keine Kleinigkeit, jahraus, jahrein, jahrzehntelang immer wieder erhebliche Beträge freiwillig herzugeben, mag es auch zutreffen, daß diese Gaben vom Überfluß des Überflusses herrühren. Felix Warburg, wohl der kompetenteste Beurteiler der Gebemöglichkeiten und der Gebebereitschaft seiner jüdisch-amerikanischen Landsleute, beantwortete die Frage in folgender Weise: „Solange es den amerikanischen Juden gut geht, werden sie sich zweifellos ihrer Pflicht gegenüber ihren notleidenden Stammesgenossen in der ganzen Welt nicht entziehen. Vorläufig spricht kein einziger Umstand dafür, daß sich die wirtschaftliche Lage in Amerika grundsätzlich zum Schlechten wenden und die materielle Situation der amerikanischen Juden ungünstig beeinflussen wird. Allerdings muß man einen Umstand hervorheben: es kommen immer wieder Abordnungen verschiedentlicher Zweckverbände und Organisationen nach Amerika und entfalten für ihre speziellen Aufgabenkreise eine Propaganda unter den amerikanischen Juden. Es ist sicher, daß jeder einzelne dieser Zwecke durchaus begründet und daß die Ansprüche der Hilfesuchenden berechtigt sind. Aber das amerikanische Judentum1 wird durch die Fülle dieser Anforderungen verwirrt. Und außerdem ist ja die Aufbringung von Mitteln, wenn sie gesondert vorgenommen wird, mit erheblichen Spesen verbunden, die dem eigentlichen Zwecke verloren gehen. Dieser hohe Spesensatz bei der Aufbringung von Hilfsgeldern ist tatsächlich auf die Dauer unerträglich.“ Wer die Tätigkeit der verschiedenen jüdischen Hilfsgesellschaften, die in Europa ihr zweifellos segensreiches Werk durchführen, kennt und weiß, wie sehr es gerade zur Mode geworden ist, ein Komitee ins Leben zu rufen, eine Abordnung zusammenzustellen und diese Abordnung auf die Suche nach dem Goldenen Vließ zum reichen Onkel nach Amerika oder zum wohlhabenden Vetter nach Südafrika zu schicken, der muß Felix M. Warburg vollkommen Recht geben. Es ist tatsächlich ein Unfug, dezentralisiert, selbstherrlich, ohne Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Gesamtheit, mit einer eigenen Kanone ausgerüstet, auf den Kriegspfad der Geldsammlung zu ziehen. Statistiker, denen man allen Grund hat Glauben zu schenken, wissen zu erzählen, daß schon die Aufbringung der Geldmittel für die einzelnen Zwecke ungefähr 40 Prozent des Brutto-Ertrages der Sammlungen verschlingt. Zieht man in Betracht, daß die Verwaltung der Hilfstätigkeit überdies in vielen Fällen bis 25 Prozent der gesammelten Beträge verschlingt, so wird man dessen inne, wie unrationell und unvernünftig dieses Gebaren ist. In der ganzen wirtschaftlichen Welt ist in der letzten Zeit der Schrei nach Rationalisierung laut geworden. Die Erkenntnis setzt sich durch, daß wahre Wirtschaftlichkeit darin besteht, mit der geringsten Aufwendung von Kräften und von Mitteln den größten Nutzeffekt zu erzielen. Dieses Prinzip sollte, natürlich modifiziert, auch in der jüdischen Wohltätigkeits-Industrie (man verzeihe diesen Vergleich) durchgeführt werden. Es ist unumgänglich notwendig, daß die Verwaltung und die Organisierung der jüdischen Weltwohltätigkeit rationalisiert werde. Der Anfang muß bei der Aufbringung der Mittel gemacht werden. Damit aber wird die Aufgabe noch lange nicht erschöpft sein. Auch die Verwaltung der verschiedenen Hilfswerke kann, ohne daß den einzelnen Zwecken Abbruch getan wird, noch vernünftiger geregelt sein. Es