Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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322 Das Jüdische Echo Nr. 20 ist die Verkörperung des Chassidismus, der Mittelpunkt aller religiösen und seelischen Hoffnungen. Die Gemeinde bildet einen religiösen Orden, aber ohne Regeln, ohne Zwang und ohne äußere Uniformierung. Und auch ohne Weltflucht. Die Welt fliehen? Nein, es gibt etwas Höheres, sie mit heiliger Glut erfüllen, sie durch den gewaltigen Willen, durch die reine Tat mit Gott verbinden. Die Mitglieder des „Stübls“ stehen trotz aller Verschiedenheit des Alters und des Standes auf Du und Du miteinander. Es gibt keine Kasten und keine Grade. Der eine ist gelehrter und frömmer, das schätzt man. Um so glücklicher ist er, daß er den Brüdern vom Reichtum seines Geistes spenden kann. Der andere ist reich, das weiß man. Um so mehr muß er für die Armen hergeben — nicht als Almosen, sondern als rechtmäßigen Teil der Gesamtheit. Mehr Rechte aber darf niemand für sich in Anspruch nehmen. Alle sind gleiche Chassidim, alle fahren zum selben Zaddik. Dieses Prinzip der Gleichheit ist in allem durchgeführt. Es gibt keinen Rav, keinen berufsmäßigen Chasan und keinen Maggid. Jeder ist aktiv, jeder gibt der Gemeinde, was er kann und was er hat. Und auch mit Gott stehen diese Leute auf Du und Du. Sie wollen Gott nicht aus der Ferne anbeten, sondern in seiner Nähe sein, mit ihm zur höchsten Harmonie verschmelzen. Und können sie nicht in den Himmel dringen, dann muß der Allerheiligste von seiner Höhe zu ihnen hinabsteigen. Die Himmelsleiter ist das Gebet, und die Sprossen heißen Liebe, Sehnsucht, Glut. Nicht im Trübsal und in zagem Bangen sucht man Gott, sondern in freudiger Hingabe, in Verzükkung und Ekstase. Nicht auf den Sinn des Wortes kommt es an, sondern auf die Kavanah, auf die Seele des Gebetes, die sich mit dem Individuum verbindet. Die Hitdabkut, die Vermählung mit Gott, ist die höchste Stufe religiöser Weihe. Was ist ein kaltes Beten ohne Seele, ohne Herzenserguß? Nur die Hitlahabuth, die Entflammung, bahnt den Weg zur göttlichen Gnade. Es ist eine Kabbala in neuer Gestalt, die der Seelenmeister Baal-Schem und der gewaltige Kenner, der „Rav“ (Rabbi Schneur Salmen) den Chassidim schenkten, eine Kabbala fürs Volk, die alle Schauern und alle Gefahren verlor und das ganze Herz erhellt und mit höheren Freuden beglückt. Wozu der lange mühselige Weg der Gelehrsamkeit? Wozu die lebenszermürbende Buße und Entbehrung? Gott ist nah, gütig. Er verlangt das warme Herz und nicht das kalte Gehirn, die jauchzende Seele und nicht den gequälten Leib. Die Religiosität soll erheben und nicht demütigen, beglücken und nicht erdrücken. Suchet nicht das Glück auf fernen Wegen, das höchste göttliche Glück ist euch allen nah, macht es euch zu eigen! Seid wieder Kinder, gläubige, fröhliche und fromme Kinder, die in Gott den Vater, in der Religion die Mutter glühend lieben! Streift alles Fremde und Steife ab, verscheucht die kleinen Sorgen des Alltags — und ihr seid glückliche Menschen! Alle Philosophie und Gedankentiefe, alle Hoheit und Schönheit löst sich im Begriffe „Kinder Gott e s“ auf. Jüdische Brüder sind es, die der Zaddik sichtbar und unsichtbar leitet, beschützt und behütet. Und aus dieser Ideenwelt fließt ein Strom, der wärmt und läutert und den Menschen über alles Niedrige erhebt und alles mit einem himmlischen Glanze bestrahlt. Es ist frühmorgens, die Sonne ist kaum aufgegangen. Die Leute sind eben aus dem Quellbad, das neben dem Stiibl ist, gekommen. Denn gebadet wird vor dem Gebete, Sommer und Winter. Man muß ja den Leib, die Hülle der Seele, reinigen, wenn man auf den Flügeln des Gebetes, in die hohen Welten (Olamot haeljonot) eindringen will. Man geht im „Stübl“ auf und ab, man bereitet sich für das Gebet vor. Und immer wärmer wird es, die Gesichter entflammen in Erinnerung und Sehnsucht. Und plötzlich tritt einer vor den Omed und beginnt mit dem Morgengebet. Es ist kein Beten, sondern ein Frohlocken in Gott, ein beglückendes Hinausrufen der Huldigung. Und die Gemeinde setzt in voller Begeisterung ein, im singenden, jubelnden Tone. Und alles klatscht in die Hände und bewegt sich mit ganzem Leibe und hüpft voller Ekstase. Und es ist ein Gottes dienst, man dient Gott mit ganzem Herzen, mit aller Freude der Seele, man gibt ihm alles, um noch Höheres zu empfangen. Man hat alle Sinne verseelt, alles in Reinheit und Heiligkeit gewandelt — man ist glücklich in Gott. Nach dem Gebet gibt es ein „Pidjon“. Irgendeiner aus der Gemeinde hat Jahrzeit und spendet Schnaps und Honigkuchen für alle, und man „lernt“ zusammen. Und dann erst geht man dem Tageswerk, der Nebenbeschäftigung, nach. Es ist Dämmerstunde, zwischen Mincha- und Maariv-Gebet. Die Leute sitzen um den großen warmen Ofen, keine Beleuchtung stört die Stimmung. Sie erzählen sich vom Rabbi und von seinen Vorfahren, den heiligen Zaddikim, oder gar vom Baal Schern selbst. Gleichnisse und Sprüche würzen die Unterhaltung. Plötzlich schlägt einer eine Melodie, den letzten Nigun, den er beim Rabbi gehört, an. Und alle singen mit, immer wärmer, immer begeisterter, und die große Sehnsucht nach Hoheit und nach warmem Glück steigt auf, und man ist im Geiste um den Rabbi, sieht sein strahlendes Antlitz, hört seine süße Stimme und fühlt sich geborgen vor allen Anfechtungen, geschützt vor allem drohenden Kummer. Es ist Sabbath-Nachmittag. Reb Benjamin Broder trägt aus dem Sohar, dem chassidischen Quellenbuch, vor. Es ist kein kalter Singsang wie beim Talmudlernen, es ist ein freudiges Genießen, ein Schöpfen aus der Tiefe, ein Schauen in den Quell des Lichtes. Und alles bewegt sich freudig und nimmt innigen Teil an diesem seelischen Erlebnis. Aber es gibt auch heilige Stunden, wo man Gott in Einsamkeit sucht — die Hitbodedut. Da weicht das Irdische ganz, und irgendwo in einem versteckten Winkel des Waldes, der Welt entrückt, verbringt man weihevolle Stunden, in denen man sich in höchster Ekstase Gott vermählt und alle Wonnen einer tiefen mysteriösen Liebe auskostet. Und man wundert sich nicht, wenn einer für Tage verschwindet, und wenn er zurückkommt, wird er nicht ausgefragt. Aber sein Gesicht strahlt, als wenn er einen verborgenen Schatz ausgegraben hätte. Er hat tief geschürft und ist den höchsten Regungen näher gekommen. Gibt es eine Familienfestlichkeit, dann nimmt selbstverständlich, ohne besondere Einladung, die ganze Bruderschaft daran teil. Und ist jemand in Bedrängnis geraten, dann wird nicht gebettelt, sondern es wird jedem genommen, was er für den Augenblick entbehren kann, um Hilfe zu schaffen. Und alles das geht im kleinen „Stübl“ vor sich. Und die Grenzen zwischen dem Profanen und Heiligen schwinden, Soziales und Religiöses verschmilzt miteinander im Leben und Denken des Chassidismus. Sehet, das ist das Chassidim-Stübl.