Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 316 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Das Jüdische Echo Nr. 20 Ähnliche Ergebnisse hat für Wien, wo 1923 unter einer Gesamtbevölkerung von rund 1 900 000 Seelen 201 000 Juden (das sind 10,8 Prozent) wohnten, Dr. Leo Goldhammer in seiner dankenswerten statistischen Studie „Die Juden Wiens“, R. Löwit Verlag, Wien, gefunden. Auch in Wien ist ein Geburtenüberschuß bei den Juden kaum mehr vorhanden, obwohl die absolute Zahl der Geburten in Wien relativ höher ist als in Berlin; auch in Wien nehmen die rein jüdischen Eheschließungen ab — bereits im Jahre 1919 waren ein Viertel aller von Juden überhaupt geschlossenen Ehen Mischehen. Es würde zu weit führen, mehr Einzelheiten, etwa über die Berufsgliederung der Wiener Juden, über die Wohnart der Juden innerhalb der Stadt Wien (für Berlin sind leider über diese beiden Gegenstände keine Angaben vorhanden), anzuführen. Es kann hier nur auf die beiden Bücher verwiesen werden, deren Lektüre allerdings für jeden an der jüdischen Zukunft Interessierten eine Notwendigkeit ist. Eugen Caspary sagt in seinem Geleitwort zum Berliner Jahrbuch, daß es die Aufgabe dieses Buches sei, in literarischer Form „das in der Millionenstadt räumlich unkonzentrierte und verstreute jüdische Leben Berlins in der Mannigfaltigkeit seiner Betätigungen und der Einheit seines Zusammenhanges darzustellen“. Man darf nun gewiß die Leistungen der Berliner Juden nicht gering einschätzen, auch nicht was das kulturelle oder religiöse Leben anlangt. Trotzdem aber scheint uns diese mangelnde Konzentration und die Verstreutheit des jüdischen Lebens im Galuth unvermeidlich und man darf wohl darauf hinweisen, daß die 158 000 Juden, die heute in Palästina wohnen, schon deshalb für die Zukunft des Judentums eine ganz andere Bedeutung haben, als etwa die 250 bis 300 000 Berliner oder die 200 000 Wiener Juden und dies, obwohl die finanziellen Möglichkeiten für jüdische Betätigung in Berlin und Wien ungleich größer sind. Diese jüdischen Zentren sind eben doch nicht Zentren in dem Sinne, den man sonst mit diesem Worte verbindet, sie haben keine Eigenkultur, sie strahlen keine Kräfte aus, sie erschöpfen sich in dem Bemühen, den jüdischen Bestand zu erhalten und1 können doch trotz aller Anstrengungen ein andauerndes Abbröckeln nicht vermeiden, es fehlt ihnen mit einem Wort der Zusammenhang mit der erneuernden Kraft des Bodens. Jüdische Schöpferkraft kann sich nicht in der Zerstreuung entfalten, wo für die Menge bestenfalls die Erholungszeit, der Ruhe- und Feiertag jüdisch bestimmt ist, jüdische Produktion, sowohl in materiellem als auch in geistigem Sinn wird es nur in Palästina geben können, wo auch der Alltag von jüdischem Geiste durchdrungen ist, wo die räumliche Konzentration von selbst zu einer jüdischen Lebensgemeinschaft führt — Grund .genug, die Anstrengungen für den Aufbau Palästinas nicht erlahmen zu lassen. I. E. MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERGER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168 Banderolenzauber Um es gleich vorwegzunehmen: Es handelt sich um einen ganz faulen Zauber. Vor einigen Wochen war in allen großen Zeitungen zu lesen, daß man einer weitverzweigten Fälscherbande auf die Spur gekommen sei, die nicht nur Zigarettensteuer-Banderolen gefälscht hat, sondern in ihrer verbrecherischen Betätigung soweit gegangen ist, daß sie bekannte und beliebte Marken hervorragender Zigarettenfabriken nachgemacht und diese Zigaretten unter dem Firmenzeichen der renommierten Fabriken in den Handel gebracht hat. Die ersten Mitteilungen über diese Malversationen trugen in Schlagzeilen die Aufschrift: „Millionenbetrug“, „Internationale Fälscher“, „Zigarettenschieber“ usw. Dann wurde mitgeteilt, daß es gelungen sei, in Berlin, in Köln, in Hamburg und in anderen deutschen Städten die Häupter dieser Verbrechergesellschaft dingfest zu machen. Bei all diesen Verhafteten handelte es sich fast ausschließlich um Juden, und zwar in vielen Fällen um eingewanderte Ostjuden. Die größten und gelesensten Zeitungen überboten sich in der Ausmalung der ungeheuerlichen Betrügereien dieser „internationalen“, „zugewanderten“, „landfremden“, „unberufenen“ Schieber. Immer wurden schaudernd Summen genannt, um die Staat und Zigarettenfabriken betrogen wurden, und diese Summen lauteten nie weniger als auf mehrere Millionen Mark. In einer Zeitung war zu lesen, daß es auch gelungen sei, ein großes Lager der verfälschten Zigaretten aufzustöbern, und zwar befand sich dieses Lager in einer Chaiselongue. Bei dieser Nachricht wurde man zum erstenmal stutzig. Es gehört nicht große Rechenkunst dazu, um sich zu sagen, daß in einer Chaiselongue, und mag diese noch so groß sein, nicht mehr als höchstens hunderttausend Zigaretten Platz hatten und hunderttausend Zigaretten — es handelt sich in allen Fällen um beliebte 5-Pf.-Marken — repräsentieren einen Verkaufswert von 5000 RM. — und einen Steuerwert von höchstens 2500 RM. — Dann wieder konnte man lesen, daß ein anderer Schwindler überführt wurde, daß er „mindestens“ 300 000 Zigaretten verkauft hätte. Diese Zahl mit 5 Pf. multipliziert, ergibt einen Verkaufswert von RM. 15 000.— und einen Steuerhöchstwert von RM. 7500.—. Woher kommen da die Millionen, um die angeblich der Staat und die großen Fabriken geschädigt wurden? Kurze Zeit später konnte man wieder, diesmal aber in ganz kleiner Schrift an versteckten Stellen der Zeitungen lesen, daß die meisten verhafteten „Millionenbetrüger“ entlassen wurden, die einen gegen Kautionen, die sich in der Höhe von RM. 5000.— bewegten, die anderen ohne Kaution. Was kann also von diesen Millionenbetrügereien als Rest geblieben sein, wenn man die mit großem Pomp unter Zuhilfenahme aller kriminalistischen Methoden zur Strecke gebrachten Schwerverbrecher sang- und klanglos wieder ziehen ließ? Wenn man diesen ganzen Sachverhalt überlegt, so kommt man zu folgenden Schlüssen: Es ist bekannt, daß die Zigarettenindustrie in Deutschland der Großinserent der Tageszeitungen ist. Nachrichten und Mitteilungen der Zigarettenindustrie genießen darum, was im übrigen ja ganz erklärlich ist, auch im redaktionellen Teil der Zeitungen besondere Berücksichtigung. Es mag mitunter Vorkommen, daß irgendeine der am meisten gerauchten Zigarettenmarken in Deutschland aus besonderen Gründen in der Qualität nachläßt und daß deswegen seitens der Zigarettenhändler und