Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 20 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 20_ 20. Mai 14. Jahrgang Redaktionsschluß für die nächste Nummer: Dienstag abend Berlin und Wien als jüdische Zentren Im Jahre 1871 lebten in Berlin unter einer Gesamtbevölkerung von 870 000 Seelen 36 000 Juden; heute kennt man die Zahl der Berliner Juden nicht genau, da die Ergebnisse der Bevölkerungsaufnahme vom 16. Juni 1925 gerade für die preußischen Juden noch nicht vorliegen; man schätzt sie zwischen 250 000 und 300 000 (bei einer Gesamtbevölkerung von über 4 Millionen, das sind nach der Mindestschätzung 6,2 Prozent). Ungefähr die Hälfte der deutschen Juden ist also in Berlin zusammengeballt; es mag einen richtigen Begriff von dieser Menge vermitteln, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in Bayern einschließlich der Pfalz nur 49 000 Juden wohnen; die Differenz der soeben angegebenen Schätzungen für Berlin erscheint nach diesem Vergleich geradezu ungeheuerlich. Es besteht kein Zweifel mehr darüber, daß die Bedeutung der Berliner jüdischen Gemeinde im Rahmen der deutschen Judenheit kaum überschätzt werden kann; Die Berliner Juden werden — mag man sich zu dieser Tatsache stellen wie man will — das Bild des deutschen Juden entscheidend bestimmen und der Kampf um die Zukunft der deutschen Juden wird wohl im wesentlichen in Berlin ausgetragen werden, zumal ein Ende der Zusammendrängungsbewegung der Juden in die Großstädte nicht abzusehen ist. Wenn nun auch gerade in bezug auf die Zahl der Berliner Juden noch manche Unklarheit besteht, so kann man sich doch heute wenigstens über die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde, über die jüdischen Organisationen Berlins, mit einem Worte über alle wichtigeren Erscheinungen des jüdischen Lebens informieren. Diese erschöpfende Information bietet das von Dr. Jacob Jacobson, dem Leiter des Gesamtarchivs der deutschen Juden, in Gemeinschaft mit Dr. Jacob Segall herausgegebene „Jüdische Jahrbuch für Großberlin auf das Jahr 1926“, Verlag Scherbel & Co., Berlin-Grunewald, das sich auf dem Titelblatt zu bescheiden nur als „Wegweiser durch die jüdischen Einrichtungen und Organisationen Berlins“ bezeichnet, in Wirklichkeit aber doch einen umfassenden Überblick über die Gesamtheit jüdischen Lebens in Berlin gibt. In einer Reihe von Aufsätzen wird behandelt die Geschichte der Juden in Berlin, die Organisation der jüdischen Gemeinde und der Synagogengemeinde Adaß Jisroel, das Kultus- und Ritualwesen, die jüdischen Parteien, Gesamtorganisationen und Vereine (deren es mehr als 400 gibt, von denen authentisches Material über Zweck, Geschäftsführung, Vorstand, Zusammensetzung usw. beigebracht wird). Besonderes Interesse beanspruchen die Kapitel über die Statistik der Juden in Berlin, über die jüdische Wohlfahrtspflege und über das geistige und kulturelle Leben, in welchem Abschnitt auch das Schul- und Bildungswesen ausführlich dargestellt ist. Es kann hier nicht versucht werden von Wohlfahrts-, Kultus- und Schulwesen auch nur das Notwendigste mitzuteilen; es sei nur darauf hingewiesen, daß im Jahre 1925 17 000 Personen vom Wohlfahrtsamt betreut wurden, daß in diesem Jahre 1552 Kinder in der Obhut der Sammelvormundschaft standen und daß im gleichen Jahre mindestens 1 Million Mark vom Wohlfahrtsamt ausgegeben wurden. 11 Gemeindesynagogen (6 mit altem, 5 mit neuem Ritus), ferner 3 Synagogen der Adaß Jisroel Gemeinde und 47 von Vereinen unterhaltene Synagogen befriedigen mit 34 Zweiggottesdiensten zu den hohen Festtagen die gottesdienstlichen Bedürfnisse; neben gemeindlichen Knaben- und Mädchenmittelschulen existieren in Berlin eine Volksschule, ein Realgymnasium und ein Lyzeum der Adaß Jisroel, eine Schule der Knesseth Jisroel und 2 Volksschulen des jüdischen Schulvereins e. V., in denen Hebräisch nach modernen Grundsätzen gelehrt wird. Daneben wird in 45 Religionsschulen und an 90 anderen Schulen Religionsunterricht erteilt; an sonstigen Lehr- und Bildungsstätten sind vorhanden 1 Lehrerseminar, 2 rabbinische Lehranstalten, die freie jüdische Volksschule, die hebräische Lehranstalt der jüdischen Gemeinde und verschiedene Bibliotheken, unter denen die der jüdischen Gemeinde mit einem Bestand von rund 48 000 Bänden die wichtigste ist. All diese Tatsachen, die auf eine ausgedehnte jüdische Betätigung schließen lassen, könnten recht hoffnungsvoll stimmen, und die Vermutung erwecken, daß eine lebenskräftige und zukunftssichere jüdische Bevölkerung in Berlin lebt; allein die Ergebnisse der Bevölkerungsstatistik sind leider nur zu geeignet, solche Gedanken als Träume erscheinen zu lassen. Daß die Geburtenziffer seit langem eine anhaltende Abnahme zeigt, wird niemanden wundern, da sich diese Erscheinung auch in der Gesamtbevölkerung geltend macht; wenn man aber erfährt, daß in den Jahren 1921 bis 1925 die jüdische Bevölkerungsbilanz (Gegenüberstellung der Geburten- und Sterbefälle) einen Verlust von 1229 Personen aufweist — der allerdings durch Zuwanderung wieder ausgeglichen wird —, daß nahezu die Hälfte aller jüdischen Geburten in Berlin Erstgeburten sind und nur ein Drittel zweite Kinder — das Ein- und Zweikindersystem ist also fast konsequent durchgeführt —, daß die Zahl der rein jüdischen Eheschließungen einen rapiden Rückgang zeigt, die Zahl der Mischehen dagegen eine ständige Zunahme — nahezu ein Drittel der jüdischen eheschließenden Männer, fast ein Sechstel der eheschließenden Frauen gehen zur Zeit eine Mischehe ein — wenn man all dies erfährt, wird man doch recht skeptisch in die Zukunft sehen. Dazu kommt, daß auch die Austrittsbewegung eine anschwellende Tendenz zeigt, die allerdings nach, der Inflation leicht zurückgegangen ist. - ■ .