Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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306 Das Jüdische Echo Nr. 19 dem Pult zurückgelassen hatte. Seine Gedanken waren inzwischen schon ganz zum Geschäft zurückgekehrt: „Also du gibst mir nicht mehr als 180, Kobi?“, wandte er sich an seinen Schwiegersohn. Vater Budweiser lächelte: „Sagen- Sie mir, Vater, wer Ihnen in ganz Podscheh'tz und Umgebung so viel gibt! Der Weizen steht doch 150. Schauen Sie sich’s in der Zeitung an. Übrigens ist ja morgen Dienstag. Sie können mit mir nach Prag zur Börse fahren: ich werde dort mit dem Weizen von einem Kunden zum andern hausieren gehen, und Sie können sehen, was man mir dafür gibt. Der Großvater schüttelte hartnäckig den Kopf: „Ich geb ihn nicht unter 180. Da ist alles umsonst!“ Radi, der jüngere Sohn, brachte aus dem Nebenzimmer einen gepolsterten Sessel herbei. Er sah, daß sich die Verhandlungen in die Länge ziehen würden, und das Geschäftsstockerl, auf dem der Großvater saß, hatte geripptes Holz. „Schauen Sie, Vater, ich will ja an Ihnen nichts verdienen“, rief Budweiser und beugte sich über den Ladentisch, hinter dem er stand, zu dem Großvater hinüber. „Unter 180 keinen Heller“, brummte der Großvater unerschütterlich, „ich hab ihn selbst teuer gekauft“. „Wie teuer?“ fragte Budweiser lachend. Er wußte, daß der Großvater schon aus Frömmigkeit keine Lüge über die Lippen brächte. Der Großvater begann, sich zu ärgern. Seine Stimme zitterte noch heftiger: er machte einen schwachen Versuch, sie lauter zu erheben. Nun hätte Julius Voraussagen können, daß der Vater sofort nachgeben würde. „Gegen Ihre Tüchtigkeit kommt man eben nicht auf“, würde er voll Anerkennung sagen und alles bezahlen, was David Braun verlangte und wenn’s auch zwanzig Kronen mehr waren, als Budweiser je für den Weizen erlangen konnte. Und nun interessierte es Julius nicht mehr. Aber er wußte nicht, wie er seinen Abgang einleiten sollte. Er lehnte-mit dem Rücken am äußeren Pultrand neben dem Großvater und betrachtete die langen Reihen von Säcken voll Mehl, getrockneten Pflaumen, Erbsen, Linsen, die entlang der Wand standen. Einige waren schon nicht mehr ganz voll und die schlaffe Hülle lag in bauschigen Falten auf dem straffen Rumpf des Sackes. Wenn die Öffnung oben zugebunden war, sahen die dicken Säcke wie Knackwürste aus. Trotz des Regens erhob sich -der Großvater, als die Nachbesprechungen des Geschäftes (über die Lieferung -der Säcke usw.) zu Ende waren. Er mußte noch ein paar Bauern besuchen. „Vater, mit welcher Eleganz du da dein Geld verlierst!“ Radi lachte, als der Großvater die Ladentür mit dem abgerissenen Glockenton hinter sich geschlossen hatte. „Nun, wenn es ihm so eine Freude macht“, entschuldigte sich der Vater. Gemeindenu. Vereins-Echo Ostjüdische Volkslieder Zum ersten Male wurde in München der Versuch unternommen, ostjüdische Volkslieder in reicher Auswahl öffentlich zum Vortrag zu bringen. Dieser Gedanke, dem auch die Tagespresse mit Interesse gegenüberstand, darf keineswegs als eine Angelegenheit internen Charakters bewertet werden: auch musikalische Forscher anderer Bekenntnisse können an diesen Quellen reiner Kunst nicht achtlos vorübergehen. Letztere führt uns in eine weit zurückliegende Vergangenheit und wenn auch beispielsweise die alten Gesänge der jemenischen Juden nicht in dem üblichen Sinn als Volkslieder aufgefaßt werden dürfen, so bildet jedenfalls die Tatsache, daß sie aus der Psyche des Volkes geboren und erlebt wurden, das ausschlaggebende Charakteristikum. Ihr synagogaler Einschlag weist sie mit den religiösen Jakobsliedern aus Rumänien und Litauen sowie Hamawdil einer ganz gesonderten Gruppe zu, die auch in der gesanglichen Betätigung des Alltags jeden profanen Gedanken ausschalten. Eine Verwandtschaft mit den früher gebräuchlichen alten Tonarten und liturgischen Wendungen ist unverkennbar, doch behalten sie trotz ihrer choralischen Einstellung ihre eigene Physiognomie und Ursprünglichkeit, welche von den Bearbeitern Alice Löwenson, Darius M i 1 h a u d und Heinrich S c h a 1 i t mit rührender Treue gewahrt wurde. Einen tiefen Einblick in das Leben, Fühlen und Denken der Ostjuden eröffnen die Liebes-, Mädchen- und Wiegenlieder. Reichtum an Gemüt, der Zauber der Familie und eine hohe Auffassung in Herzensangelegenheiten, all diese Eigenschaften äußern sich mit großer Prägnanz, und mag auch die melancholische Stimmung vorherrschend sein, so kommt doch in vielen Liedern ein ganz köstlicher Humor und Sarkasmus zum Durchbruch. Jedenfalls verschmäht das ostjüdische Volkslied jede Oberflächlichkeit — es ist zu sehr von Leid getränkt —, und unter den Stimmen der Völker darf es an erster Stelle gehört werden, so sehr sein Wesen an eine bestimmte Scholle gebannt erscheint. Der größte Teil der Bearbeitungen stammt von Heinrich Schabt, der wohl auch als spriritus rector der Veranstaltung anzusprechen sein dürfte. Er hat in der letzten Zeit mit besonderer Vorliebe seine hoch zu schätzende Begabung auf archaistische Grundlage gestellt und wird verdanken ihm in seinen hymnenartigen Gesängen und Vertonungen von Jehuda Halevi usw. wertvolle kompositorische Schöpfungen. Auch in der Bearbeitung der genannten Volkslieder zeigt er sich nicht bloß als ein reifer Meister des Satzes, sondern Könner und Hüter des Stils. Seine Harmonik ist eigenartig und paßt sich trotz einer gewissen Fortschrittlichkeit in den Klangmischungen den jeweiligen Stimmungen mit großer Ausdruckskraft an. Seine hier bekundete nachschöpferische Kunst steht auf gleicher Höhe mit seinem Verdienst, längst verklungene Weisen zu neuem, hoffentlich dauerndem Leben erweckt zu haben. In Rahel Ermolnikoff hatte man eine hervorragende Interpretin für den Abend gewonnen. Ihre äußerst sympathisch und sonor klingende Altstimme sowie gründliche Musikalität erweisen sich für die hier gestellten Aufgaben besonders günstig und geben denselben dadurch ein durchwegs künstlerisches Gepräge. Ihre liedmäßige Darstellung, die nicht nur auf der selbstverständlichen Beherrschung des jiddischen Idioms, sondern des jiddischen Wesens basiert, wirkt durch ihre warmgefühlte Art echt und warm, sie identifiziert sich mit dem Inhalt als Ergebnis eines persönlichen Seelenerlebnisses. Die Zuhörer wurden durch das Gebotene nachhaltig gefesselt und ergriffen und brachten ihren Dank durch enthusiastischen Beifall zum Ausdruck. Julius Schweitzer. (Fortsetzung siehe Seite 310.)