Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Das Jüdische Echo 305 Seine Lage in sonniger Waldluft machte ihn zu einem der stimmungsvollsten Plätzchen weit und breit. Die Israeliten von Lauchheim und Aufhausen bestatten noch heute ihre Toten daselbst. Zur Zeit aber bietet dieser stille Ort ein trauriges Bild der Zerstörung: 16 Grabsteine sind umgestürzt und durch den Fall teilweise zerschmettert worden. Und die Täter sind nicht etwa rohe Burschen, sondern Mädchen im Alter von ungefähr 16 Jahren — die Erstkommunikantinnen von Aufhausen. Sie waren ausgezogen, um im nahen Walde Efeu zu sammeln für Kränze und Girlanden zum schönen Fest der Erstkommunion. Dabei kletterten sie in jugendlichem Übermut über die niedrige Friedhofmauer und verübten mit vereinten Kräften die böse Tat. Sie bedachten wohl nicht, welchen Kummer und Schmerz sie den Hinterbliebenen der Toten, dann ihren Lehrern und Geistlichen, am meisten aber ihren Eltern bereiten würden, welche auch den beträchtlichen materiellen Schaden zu tragen haben.“ Die Sitzung des Aktions-Komitees L o n d o n , 6. Mai. (JTA.) Am Donnerstag, dem 5. Mai, abends, wurde in London die Tagung des Aktions-Komitees der Zionistischen Weltorganisation eröffnet. Herr Leo Motzkin, der Präsident des Aktions-Komitees, leitete die Verhandlungen. Dr. Weizmann, der Präsident der Weltorganisation, war verhindert, der Eröffnungssitzung beizuwohnen. Er wird erst zu der Sitzung von Samstag abend erscheinen. Herr Motzkin gedachte der verstorbenen prominenten Mitglieder der Organisation, insbesondere Achad Haams und des vor wenigen Tagen dahingegangenen Schatzmeisters des amerikanischen Keren Hajessod, Herman Conheim. Herr Motzkin hielt sodann eine Ansprache, in der er dem Bedauern darüber Ausdruck gab, daß diese A.C.-Sitzung nicht in Palästina abgehalten wird. Die zweite Ansprache hielt Herr Nahum SokoloW, der Präsident der Weltexekutive. Er berichtete, daß sich die politische Lage des Zionismus überall in der Welt, insbesondere in England und in Frankreich, gebessert habe. Schwierigkeiten bestünden nur in Palästina, und dort seien sie rein wirtschaftlicher Natur. Colonel Kisch, der Leiter der Exekutive in Palästina, verlas einen Bericht über die allgemeine Lage in diesem Lande. Er gab seiner Ansicht dahin Ausdruck, daß der Höhepunkt der Krise bereits überschritten sei, und daß man, sobald die notwendigen Schritte ergriffen sein werden, vertrauensvoll in die Zukunft wird blicken können. Dr. Arthur Hantke, der Direktor des Keren Hajessod, erstattete Bericht über die Tätigkeit des jetzt in Palästina domilizierenden Hauptbüros des Keren Hajessod. Seitdem das Hauptbüro in Palär stina arbeitet, hat sich das Gesamteinkommen um 60 Prozent erhöht, nämlich von £ 2.220.000 auf £ 3.600.000. Herr M. M. Ussischkin, der Präsident des Keren Kajemeth, berichtete über die Tätigkeit des Jüdischen Nationalfonds. Das Einkommen dieses Fonds im laufenden Jahre betrug £ 1.300.000. Er klagte darüber, daß der Nationalfonds angesichts des Hervortretens der anderen Fonds vernachlässigt werde. In der Freitag-Sitzung wurde auf Beschluß des Aktions-Komitees die Generaldebatte nicht eröffnet, sondern an die Bildung von vier Kommissionen geschritten, von denen jede einzelne 13 Mitglieder umfaßt. Die Kommission für Kongreß- und Organisationsfragen, die Palästinakommission und die Finanzkommission nahmen ihre Beratungen sofort auf, während die politische Kommission nach dem Berichte Prof. Weizmanns zusammentreten wird. London, 8. Mai. In der Sitzung vom 8. Mai berichtet Dr. Weizmann über seine Verhandlungen in Amerika und stellte fest, daß es in Amerika keine Antizionisten gebe. Die Expertenkommission sei in Bildung begriffen. Sie werde die Frage beantworten, welche Werte ein Äquivalent für die bisher in Palästina investierten Gelder bilden. Dr. Eder und Dr. Jacobson erstatteten am Schlüsse der Vormittagsitzung weitere politische Berichte. Am Nachmittag leitete Louis Lipsky die Generaldebatte ein und begründete ausführlich die letzte Kundgebung der Exekutive. Flierauf folgten Reden von Sprinzak und Dizengoff. Der Abend war für die Kommissionssitzungen bestimmt. | I I 1 j II 1 li Feuilleton | | L 11M II 11 II111 1 Der Großvater Ein Kleinstadtnorträt Von O s k Die ganze Nacht hatte es geregnet und am Tage regnete es weiter. Dicht, schnell, aber ohne Heftigkeit und ohne Wind; maschinenhaft gleichmäßig. „Es Wird wohl überhaupt nie mehr aufhören“, fühlte man traurig. „Julius, du sollst hereinkommen!“ rief die Mutter aus dem Nebenzimmer, indem sie die Tür ein wenig öffnete, „der Großvater ist da!“ Julius sprang auf. Er hatte die Großeltern noch nicht besucht, seit er von Prag gekommen war. Ein faux pas, ohne Zweifel. Und wie beschämend, daß der Großvater nun, sozusagen, ihn besuchen kam! Und in diesem Regen! Julius eilte durch die Wohnung; sie war leer. Er fand den Großvater erst im Laden, aber nicht gekränkt oder beleidigt. „Servus!“ rief er dem Enkel entgegen und dachte an keinen Vorwurf. Er war nur gekommen, seinem Schwiegersohn Weizen anzubieten; denn Herr Budweiser handelte auch mit Getreide. r B a u m Der kleine Greis mit dem sonnbraunen, verrunzelten Gesicht war ganz belebt vor Freude, als der stramme Student auf ihn zueilte und ihn umarmte. „Ein fescher Kerl, unser Jultscha“, knatterte er in seinem tiefen zitternden Baß. Und er legte seine knochige Hand, an der das Geäst der Adern wie geschwollen hervortrat, schwer auf das Haar des jungen Mannes, der sich bückte und murmelte ernst und ohne besondere Einleitung einen hebräischen Segensspruch. Dann tätschelte er Julius Wangen und bekam feuchte Augen vor Wohlgefallen. „Wird wohl ein großer Professor werden, unser Jultscha, und wird etwas erfinden, daß die alten Leute wieder jung werden; aber damit muß er sich beeilen, solange noch sein Großvater lebt, nicht wahr, mein Jultscha?“ Er nahm den nassen Hut wieder ab, den er wegen des Segensspruches aufgesetzt hatte und legte ihn wieder in die kleine Lache zurück, die er auf