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Das jüdische Echo · 1927-05-13 · 19 (13.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
19 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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300 Das Jüdische Echo Nr. 19 Am Versöhnungstag aber bleibt er zu Hause, wenn er nicht sogar fastet. Da der Unterschied zwischen ihm und seinen Mitbürgern in der Theorie ein so kleiner ist, sollte es in der Praxis ebenso sein. Aber das Gegenteil ist richtig. Unser amerikanischer Freund jüdischen Glaubens mag blond und gradnäsig sein, er mag in Sprache und Betragen der Mehrheit bewundernswürdig gleichen, er mag einen Sohn in Harvard und eine Tochter in Vassar haben, er mag seinen Namen geändert haben. Aber wenn er an seiner Tafel präsidiert, werden Lewinsky und Rosenfeld die Gäste sein; an seinem Tisch im Frühstücksklub (wir dürfen ihn wohl für einen Kaufmann oder Rechtsanwalt halten) werden Stimmen zu hören sein, in denen das Echo altväterlicher Gebete und Lehrgesänge noch vernehmbar ist. Seine Söhne und Töchter werden nichtjüdische Studienfreunde haben. Aber diese Freundschaften werden nach Abschluß der Studien mit allen Anzeichen gegenseitigen Einverständnisses dahinschwinden. Aller seiner Theorien ungeachtet, sucht unser Freund in Wirklichkeit gar keine nichtjüdische Gesellschaft. Erstens ist er in der Regel empfindlich und voll Selbstgefühl. Er mag nicht dort sein, wo er nicht erwünscht ist; und daran mahnen ihn Erinnerungen und Instinkt, daß er es wahrscheinlich nicht ist. Zweitens weiß er, wenn er es auch nachdrücklich und sogar heiter leugnen wird, daß seine Lage eine außerordentlich heikle ist. Er braucht z. B. nur von einem Unitarier eine gesellschaftliche Zurücksetzung zu erfahren, und seine ganze Theorie wird hinfällig. Deshalb muß er um des inneren Gleichgewichtes willen ausschließlich mit solchen verkehren, die in der gleichen Lage sind und unter den gleichen Voraussetzungen leben. In seinen Kreisen finden wir eine vollkommene und erstaunliche Nachahmung der nichtjüdischen Kultur. Sie unterscheidet sich von der wahren dem Anschein nach nur durch eine leidenschaftlichere Liebe für die Kunst und durch das nahezu vollständige Fehlen von anderen Genossen als Juden. Diese Juden werden überdies niemals auch nur um eine Spur orthodoxer sein als er selbst. Sie dürfen niemals einem Zweifel an dem vollständigen Erfolg der Assimilationstheorie Raum gewähren. Sind die gesellschaftlichen Beziehungen unseres Freundes um des Friedens seiner Seele willen begrenzt, so ist er in seinem Staatsbürgertum noch viel unfreier. Da er in dem Anspruch auf Gleichberechtigung lebt, treibt es ihn stets, noch mehr Gemeinsinn und Patriotismus zu zeigen als sein nichtjüdischer Nachbar, um diese Gleichberechtigung zu erlangen. Er übernimmt öffentliche Vertrauensstellungen mit übermäßiger Befriedigung und fühlt sich geschmeichelt, wenn man ihn auffordert, Arbeit oder Geld für allgemeine Wohlfahrtszwecke beizusteuern. Sein ganzes Leben als Staatsbürger ist eine petitio principii. Immerhin geht es ihm noch gut genug in Angelegenheiten, die seine Stadt oder seinen Staat betreffen. In internationalen Angelegenheiten ist sein Weg noch beschwerlicher. Er möchte gern die Meinung anderer Amerikaner in guter sozialer und beruflicher Stellung teilen und mit ihnen übereinstimmen. Doch leider kann er sich über die Unabhängigkeit Polens nicht restlos freuen; er kann Rumänien nicht lie- I. MÜNCHENER PLISSEE-BRENNEREI FRANZ QRUBER, MÜNCHEN Hohlsaum, Knöpfe, Fadeln, Kanten, Kostümstlckereien Burgstraße 16/3 Telephon 22975 ben trotz dessen Leiden während des Krieges unter dem „preußischen Joch“. Er hat eine verstohlene Zuneigung für das Vorkriegs-Deutschland Rathenaus, Dernburgs und Bailins, trotzdem er sich selbst, sein Vermögen, das Blut seiner Söhne, für die Alliierten hingegeben hat; er fühlt — und wagt es kaum seiner eigenen Seele anzuvertrauen — einen Schatten von Duldsamkeit den Sowjets gegenüber, die die Pogrome unterdrückt und den Juden die volle bürgerliche Gleichberechtigung gegeben haben. Er ist Amerikaner, hundertprozentiger Amerikaner. Und doch reagiert er in politischen Fragen noch mit einem zweiten, einem internationalen Bewußtsein. In extremen Fällen flucht er diesem internationalen Vorurteil. Aber es bleibt bestehen. In und zwischen den Zeilen Das Manifest der Zionistischen Exekutive Wenn man die Kundgebung der Exekutive, die in den letzten Tagen an die jüdische Öffentlichkeit gerichtet wurde, aufmerksam gelesen hat, bedauert man, daß diese rückhaltlose Darstellung der gegenwärtigen Situation in Palästina sowie die programmatische Skizzierung des in der nächsten Zukunft einzuschlagenden Weges erst jetzt erfolgte. Eine ungeschminkte Kennzeichnung dessen, was ist, hat sich zu allen Zeiten als das beste Mittel erwiesen, dem Entstehen und Fortwuchern von schiefen Behauptungen und gegenseitigen Vorwürfen ein Ende zu machen. Man hat in den letzten schweren Monaten erleben müssen, daß die einzelnen Richtungen und Interessengruppen in der zionistischen Bewegung bzw. im palästinischen Jischuw versucht haben, anstatt in angestrengtester Mühe den Weg zu einer Überwindung der Krise zu finden, die schuldhaften Ursachen herauszuspüren und die Verantwortung für das, was heute für die Lage kennzeichnend ist, immer allen anderen Faktoren aufzubürden und sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Die Kundgebung der Exekutive wird hoffentlich diesem nutzlosen und unfruchtbaren Spiel ein Ende machen, und es ist zweifellos, daß eine Reinigung der Atmosphäre schon früher eingeleitet wäre, hätte die oberste Instanz der Bewegung vor Monaten die Möglichkeit gehabt, autoritativ das Wort zu ergreifen, die Situation zu beleuchten und das Einigende zu betonen, wie es in der erlassenen Kundgebung geschehen ist. Es ist festzuhalten, daß diese Sitzung der erweiterten Exekutive unter dem Drucke der verantwortlichen Leiter der Arbeit in Palästina zustandegekommen ist. In diesem Sinne stellte sie einen Akt der Selbsthilfe des Jischuw dar, und auch die Vorschläge, die in der Sitzung zur Beratung standen und zu Beschlüssen führten, sind aus dem Leben und aus den harten Notwendigkeiten des Jischuw geboren. An der Kundgebung fällt in stärkstem Maße die Offenheit auf, mit der die Lage in Palästina geschildert wird, sowie die Situation innerhalb der zionistischen Bewegung bzw. die finanziellen Verhältnisse, auf Grund welcher die Zionistische Exekutive dauernd bemüht war, die Schwierigkeiten in Palästina zu meistern. Erfreulich ist, daß sich die Exekutive rückhaltlos zu dem Grundsätze bekennt, daß sie die allseitige Verantwortung für das Jüdische Nationale Heim trägt, wiewohl sie programmäßig eigentlich nur mit der Verantwortung für die Entwicklung ihrer eigenen Unternehmungen belastet werden sollte. Trotz-

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