Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 19 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 19_ 13. Mai 14. Jahrgang Redaktionsschlufl für die nächste Nummer: Dienstag abend Der Amerikaner jüdischen Glaubens1 Von Ludwig Lewinsohn Das erste Kennzeichen der Lage einer Minderheit ist ihr vollständiger Mangel an Selbstbestimmung. Sie mag tun, was sie will, selbst ihre Existenzbedingungen werden durch das bloße Übergewicht, die Neigungen und Gewohnheiten der sie umgebenden Majorität bestimmt. Und das ist nicht weniger wahr, wenn diese Majorität freundlich, als wenn sie feindlich gesinnt ist. Ihre Beschäftigung, der Ort und Charakter ihres Wohnsitzes, selbst ihr Äußeres und ihr Betragen passen sich Regeln und Instinkten an, die sie nicht gemacht hat und nicht ändern kann. Dieser grundlegenden Tatsache braucht sich die Majorität nicht bewußt zu sein. In Amerika war sie es viele Jahre lang nicht, sondern sie bot ehrlich und stolz jene Freiheit an, welche die einzige ist, die die Majorität zu bieten bat —■ die Freiheit, so zu sein wie sie. Die Minorität nahm dieses Anerbieten an, soweit sie konnte, mit einer tatsächlich verblüffenden Vollständigkeit, zuweilen über ihre Kraft. So wurde ein Gleichgewicht, ein scheinbares Gleichgewicht hergestellt. Aber dieses Gleichgewicht ist immer höchst unbeständig. Sobald sich die Majorität über den Charakter ihres Anerbietens der Freiheit und Gleichheit klar wird, wird die Angleichung der Minderheit als unvollständig empfunden, das Gleichgewicht ist gestört und es wird in einem gröberen und augenfälligeren Sinne Bedrücker und Unterdrückte geben. Alte Begünstigungen werden zurückgenommen, alte Vorrechte nicht mehr anerkannt, alte Ausnahmen nicht mehr gemacht. Die Tatsache, daß die Minderheit von der Gnade der Mehrheit abhängig ist, wird zu einer nackten und grausamen. Eine Tatsache ist es immer gewesen. Aber nun wird es offenes Marktgeschwätz. Das ist die Geschichte der Juden in jedem westlichen Lande während des letzten halben Jahrhunderts. Es ist auch ihre Geschichte in Amerika. Einst wurde der jüdische Mitbürger treulich beschützt, der seltene jüdische Intellektuelle großmütig gefördert. Seine Fortschritte in der amerikanischen Lebens- und Denkweise wurden als eine feine Schmeichelei für diese angesehen. Der Jude wurde verwöhnt wie ein frühreifes Kind, wie ein Krüppel, der tanzen gelernt hat.... Diese bequemen, aber nicht sehr ehrenvollen Tage sind vorbei. Die Majorität hat entschieden, wie sie immer entscheidet und entscheiden muß, daß ihr Anerbieten der Freiheit, so zu sein wie sie, unvollkommen erfüllt worden ist. Die Minderheit, die sich der alten Annehmlichkeiten und Vorrechte erinnert, wehrt sich noch. Aber die Majorität ist tatsächlich im Recht, so äußerst grausam auch ihre Grundvoraussetzungen sein mögen. Ihrem unmög- 1 Aus dem Buche „Israel“. Dieser Ausschnitt muß in jedem Juden Deutschlands Assoziationen wecken und ihn zu Vergleichen anregen. (Red.) liehen Verlangen wurde wirklich nicht entsprochen, aus dem einfachen Grunde, weil das nicht sein kann und nicht sein darf. Und die Ergebnisse dieser Erkenntnis sind wie immer und überall — offene und schließlich bewußte Unterdrückung. Wir in Amerika sind ein höfliches und in vieler Hinsicht ein gutmütiges Volk. Ich glaube nicht, daß die Verhältnisse in Amerika sich dem Grad nach jemals denen nähern werden, wie sie in einem so aufgeklärten Lande wie Deutschland zu finden sind. Ihrer Art nach aber sind sie heute bereits die gleichen: die versuchte und oft erfolgreiche Ausschließung der Juden vom Studium, Lehrberuf, von der Ausübung der freien Berufe und gerechter Beförderung, ihre Vertreibung aus bestimmten Häusern, Straßen, Gasthöfen, Kurorten, die wachsende Entfremdung und Trennung auf allen Gebieten des sozialen und Gemeinschaftslebens — das sind die klassischen Erfindungen, durch welche die Majorität immer und überall eine Minorität aus dem Volkskörper auszustoßen sucht, welche das Anerbieten, sich zu assimilieren und zu verschwinden nicht angenommen hat — und tatsächlich nicht annehmen konnte und durfte. So haben wir, ungeachtet einiger tausend oder zehntausend persönlicher Ausnahmen und einiger tausend Fälle von Erleichterungen hier und da in bestimmten kleinen Kreisen heute in Amerika die Situation, die mein Freund, der Arzt, subjektiv, aber treffend in die Worte zusammengefaßt hat: Wir sind nirgendwo erwünscht. Der menschliche Geist hat während seiner langen und qualvollen Geschichte keine seltsameren Früchte getragen als diese Juden, die zurückgewiesen werden, wo sie zu Hause sind, die ihr eigenes Leben zu leben suchen und gleichzeitig das Leben, das von ihnen verlangt wird, die inneren Frieden und äußere Sicherheit um einen Preis zu erwerben suchen, den nach der Natur der Dinge kein Mensch zu zahlen imstande ist. Der Amerikaner der Mittelklasse „jüdischen Glaubens“ hat, wie er es nennt, ebenso wie sein auf der gleichen Kulturstufe stehender nichtjüdischer Mitbürger gewöhnlich wenig oder gar keinen Glauben. Er mag für einen Sitz im Reformtempel zahlen, ist vielleicht sogar an gewissen hohen Feiertagen in diesem Tempel zu sehen. Jene seiner Gefühle, die den religiösen am tiefsten verwandt sind, werden eher durch ein Buch, ein Schauspiel, eine Oper oder ein Konzert hervorgerufen. Trotzdem muß er diesen konfessionellen Zusammenhang aufrechterhalten, denn er ist der äe'rbrechliche Schild für seine exponierte Lage. Gemäß dem Argument, das ihn aufrechterhält, unterscheidet er sich von den anderen Amerikanern nur durch seine Religion. Daher muß er sich an diese Religion klammern. Die Reform seines Kultus ermöglicht es ihm, Sonnabend in seinem Bureau zu sein und am Sonntag dem Gottesdienst beizuwohnen.