Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Blätterfürdie jüdische Frau 1927 München, 29. fl pril Nr. 5 Jüdische Waisensiedlung in Kowno und Palästina (Schluß) Aus der Gesamtheit des Kinderhauses entwickelte sich allmählich eine bedeutende Gruppe der nach Palästina gerichteten Jugend, die in der ersten Zeit des Kinderhauses eine kleine Minorität war, sich aber im Laufe der Zeit so stark vermehrte, daß sie jetzt ungefähr die Hälfte der älteren Jugendlichen bildet. Das hier vorherrschende Berufsideal ist: Bauer oder Handwerker in Palästina auf dem Lande zu werden. — Diese beiden Gruppen mit 70—80 Jungen und Mädchen bilden heute die Basis des Kinderhauses. Die Form der kleinen Kwuzoth, die ungefähr 30—40 junge Menschen mit gleichen Lebenszielen umfaßt, hat jetzt schon manche Belastungsprobe erfahren und allen Stürmen der letzten Zeit standgehalten. Es scheint, als ob die Jugend hier nach langen Irrwegen die Form des Zusammenlebens gefunden hätte, die das Maximum der Kräfte frei macht, welche durch Gemeinschaft erweckt werden können, und gleichzeitig das Minimum an Unterdrückung der Individualität zugunsten der Gemeinschaft erfordert. Führerschaft und Jugend haben sich im Laufe der Jahre im Kinderhaus zu einer engen Lebensgemeinschaft zusammengeschlossen, und auf dieser Einheit beruht das Gelingen des großen Projektes, zu dessen Verwirklichung die ersten entscheidenden Schritte bereits getan sind. Wir hörten, daß ein Teil dieser Jugend nach Palästina strebt, wo ihre Erziehung in der Landwirtschaft fortgesetzt werden soll. Nur ein kleiner Teil der in Litauen in produktiven Berufen erzogenen Jugend findet in Litauen Arbeit und Verdienst. Die meisten Jugendlichen aber sind früher oder später zur Auswanderung gezwungen, wenn sie ihrem Ideal, als produktive, schaffende Menschen zu leben, treu bleiben wollen. So ist allmählich nach gemeinsamem Beschluß der Verwaltung und der Kinderhausgemeinschaft ein Projekt gereift, nach dem ein Teil der jüdischen Waisenjugend Litauens, soweit das ihrem und vor allem ihrer Angehörigen Willen entspricht, organisch in eine große Kinder- und Jugendsiedlung in Palästina hineinwachsen soll. Das Kinderhaus Kowno steht seit diesem Beschluß in enger Verbindung mit den übrigen Waisenkomitees und Anstalten in Litauen und der Tschechoslowakei (Karpatenrußland), deren Zöglinge sich zum Teil der Übersiedlung anschließen. Gleichzeitig werden Verhandlungen mit jüdischen Kindcrschutzkomitees und jüdischen Waisenhäusern in den anderen Ostländern geführt. Die erste Gruppe: Acht Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren sind im Juni vorigen Jahres unter Leitung eines bewährten Lehrers und Erziehers nach Palästina gegangen. Sie arbeiten in den Weingärten von Rcchoboth und haben sich gut in die neuen Verhältnisse eingewöhnt. Die nächste Gruppe von 50 Kindern geht in allernächster Zeit unter Leitung von Dr. Lehmann nach Palästina. Auch diese Gruppe wird im ersten Jahr einer schon bestehenden landwirtschaftlichen Gruppe angeschlossen werden, um die palästinische Landwirtschaft und das palästinische Bauernleben kennen zu lernen. Inzwischen wird der für die Siedlung bestimmte Boden soweit vorbereitet sein, daß im nächsten Jahr die Ansiedlung auf eigenem Boden vor sich gehen kann. In Kowno sind die Vorarbeiten zur Übersiedlung der nächsten Kindergruppe im Gange. Auf ihre körperliche und geistige Vorbereitung, sowie auf ihre Auswahl wird die größte Sorgfalt gelegt. Die ältere Jugend dieser Anstalt wird so vorbereitet, daß viele zum allmählichen Aufbau der Siedlung notwendigen Arbeiten aus Holz und Stein mit eigenen Kräften ausgeführt werden können. Später, wenn diese Vorarbeiten eine gewisse Stufe erreicht haben, werden jüngere Kinder foigen. In dem Bestreben, Geschwister nicht voneinander zu trennen, wird auch später in der Siedlung Raum für kleinere Kinder sein müssen. Somit wird die Siedlung schließlich die Kinder aller Lebensalter umfassen. Der Siedlung wird ein gewisses Stück Land zur Verfügung stehen, Ackerland, Gartenland, Viehweiden, Land für Ställe und für Werkstätten und für die übrigen für die Erziehung notwendigen Anlagen. An die Kinder im Schulalter tritt schon, je nach dem Alter, Fähigkeit und Körperkraft, die Verantwortung heran, für die Erhaltung der Gemeinschaft mitzusorgen, ähnlich dem Leben der Kinder in einer Bauernfamilie. Die jüngeren Kinder beobachten die älteren Mitglieder der Gemeinschaft bei der Arbeit, Lernen und Spiel. Mit 11 Jahren beginnt schon die Erziehung zur landwirtschaftlichen oder handwerklichen Arbeit. Denn es ist falsch zu glauben, daß man junge Menschen zu Bauern auch in späterem Alter erziehen kann. In der zur Siedlung gehörigen Landwirtschaft, in den Werkstätten der Siedlung: Tischlerei, Schlosserei, Stellmacherei, Weberei, Schneiderei, Schusterei, Strickerei, Töpferei, Korbflechterei stellen die Jugendlichen unter Mithilfe der jüngeren Arbeiter allen in der Gemeinschaft notwendigen Bedarf selbst her, gleichzeitig ihre Fachausbildung erhaltend. Auf diese Weise wird die Zahl der Lehr- und Aufsichtspersonen bedeutend reduziert. Vor allem aber werden durch das System der Selbsterziehung der Jugend durch die Jugend die sozialen Kräfte der Jugend und ihr Verantwortungsgefühl frühzeitig und entscheidend entwickelt. Hat ein Jugendlicher seine Ausbildung vollendet, ist er verpflichtet, auf Verlangen der Siedlung noch weitere drei Jahre in den Betrieben der Siedlung für diese ohne Anspruch auf Vergütung zu arbeiten. Der Schulbetrieb ähnelt teilweise dem einer modernen Arbeitsschule, teils dem eines Landerziehungsheimes. Aber in den wichtigsten, innerlichen Dingen wird die Stellung ihren eigenen, durch den Charakter des jüdischen Volkes und des jüdischen Landes bedingten Weg gehen. Aus der Erfahrung, daß nicht alle Kinder die gleichen