Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 17 (29.4.1927)
- Date
- 1927-04-29
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
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268 Das Jüdische Echo Nr. 17 definitives Urteil zu fällen. Dies alles, nachdem zahlreiche Fachleute von Weltruf für Landwirtschaft, Kolonisation und Industrie, bedeutende Staatsmänner, eigens entsandte Kommissionen von Sachverständigen nach langer Prüfung ein anderes Urteil abgegeben haben. Die Argumente von der Kleinheit des Landes, Bodenknappheit, Arabergefahr usw., die wir schon seit Jahren zur Genüge kennen und die von vielen maßgebenden Persönlichkeiten längst widerlegt wurden, beweisen nicht unvoreingenommenes Studium, sondern das Bestreben, vorgefaßte Meinungen durch Tatsachen zu belegen. Hs ist leider eine betrübliche Tatsache, daß weite Kreise der deutschen Judenheit ein so geringes Interesse an der für das Judentum wichtigsten Frage nehmen und man ihnen infolgedessen derlei „Wahrheiten“ vortischen kann. Ein jeder bloß halbwegs Orientierte weiß, daß die Besiedlungs-Kapazität Palästinas durch die jetzigen Bewohner bei weitem noch nicht erschöpft ist, und daß sogar vorsichtige Beurteiler sie auf 2—3 000 000 schätzen. Ebenso bekannt ist es, daß die Nebenländer Palästinas, Transjordanien und Syrien im Bedarfsfälle zu einer Kolonisation der Juden bereitstehen. Was soll die Behauptung von den 30—50 000 Juden, die in „Jahrzehnte n“ angesiedelt werden können, wenn seit dem Anfang der Einwanderung, also seit etwa sechs Jahren, mehr als 80 000 Menschen von Palästina aufgenommen wurden? Daß es noch sehr viel bebaubaren und unbesiedelten Boden in Palästina gibt, geben ja die Berichterstatter selbst zu. Ebensowenig verwunderlich ist die Tatsache, daß die wenigsten Siedlungen die Zinsen von dem ihnen gegebenen Geld bezahlen und wenige selbsterhaltend sind. Aber die vorhandenen beweisen doch immerhin, daß diese Möglichkeit durchaus besteht, wenn man die neuen Siedlungen genügend ausstattet und ihnen die zur Konsolidierung notwendige Zeit gibt. Über die wesentlichste Differenz zwischen uns und den beiden Referenten braucht man nicht viel Worte zu verlieren. Nicht im Wege eines „neuen interessanten Völkchens“ im Orient, sondern im Wege der Wiederbelebung des viele Jahrhunderte in materieller und geistiger Not lebenden jüdischen Volkes, in seiner Zusammenfassung zu einem starken Volksverband auf altem historischen Boden, wollen wir unser Ziel erreichen. Wir wollen durch unsere nationale Heimstätte dem Unnatürlichen des Judendaseins in der Umwelt ein Ende machen, den materiellen Druck der großen Massen im Osten erleichtern, die individuelle geistige Not aus der Welt schaffen und im Sinne unserer Tradition die unterbrochene Schöpfung großer Kulturwerte wieder aufnehmen. Und aus diesem Grunde muß Palästina in das Zentrum der jüdischen Interessen in der ganzen Welt rücken. Die Wichtigkeit Palästinas müßte aber auch einen jeden davon abhalten, in einer Weise die Lebensfrage des jüdischen Volkes zu behandeln, wie sie es von den beiden bekannten Vertretern des liberalen Judentums und des C.-V. getan wurde. S. Dr. Weizmann über seine Eindrücke in Hmerika Trotz aller Schwierigkeiten, trotz der Mißerfolge einiger zionistischer Institutionen, trotz der deprimierenden Nachrichten, die auch nach Amerika aus Palästina gelangen, ist die Bewegung keineswegs geschwächt. Im Gegenteil, das zionistische Feuer brennt heller denn je. Es gibt heute in Amerika, wenn man von einem kleinen Kreis sozialistischer Doktrinäre absieht, keinen Gegner des Zionismus. Es gibt Nichtzionisten, d. h. Menschen, die sich der Zionistischen Organisation nicht oder noch nicht unterordnen wollen. Aber Antizionisten gibt es nicht, und man kann auch nicht davon reden, daß der Glaube an das Gelingen unserer Sache gesunken wäre. Es gibt freilich Zweifel an der Richtigkeit unserer Kolonisationsmethoden. Amerika kann unser Nationalheim allein aufbauen, und die Mittel, die Amerika für diesen Zweck zur Verfügung stellen kann, sind unbegrenzt, aber nur wenn man den Beweis liefern kann, daß das Geld nicht in ein hohles Faß läuft, sondern für ein reales Aufbauwerk verwandt wird, das mit Überlegung und mit Berechnung ausgeführt wird und das eine sichere Zukunft hat. Die Frage des Aufbaues ist keine Geldfrage, sondern eine Frage guter und geeigneter Siedlungsmethoden. Der amerikanische Jude und, wie mir scheint, auch jeder andere Jude fragt nach der Zweckmäßigkeit einer Handlung. Er will wissen, ob sich unsere Siedlung, und vor allem die landwirtschaftliche Siedlung, selbst erhalten kann. Man macht bei uns oft Rechnungen auf, der Boden koste viel Geld usw. usw. Gesetzt, es gelänge uns, die Kolonisation um diese oder jene Summen zu verbilligen, wenn uns Regierungsböden zur Verfügung gestellt würden. Würde das unser Problem lösen? Die Juden Amerikas handeln mit uns nicht um den Kaufpreis. Was sie wollen, ist, daß man ihnen klar und deutlich erklärt, daß ein Siedler nach Ausstattung mit einer gewissen Ansiedlungssumme imstande ist, ohne fremde Unterstützung auf seinem Boden zu leben und allmählich seine Schulden zu bezahlen. Nur wenn diese Bedingung erfüllt ist, wird man unsere Siedlung als ein reales Kolonisationswerk betrachten können und dann gibt es kein Hindernis für die Erlangung großer Summen. Ich will mich nicht von vornherein auf verschiedene Finanzierungsmethoden festlegen — diese Frage ist auch nicht so wichtig —, wichtig ist nur, daß wir erklären können: was Ihr gebt, trägt von Jahr zu Jahr zur Vermehrung jüdischer Dörfer in Palästina bei, in denen Menschen ein geordnetes Leben führen und in denen sie eines Tages anfangen, der Nation zurückzuerstatten, was sie an Boden- und Kolonisationskrediten empfangen haben. Das ist auch der hauptsächlichste Gedanke, der der Expertenkommission zugrunde liegt. Der Gedanke entstand in zionistischen Kreisen, und schon deswegen ist es töricht, diese als eine Bedingung für die Erweiterung der Jewish Agency aufzufassen, wie man versucht hat. Auch ohne Erweiterung der Jewish Agency wären wir jetzt genötigt gewesen, eine solche Kommission zu entsenden, denn wir sind allmählich der Ungewißheit über die richtige Siedlungsmethode und der ewigen Kritik über unser Arbeitssystem, die manchmal nicht unbegründet zu sein scheint, müde geworden. Die Zionistische Exekutive hat bereits selbst mit einer Nachprüfung der Grund-