Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 14 (8.4.1927)
- Date
- 1927-04-08
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156798--07709-9080445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
220 Das jüdische Echo / Blätter für die jüdische Frau Nr. 14 und still für sich lernend neue Schaffenskraft zu finden. Aber angesichts einer gänzlich verwahrlosten, zu Hunderten obdachlosen, elternlosen Jugend erwachte in ihm sehr bald der Pädagog, Arzt und Organisator. Wie in Deutschland fand er auch hier opferfähige, tatkräftige Helfer; manche sind aus Deutschland gefolgt und heute gibt es in Kowno ein großes jüdisches Kinderhaus, an der Peripherie der Stadt, das 200 verlassenen, ärmsten Kindern vom Säuglingsalter bis zum 18. Lebensjahr etwa Heimat, Erziehung und Lehre gibt, und was das Wichtigste ist, diesen verlorenen jungen Existenzen das Bewußtsein freier und verantwortlicher Zusammengehörigkeit erweckt. Die lebendige jüdische Volksarbeit, die von diesem Hause ausgeht, findet auf drei Gebieten ihren Ausdruck: pädagogisch innerhalb des Hauses, medizinisch für die kranke, notleidende Jugend Litauens in der Säuglings- und Kinderfürsorgestelle und sozial in dem Kinderschutzbüro des Landes. Nur vom pädagogischen Teil sei hier berichtet: wie aus verwahrloster, obdachloser Jugend eine Gemeinschaft erwuchs, die heute an der Erziehung der jüngeren Generation bedeutenden Anteil nimmt und das Kinderhaus zu einem Zentrum jüdischer Jugendbewegung in Litauen gemacht hat. Und Jugendbewegung bedeutet hier etwas viel Schwereres und Schöneres als bei uns: denn es bedeutet, daß eine liebeleere, verwilderte, alles entbehrende Jugend zu einem schaffenden, schöpferischen Faktor der menschlichen Gesellschaft wurde. — Zweifellos war Dr. Lehmann bei seinem Beginnen von den amerikanischen Kinderrepubliken inspiriert, die gleich ihm das Wunder vollbringen, aus reichen, aber verwilderten Menschen, die zu Psychopathen oder jungen Verbrechern heranwüchsen, freie und begeisterte Diener einer Idee zu machen. Dr. Lehmann berichtet ausführlich über den langen Weg und die vielen Umwege, die er und diese Jugend bis zu der heutigen schönen Gemeinsamkeit machen mußten, im Erziehungsheft des Juden, das im vergangenen Sommer erschienen ist. Woher kamen diese Kinder? Buchstäblich von der Straße. Sie hatten ihre Eltern und Angehörigen während der Evakuierungen im Kriege oder auf der Rückwanderung verloren. Viele von ihnen haben schon jahrelang ein Vagabundenleben geführt. Sie kamen anfänglich, um Essen und Kleidung an den Ausgabestellen zu empfangen, und schließlich, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Anfänge war es schwer, diese Kinder von dem Mißtrauen, daß sie gegen die Leitung hegten, zu befreien. Sie sahen in ihr nichts anderes als freundlich maskierte Polizei und schlossen einen Bund, mit der Aufgabe, sich und die jüngeren Kinder des Hauses vor den etwaigen Angriffen dieser Polizei zu schützen. Ihr Gemeinschaftsgefühl fand nur darin Ausdruck, wenn es galt, irgendwelche mutmaßlichen Rechte zu schützen, gegen einen Helfer des Hauses oder zu geringes Essen zu protestieren. Diese Angriffslust hätte sich zu Haß gesteigert und sinnlos verpufft, hätte die Leitung nicht früh verstanden, den Jugendlichen Selbstverwaltung auf allen Gebieten einzuräumen. Ihr Vertrauen in die aufbauenden, hier nur verschütteten Kräfte der Jugend wurde belohnt. Während früher Lüge und Betrug gang und gäbe waren, um sich irgendwelche Vorteile bei der Kleider-, Wäsche- oder Essensausgabe zu verschaffen — in ihrem noch früheren Vagabunden-Straßen- Dasein konnten sie sich diese Dinge ja nur durch Stehlen und Betrügen verschaffen änderten sich durch die Selbstverwaltung alle diese Mißstände ganz von selbst. — Mehr noch: als den jungen Menschen bewußt wurde, daß all dies, was sie nun empfingen, geschenktes Brot sei, trachteten sie in ihrem Unabhängigkeitsdrang auch hier Abhilfe zu schaffen, indem sie die Arbeiten im Hause mehr und mehr auf sich nahmen. Sie kochen und nähen, waschen und hacken Holz, arbeiten am Bau usw. mit. Fortsetzung folgt. Das Heim des Jüdischen Frauenbundes in Wyk auf Föhr für tuberkulös gefährdete Kinder und weibliche Jugendliche wird, nachdem die notwendigen Umbauten vollendet sein werden, voraussichtlich am 1. Juni eröffnet werden können. Für eine Wyker Kur geeignet sind Kinder mit überstandener Tuberkulose, Skrophulose, mit Drüsen- und Bronchialkatarrh usw. Von der Aufnahme ausgeschlossen sind tuberkulosekranke Kinder, Kinder mit ansteckenden Krankheiten sowie nur Erholungsbedürftige. Das Heim steht unter fachärztlicher Leitung (des Herrn Dr. Gundermann, leitenden Arzt der Schöneberger Heilstätte der Stadt Berlin in Wyk auf Föhr) und wird alle modernen Kurmittel zur Anwendung bringen; es trägt daher den Charakter einer Heilstätte. Der Pflegesatz (einschließlich Kurtaxe, Arzt, Kurmittel) beträgt für alle Insassen 4 Mark täglich. Es können etwa 28 Kinder von 4—14 Jahren (Knaben und Mädchen in getrennten Kolonien) gleichzeitig aufgenommen werden. Außerdem ist das Heim dafür eingerichtet, auch 4—<6 weibliche Jugendliche bis 18 Jahren mindestens für 3 Monate aufzunehmen. Man hat diese neue Maßnahme vorgesehen, um solchen Mädchen, die nach beendeter Schulzeit und während der ersten Berufsjahre durch eine geschwächte Konstitution der Tuberkulosegefahr leichter ausgesetzt sein können, durch mehrmonatlichen Aufenthalt an der See, bei geeigneter Ernährung, sonstiger Kurbehandlung und unter ärztlicher Aufsicht stehender Beschäftigung die notwendige Gesundungsmöglichkeit zu bieten, die ausschlaggebend für das ganze spätere Leben sein kann. Jede Kurperiode ist auf sechs Wochen berechnet; in Ausnahmefällen kann sie auf Wunsch des Arztes verlängert werden. Zur Anmeldung erbitte man Fragebogen, die alle notwendigen Angaben enthalten, bei der „Anmeldestelle für Wyk auf Föhr“ per Adresse Geschä ftsstelle des Jüdischen Frauenbundes, Berlin C 2, Rosenstraße 2—4. Die endgültige Entscheidung über die Aufnahme liegt in den Händen des Vertrauensarztes Herrn Dr. Rudolf Neumann, Berlin. Nach Eingang der Anmeldungen wird entschieden werden können, ob die erste Kurperiode für Mädchen oder Knaben eingerichtet wird. Die besondere Station für weibliche Jugendliche bleibt durchgehend geöffnet. GemflilicheAIiende im Mädchenklub, Äntonienstr aßc Montag: Geselliger Abend / Dienstag: Turnabend Donnerstag: Nähen / Es ist Gelegenheit geboten, Englisch zu lernen. Sc&weslernliund d. München-Loge / Ver.lsrjugendhlllee.V. Anmeldungen erbeten an Frau Studienrat Schaalmann, Tengstr. 37