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Das jüdische Echo · 1927-04-08 · 14 (8.4.1927) · p. Seite 219

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
14 (8.4.1927)
Date
1927-04-08
Page
Seite 219 (sequence 11)
Language
German
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Blätterfürdie jüdische Frau 1927 München; 8. April Mr. 4 Jüdische Waisensiedlung Bis Moses Mendelssohn war jüdische Erziehung kein Problem. Es gab keine andere als jüdische Erziehung für jüdische Menschen. Der Einfluß durch die Umwelt blieb peripher. Heute wissen wir uns mit tausend Wurzeln der Umwelt verhaftet — unsere Jiidischkeit, abgesehen von dem Kreise des orthodoxen Judentums, lebt nur latent in uns fort, hat keine Wurzeln, keine Blüte, keine Frucht. — Wir stehen inmitten der westlichen Völker an der äußersten Peripherie der jüdischen Gemeinschaft. Von vielen unter uns wird diese Divergenz schmerzhaft empfunden, obwohl auch wir bekennen müssen, daß wir sicherlich in den Jahren der Emanzipation in den Reihen ihrer Verfechter gestanden hätten. Sie bedeutete ja einen Höhepunkt im jüdischen Leben, erwartete man doch von ihr eine Erweiterung und Vertiefung des jüdischen und menschlichen Bewußtseins, niemals jedoch den Verlust jüdischen Kulturgutes. — Die Tore der Umwelt wurden erobert; über die Pforte des Judentums aber ist mit den Jahren eine Dornröschenhecke gewachsen!. Unsere Generation ist es nun, die nach dem „Sesam öffne Dich“ wieder sucht. Es sind jetzt über zehn Jahre her, daß Gustav Landauer mit seiner Rede über „Judentum und Sozialismus“ das erste jüdische Settlement, das Jüdische Volksheim im Berliner ostjüdischen Viertel eröffnet hat. Urheber dieses Settlements war ein junger jüdischer Student der Medizin in Berlin, Siegfried Lehmann. Er verstand es, unsere Isoliertheit im jüdischen Leben darzulegen, unserer Sehnsucht Ausdruck zu verleihen und unseren Willen zu erneuernder Tat zu wecken. Durch einen Aufruf im Jahre 1915 sammelte er eine nicht unbedeutende Zahl junger jüdischer Menschen. Darunter junge Akademiker, angehende Ärzte, Juristen, Lehrer, Künstler und Kunstgewerbler, Frauenschülerinnen und Kindergärtnerinnen. Mit großem Geschick und glücklicher Hand entstand im Laufe eines Jahres unter Siegfried Lehmanns Leitung das Jüdische Volksheim. Etwa 250—300 junge Menschen verkehrten täglich darin. Vormittags diente es den ganz Kleinen; mehrere Kindergartengruppen bestanden nebeneinander. Nachmittags der Schuljugend, die sich selber in fünf Knaben- und fünf Mädchengruppen unter Führung von Helfern gefügt hatten. Und abends öffnete sich das Heim der schulentlassenen Jugend, die Mädchen- und Jungmännerbünde schlossen. Inhalt der Zusammenkünfte war: Freies Spiel, handwerkliche Arbeiten, wie Tischlerei, Zeichnen und Ziselieren bei Josef Budko, Buchbinderei, Hebräisch, Bibellesen, Palästinakunde, neuere Geschichte; selbsterziehliche Diskussionen, da die Jugend bald ihre Mitglieder selber wählte, eigene Gerichtsbarkeit und Verwaltung übte. Ihr hoher sittlicher Ernst hat uns Helfer tief beeindruckt; denn hinter ihrer oft geduckten kleinhändlerischen Erscheinung blühte eine Demut und reine Kraft, deren, wir westjüdischen Helfer uns nicht in gleichem Maße teilhaftig wrnßten. — Es war die Jugend des ärmsten Handelsproletariats Berlins; dazu in den traurigsten Jahren, die unsere Generation erleben in Kowno und Palästina mußte. Trotzdem ist dieses Volksheini eine Stätte der Schönheit und Freude geworden, eine Stütze, wo jüdisches Leben leibhaften Ausdruck fand; denn hier trafen sich Westler und Ostjuden, Gebildete und Unwissende, Weltjuden und Ghettojuden und Menschen jeglichen Alters. Aber auch Nichtjuden kamen zu Gast, Führer der deutschen Jugendbewegung wie Fritz Klatt, Hans Blüher, Mennecke u. a., angezogen von der starken Atmosphäre dieses Hauses. Wir Helfer liebten es so, daß wir aus unseren elterlichen Häusern brachten, was uns teuer war und es schmücken half: Bilder, schönes Gerät, Blumen und Bücher. Und die Jugend erfüllte es mit jüdischen Liedern und unstillbarer Sehnsucht nach geistiger Freiheit. — Es vollzog sich eine glückliche Assimilation, wie sie unser Grenzdasein gebot: durch uns Westjuden lernte die Jugend Kunst verstehen und eine wohltätige Ordnung in den äußeren Dingen des Lebens üben, die Natur sehen und lieben. Denn mit Bestürzung mußten wir wahrnehmen, daß es 10—12jährige Kinder gab, die die Sonne noch nie als Sonne gesehen oder empfunden hatten, daß sie auf Ausflügen erschraken vor dem Glanze des untergehenden Sonnenballs. Sonntags wanderten wir hinaus. Oft trafen sich die Großen und die Kleinen in der wohnlichen Jagdhütte, die uns ein Freund überlassen hatte. Im Sommer hatten wir ein Haus am Meer, das 45 junge Menschen beherbergte und jeder Gruppe des Heimes Erholung und Freude gab. Den Müttern brachten wir Hilfe, soweit es unsere jugendliche Kraft und Kenntnis ermöglichte. Durch den täglichen Umgang mit ihren Kindern wußten wir natürlich tiefer Bescheid als es das bestorganisierte Wohlfahrtsamt vermöchte. Es gab viele verlassene Frauen unter ihnen; sie fanden juristische und ärztliche Beratung im Heim. Und uns westlichen Helfern wuchs das Schicksal dieser Menschen ans Herz; wir wurden innig vertraut mit ihren Kräften und Nöten. Neue Zusammenhänge taten sich uns auf, wenn wir an ihren Sorgen teilnahmen, ihre Gedanken mitdachten, ihren Liedern lauschten. Und wesentliche Steigerung erfuhren wir alle, wenn Gustav Landauer vor uns sprach, dieser reine, hohe Mensch; wenn Martin Buber in unserer Mitte war, chassidische Geschichten lesend oder die Fragen der jungen Menschheit deutend; wenn Agnon, Max Brod, Fritz Mordechai, Kofmann und viele unserer geistigen Menschen unter uns weilten und uns als ihre Kinder empfanden. Das war es ja, was dem Volksheim tiefere Bedeutung gab; daß hier Kräfte aus allen Schichten unseres Volkes zusammenwirkten. Dieses Berliner Jüdische Volksheim während der Kriegsjahre war die erste Phase pädagogischen Wirkens von Dr. Lehmann. Kurz nach dem Kriege ging er nach Litauen, um näher am Herzen des jüdischen Volkes zu leben, um lernend unter den im jüdischen Sinne noch Lernenden zu weilen. Er hat einen ausgeprägten Sinn für organisches Wachstum, der ihn besonders zum Erzieher befähigt, und hat immer versucht, nach arbeitsreichen extensiven Perioden sich von aller Öffentlichkeit zurückzuziehen

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