Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 13 (1.4.1927)
- Date
- 1927-04-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 13 Das Jüdische Echo 201 Frauenwahlrechtszwang für die Gemeinden a b g e 1 e h n t Mit den Stimmen eines Teiles der Liberalen, der Volkspartei, der Konservativen und der Mittelpartei (60 gegen 32) wird beschlossen, daß die Autonomie der Gemeinden in jedem Falle gewahrt bleiben soll. Karenzzeit zwei Jahre Gemäß der Rechtsvorlage werden zwei Jahre als Karenzzeit beschlossen. — § 12 Abs. 4 (gegen die Wahl von üstjuden in den Vorstand) wird mit 56 gegen 40 Stimmen angenommen. § 12 als ganzer wird gegen die Volkspartei angenommen. Vor der Gesamtabstimmung Dr. Kollenscher (V.P.): Viele Jahre haben wir mitgearbeitet. Wir haben alle nur möglichen Konzessionen gemacht. Diesen Entwurf aber können wir nicht verantworten. 1. § 12 hält die Benachteiligung jüdischer Brüder aufrecht. 2. Die Regelung der Austrittsfrage ist unzulänglich. 3. Die Aufhebung des Zwangscharakters des Verbandes ist für uns unannehmbar. Wir werden daher das Gesetz nicht nur ablehnen, sondern unseren Widerspruch auch an anderen Stellen zur Geltung bringen. (Lebhafter Beifall bei der Volkspartei.) Dr. Breslauer (Lib.): Eine Entrechtung der Ausländer haben wir nie beschlossen. Gegen die Regelung des Frauenwahlrechts haben wir stärkste Bedenken. Der Einheit wegen haben wir zugestimmt. Unser prinzipieller Standpunkt bleibt gewahrt. Dr. Horovitz (Kons.): Wegen Benachteiligung der Ausländer werden einige Konservative gegen den Entwurf stimmen. Auch die Regelung der Austrittsfrage beklagen wir. Makower (Rat) beklagt Kollenschers Ankündigung, den Widerstand nach außen zu tragen. Der Gesamtentwurf wird mit 61 gegen 33 Stimmen bei 2 Enthaltungen angenommen. Verständigung mit Halberstadt Auf Antrag von Dr. Isi Kahn wird beschlossen, sich vor der Überreichung des Entwurfs an die Behörde mit dem Bund traditionell gesetzestreuer jüdischer Gemeinden ins Benehmen zu setzen. Annahme des Etats Fischer (Barmen) erstattet das Referat über den Etat und begründet jede einzelne Position. Er behandelt auch die Frage der Mitbeteiligung des Halberstädter Bundes an den Leistungen. Kareski (Rat) macht Ergänzungen und Ausstellungen. Berger (Poale Zion) protestiert gegen die Benachteiligung der Arbeiterkultur- und Sportvereine. Die Vorlage wird in der Fassung der Kommission (in der Hauptsache im gestrigen JTA-Dienst mitgeteilt) angenommen. Die Subvention an die Arbeiterkulturvereine wird wieder hergestellt. Dabei kommt es zu den eingangs erwähnten Szenen. Schluß der Tagung Vorsitzender Heinrich Stern erhebt sich zum Schlußwort: Trotz aller Differenzen haben wir viel Positives geleistet. Erhaltung der Kleingemeinden, Förderung des jüdischen Lebens und jüdischen Wissens haben wir beschlossen und hoffen, daß dies dem Judentum zum Segen gereichen wird. Rechtsanwalt Horovitz spricht im Namen aller Fraktionen dem neugewählten Präsidenten der Landesversammlung Heinrich Stern den Dank für die kluge und unparteiische Leitung der Geschäfte aus. Der Vorsitzende bezieht diesen Dank auch auf die Vizepräsidenten und das Büro und erklärt um 9,20 Uhr die 3. Session des Verbandstages des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden Preußens für geschlossen. Neue Judenbedrückungen in Rumänien Ein Eisenbahn-Pogrom auf der Strecke Jassy-Belce Bukarest, 24. März. (JTA.) Die Tageszeitung „Adeverul“ meldet: Dem Ministerpräsidenten, dem Minister des Innern, dem Oberkommissar für Beßarabien General Rischcanu und dem Generalstaatsanwalt von Jassy ging die folgende Klage zu: „Wir Unterzeichneten Einwohner und Bürger der Stadt Belce haben die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß in der Nacht vom 16. zum 17. März 1927 die jüdischen Passagiere, Bürger der Stadt Belce, die sich im Zuge Jassy-Belce befanden, grausam von Individuen, die sich Cuzisten nennen, gemartert worden sind. Man hat den jüdischen Passagieren die Köpfe eingeschlagen und die Schwerblutenden aus den Coupes und den Gängen hinausgeworfen. Man schonte weder Greise, noch Frauen und Kinder. Alle wurden mörderisch geschlagen und zwischen den Stationen Skumpia und Paleschti aus dem fahrenden Zuge geschleudert. Das Zugspersonal verhielt sich nicht allein passiv, sondern nahm an den Mißhandlungen teil. Die gesamte Bevölkerung der Stadt Belce lebt in Panik. Sie beruft sich auf die Gesetze des Landes und die Erklärungen der Regierung und fordert, daß Maßnahmen ergriffen werden,, daß der Bürger Leben und Eigentum geschützt werde.“ Unterzeichnet sind 15 angesehene Bürger der Stadt. „Adeverul“ fügt hinzu: Diese „ruhmreichen Taten“ wurden von Studenten unter Führung des bekannten Huligans Zurcanu (Held von Unghetii und Pirliz) vollbracht. Es wundert uns nicht, daß das Zugspersonal mithalf; hat doch die Behörde von Jassy die Huligans protegiert. Gleichzeitig hält Herr Goga im Parlament Toleranzreden mit Bezug auf die Minderheiten. Czerno witz, 25. März. (JTA.) In Czernowitz eingetroffene Reisende geben haarsträubende Einzelheiten über den Eisenbahn-Pogrom bei Belce wieder; die Exzesse hatten einen unerhört grausamen Charakter. Die jüdischen Reisenden, auch Greise, Frauen und Kinder wurden von den Cuzisten mit Knitteln und nägelbeschlagenen Stöcken schwer mißhandelt, viele bluteten. Einige wurden von einer Eisenbahnbrücke in die Schlucht hinuntergestO'ßen. Die Ärzte, die den Mißhandelten Notverbände anlegten, waren über diese barbarischen Roheitsakte empört und erschüttert. — Die Beschwerdeschrift der Bürger von Belce trug 85 Unterschriften. Judenmißhandlungen in der Hauptstadt Bukarest, 23. März. (JTA.) „Dimineatza“ teilt mit: Eine Gruppe Studenten, die im Restaurant „Karpazi“ gekneipt hat, veranstaltete spät nachts einen antisemitischen Exzeß, überfiel eine Gruppe jüdischer Passanten und schlug auf sie ein, so daß mehrere bluteten. Die Poli-