Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 7 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Das Jüdische Echo Nr. 7 Nachbar Josef, welcher sich bereit erklärte, das Kind gegen Bezahlung von 12 Piaster zu kaufen. Aber die Krankheit verschlimmerte sich immer mehr.. Man sagte ihr, daß das schlimme Los durch Neid verursacht sei. Um den Neid zu beschwören, ließ sie die beste Zauberin der Stadt kommen. Diese hielt in der rechten Hand einen Haufen Salz und sagte geheimnisvolle Worte auf, indem sie die Hand über den Kopf des Kranken siebenmal nach rechts und siebenmal nach links wandte. Dann mußte Moses auf das Salz spucken. Ein dünner Blutstreifen schwamm auf dem Salz herum. Unterdessen war der Winter vorübergegangen, und der Frühling begann im schmerzvollen Herzen der Mutter eine neue vage Hoffnung zu nähren. In der Tat vernahm Rebekka eines Nachts Klagen, welche vom Zimmer ihrer Mutter kamen. Mit einem Sprung war sie bei ihr. „Mutter, was hast du?“ „Oh, meine Tochter, ich ersticke! Es ist mir, als ob man mir einen Sack voll Blei um den Hals gebunden hätte!“ Und die Alte wälzte sich auf ihrem niedrigen Lager. Eine schlechte Freude zitterte im Herzen Rebekkas. 0 Wunder! Ihre Mutter hatte die Krankheit von ihrem Kinde übernommen. Ganz leise dankte sie dem barmherzigen Gott, der damit einverstanden war, statt des Kindes, dessen Ahnin zu sich zu nehmen. „Ohne Zweifel“, dachte sie, „hat meine Mutter, gerührt von meinem Unglück, sich in ihren Gebeten als Opfer angeboten, und der Ewige, der meine Wünsche verworfen hat, hat ihr Gebet erhört!“ Rebekka führte die Hand ihrer Mutter an ihre Lippen. „Mutter, Mutter!“, murmelte sie. trunken vor Freude und Schmerz, indem sie dieselbe mit ihren Küssen und Tränen bedeckte. Am anderen Tage beruhigte sich plötzlich der Husten des Kleinen. Hoffnung überschwamm Rebekkas Herz. Aber jetzt forderte Esther, beunruhigt, daß man sie pflege, und Rebekka, ganz bestürzt über diesen Wunsch, verbrachte ihre Zeit abwechselnd am Bett ihres Sohnes und ihrer Mutter. Ein Schwarm wirrer Gedanken marterte ihren Geist. Die gleiche Nachbarin, die ihr geraten hatte, das Kind zu verkaufen, flüsterte ihr eines Abends ins Ohr: „O, meine Schwester, fürchte, daß Esther nicht vor Moses gesund wird, denn das Sprichwort sagt: Wenn der Alte früher von seinem Krankenlager aufsteht, wird er den Kleinen verschlingen. Seitdem Rebekka diese Worte gehört hatte, an die sie immer wieder mit Unruhe denken mußte, schwoll ihre Angst immer mehr an. Welch furchtbares Dilemma! Welch grausamer Zwiespalt! Mutter oder Sohn! Oh, wie sich Rebekka mit Trunkenheit an Stelle beider aufopfern wollte! Aber der Tod, der sich am Lager der Kranken niedergelassen hatte, verlangte einen von ihnen. Rebekka sah ihre Mutter erbittert gegen die Umarmung des kalten Todes ankämpfen, während ihr Kind sich ihm wehrlos, ohne Verteidigung, überließ. Sie ignorierte von nun an ihre Mutter, nicht absichtlich, auch nicht irgendeines uneingestandenen Wunsches wegen, sondern weil sie zuerst ihr Kindi retten wollte und mußte. Unterdessen ersetzte Osias seine Frau am Krankenlager Esthers. Jeden Tag saß er auf einem Teppich und betete. Sobald er sie klagen hörte, erhob er sich, gab ihr die Suppe und deckte sie wieder mit der Bettdecke zu. „Gott segne dich, mein Sohn!“ „Gott entferne von uns das Unglück!“, erwiderte er ganz leise. £ Und eines schönen Tages stand die Alte auf, als sie Hunger verspürte. Rebekka sah sie plötzlich in ihrem Zimmer erscheinen. Bei ihrem Anblick erbleichte sie und stieß einen rauhen Schrei aus. „Wie, Gott änderte seine Absichten? Bedauerte ihre Mutter plötzlich das Opfer, das sie bringen wollte?“ Wich die Schreckliche im lezten Augenblick zurück?“ In dieser Nacht hustete Moses stärker als gewöhnlich. Das Taschentuch, mit dem sie seine Lippen trocknete, füllte'sich mit Blut. Fast wahnsinnig vor Schmerz verließ Rebekka das Zimmer, öffnete die Haustüre, ließ ihre Knie auf die Schwelle nieder, und rief angesichts des stummen Himmels zum letztenmal Gott den Gerechten an. „0 mein Gott, erspare mir die Trauer! Weshalb erbittert sich deine Strenge über mich? Meine Lippen haben niemals eine Gotteslästerung vorgebracht, meine Hände haben niemals gesündigt. Zu jeder Tagestunde segne ich deinen heiligen Namen ..Und sie erhob ihre Arme, um den Himmel zum Zeugen ihrer Not anzurufen. „Wenn die verbrauchten Augen sich nicht mehr mit dem Glanz des Tages zu füllen vermögen, dann, mein Gott, ist es gerecht, daß du den Tod beschleunigst Aber mein Kind hat noch nicht das Glück gekannt. Mein Kleiner wird von dannen gehen, ohne die Freude der Tephilin, des Heiraten« und diejenige der Verewigung seines Namens empfunden zu haben! Wenn du mir ihn lassest, dann werde ich ihn in Furcht vor dir, in Liebe für dich, für deinen Sieg erziehen. Wenn ich deinen Zorn verdient habe, so strafe mich in meinem eigenen Fleisch, schone aber, schone mein Kind. 0 mein Gott, warum gewährst du mir die Freude, Mutter zu sein, wenn du mir die Kinder bald entreißest? Schlage eher mit der Unfruchtbarkeit eines verfluchten Leibes, als mir diese doppelte Wunde zu versetzen. Sie weinte noch zahlreichere Tränen, als es schaudernde Sterne am Himmel gab. Bei Tagesanbruch erhob sich Esther, vollständig wieder hergestellt. Und am Abend des gleichen Tages* gesellte sich der kleine Moses zu den zwei1 Engeln, die ihn bereits oben erwarteten. Wie alle Juden, die sich in diesem Monat Ab ihrer Juwelen entledigten, sah sich auch Rebekka ihres einzigen Schmuckes beraubt. Seiner Gattin gegenüber, die ihn beschuldigte, das Kind getötet zu haben und immer wieder den befremdenden Satz wiederholte: „Die Alt Qibat den Kleinen verschlungen!“, erwiderte Osifft den ebenfalls ein schwerer Husten plagte, mieden Klagen Hiobs: „Die Tage der Betrübnis haben mich erreicht. Während ich das Gute erwartete, ist das Schlechte zu mir gekommen. Als ich Klarheit und Licht erhoffte, ließ sich Donner und Blitz vernehmen. Der Mensch, von einer Frau geboren, hat nur ein kurzes Leben. Er tritt wie eine Blume in die Welt hinaus und eines Tages ist er geknickt...“ (Übersetzt von Abros..)