Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 6 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- Seite 89 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Das Jüdische Echo 89 Emanuel Kirschner zu seinem 70, Geburtstag am 15. Februar Wer ist Emanuel Kirschner? Törichte Frage! Kantor und Reli'gionslehrer in München, der seit viereinhalb Jahrzehnten als Beamter gewissenhaft und zur Zufriedenheit der Gemeinde seine Pflichten erfüllt. — So mag die Antwort derer lauten, die Kirschner als „Beamten“ werten. Wäre er nicht mehr, so würde man heute seiner nicht in ganz Deutschland und weit darüber hinaus ehrenvoll gedenken. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß große Männer oft nur dann voll und ganz gewürdigt werden, wenn man sich in zeitlicher, oder wenigstens räumlicher Distanz von ihnen befindet. Unter letzterem verstehe ich, daß mati von außen, d. h, andernorts auf sie hinweist und ihr Ruf gleichsam verstärkt zum Ausgangspunkt zurückströmt. Kirschner kann es indes mit Befriedigung erfüllen, daß auch an seiner Wirkungsstätte eine Anzahl von Menschen Einblick in sein Wollen und Streben, in sein Können und seine Leistungen gewonnen haben. Schon seine Auffassung von dem heiligen Berufe eines Sch’liach zibbur ist eine solch ideale, daß sie verdient, besonders betont zu werden. Kirschners Leben bedeutet die restlose Hingabe und das völlige Aufgehen in seinem Berufe, zu dem er wie selten einer prädestiniert erscheint. Es ist ihm nicht darum zu tun, den Zuhörern künstlerische Leistungen zu bieten, sondern er offenbart sein eigenes Inneres, sein unmittelbares Erleben, wenn er an der Spitze der Gemeinde singend betet und die Herzen bewegt, erbaut und begeistert. Die wundervolle Harmonie des Menschlichen und des Künstlerischen ist es, die das uneingeschränkte Vertrauen zu diesem Sch’liach zibbur, dem würdigen Priester, hervorbringt. Es iist nicht verwunderlich, daß ein so gearteter Mann sein Können in den Dienst der Allgemeinheit stellt und durch Herausgabe eines großen vierbändigen Werkes „T’hillos l’e 1 eljon“ den Gemeinden Gesänge widmet, die von edlem altjüdischen Empfinden durchglüht sind. In einer Zeit, da die Komposition von Gesängen in traditionellem Geiste im Begriffe ist zu schwinden und das Eindringen profaner Effektmusik einen von früheren Meistern des Chasonuß geschaffenen Bau zu erschüttern droh tu tritt Kirschner auf den Plan mit seiner epochemachenden Schöpfung, die als Einleitung einer neuen Aera der synagogalen Komposition angesprochen werden darf. Seine Devise lautet: zurück zur Tradition. Die Merkmale seiner Musik lassen sich im Wesentlichen folgendermaßen umschreiben: Komposition von Chören unter Zugrundelegung von Motiven des traditionellen Synagogengesanges; Wahrung der Stilreinheit des Chasonuß; künstlerische Bearbeitung der altjüdischen Gesänge bei vielfach selbständiger Behandlung der Instrumentalbegleitung im Stile der Gesangstimme. Mit seinem richtunggebenden Werke tritt Kirschner als berühmtester Synagogenkomponist der Gegenwart in die Reihe der ersten Kulturträger des deutschen Judentums. Auch in seinen in Wort und Schrift geleisteten wissenschaftlichen Arbeiten, die der Erforschung des synagogalen Gesanges dienen, ist Kirschner als maßgebende Fachgröße anerkannt. Die musikalische Ausgestaltung des Gottesdienstes in der Münchener Hauptsynagoge, die in bezug auf Auswahl und Reichhaltigkeit des musikalischen Programms den deutschen Gemeinden als Vorbild dienen kann, ist in der Hauptsache und in ihrer jetzigen Form Kirschners verdienstvolles Werk. Als treuer Schützer des Minhag liegt ihm am Herzen, daß der traditionelle Charakter des Gottesdienstes unverändert erhalten bleibt. Mit dankbarem Stolz darf heute die Münchener Gemeinde auf diese Persönlichkeit blicken, die nicht „Beamter“, sondern ihr Führer und Lehrer, Priester und Künstler, Meister und Repräsentant ist und so Gott will noch recht lange bleiben möge. Dankbar schauen heute Generationen von Schülern und Schülerinnen zu ihrem Lehrer auf, der, ein Freund der Jugend, sich ihre Liebe und Anhänglichkeit erworben hat. Dankbar beglückwünschen ihn seine Kollegen, denen er ein treuer und unentbehrlicher Mitarbeiter und Berater ist. Dankbar sind ihm vor allem die große Schar derer, die ihn als Wohltäter, Förderer ihrer Bestrebungen, als Unterstützer und Retter in der Not lieben und verehren! A. Müller. Aus der Jüdischen Welt Keine Neuwahlen zur Berliner Gemeinde- Repräsentanz Die Liberalen haben bekanntlich gegen die letzten Wahlen zur Berliner Gemeinde-Repräsentanz, in denen sie ihre bis dahin besessene Majorität zugunsten der Volkspartei und der Orthodoxen verloren haben, Einspruch erhoben und Ausschreibung von Neuwahlen gefordert. Als Grund zur Ungültigkeitserklärung wurden angebliche Verstöße gegen die Wahlordnung angegeben. Der Polizeipräsident von Berlin entschied nun durch ein Schreiben an den Vorstand der jüdischen Gemeinde vom 1. Februar, daß Neuwahlen nicht auszuschreiben seien. Wohl stellte er eine Reihe von Verstößen formaler Natur fest, die jedoch eine geringe Bedeutung haben und ordnet eine geringfügige Korrektur der, Wahlen an. Diese Korrektur wird jedoch am bisherigen Ergebnis der Wahlen kaum etwas ändern, so daß die von den Liberalen erhoffte Verschiebung der Ergebnisse zu ihren Gunsten nichts zu erwarten ist. Der Umstand, daß die Berliner jüdische Gemeinde beinahe die Hälfte der deutschen Judenheit umfaßt, verleiht der Tatsache, daß sie nicht mehr von einer liberalen Mehrheit regiert wird, wesentliche Bedeutung. Renault Audi die führenden Weltmarken Mototechnische Ges., K.-G. München / Odeonsplatz 12 Telephon 26397 und 20654