Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1926)
- Date
- 1926-02-04
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 5 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage 75 lische Leuchte sich nicht mehr zu bewegen und die Menschen nicht zu atmen schienen. Aber da — ein leises Geräusch und danach ein schweres, kurzes Dröhnen, als ob ein Eisenhagel auf die steinerne Erde niederging . . . die Menge warf sich auf die Knie. Sie hatte ihren Messias erkannt.. Von der Erde hoben sich gen Himmel die Hände und ungestüm brauste über den Platz der Wahnsinnsschrei: „Moschiach Adonaj! Moschiac'h Adonai!“ Säbbatai vernahm die Rufe schweigend und ruhig. Obwohl an ihn gerichtet, stiegen sie, das wußte er, zum Himmel, zum himmlischen Vater, der ihn zu dem durch Jahrtausende langes Warten auf die verheißende Freiheit zerquälten Volke gesandt hat. In die Raserei dieser Rufe drangen und vermischten sich mit ihr lautes Schluchzen und die klangvollen, jubelnden Stimmen der Jünglinge und der jungen Mädchen von Smyrna, die Davids Psalm sangen: Gottes Rechte ist erhaben. Gottes Rechte verleiht den Sieg. Simler & Co. von Jean Richard Block. Übertragen von Paul Amann. Rotapfel-Verlag, Zürich und Leipzig. Zu diesem Buche hat Romain Rolland ein Vorwort geschrieben voll der Anerkennung, voll des Lobes. Und es ist wirklich ein interessantes Buch nach mancher Richtung hin. Der Krieg 1870/71 ist zu Ende,. Elsaß ist an Deutschland gefallen. Aber die „Simler“ aus Buschendorf, als Juden besonders gute französische Patrioten, wollen nicht leben unter den „P'russiens“; sie haben für Frankreich optiert. Nun heißt es ihre Fabrik abbrechen, ihr Heim verlassen, nach Westen ziehen. In Vendenore finden sie die Gebäude leer, klein, armselig, in der die neue Tuchfabrik entstehen soll. Unsagbar schwer fällt es den alten Simlers, Hyppolyte und seiner Frau „Königin Sarah“, Buschendorf zu verlassen, wo sie die Herren sind, wo jeder sie kennt, jeder irgendwie von ihnen abhängig ist. Schwer ist ihnen das Umlernen in der Arbeit und mit den Menschen des Westens. Mit den Menschen lernen es die Alten auch nie mehr — sie bleiben ganz allein, ganz einsam — verbunden nur mit Bruder und Schwager, den beiden Söhnen und den Enkeln — eine kleine jüdische Insel im Meere der christlichen Franzosen ringsum. Nicht die Umgebung schließt sie aus. — 0 nein, Herr Le Plenier, der erste Fabrikherr Vendenores, ist bereit mit ihnen gesellschaftlich zu verkehren wie all die anderen auch.. Ihr anfängliches Zögern, ihre Weigerung, sie in den Klub aufzunehmen, gilt nicht dem Juden Simler, sondern dem unkultivierten Elsässer Kleinstädter. Nein, sie, die Simlers, sind es, die einen unsichtbaren Wall um sich aufrichten. Sie können die andern nicht brauchen, sie werden restlos aufgesogen von zwei Dingen: der< Fabrik und der Familie. Die Arbeit für die Fabrik ist für sie nicht Gelderwerb, nicht Großmannssucht, nicht Machtwille, obgleich von dem allem etwas dabei ist: es ist für sie Aufgabe, Lebenszweck, eine schwere Bürde, die man tragen muß. So sagt der an Körper und Wille mächtigste der Simler, der alte Hyppolyte zu dem kleinen lächelnden Franzosen, der so begeistert ist von einem staatlichen Posten: „Also Herr Boulinier, ob es ihnen gefällt oder nicht gefällt, meine Söhne sind Tuchfabrikanten, wie ich einer bin, wie’s mein Bruder ist, wie es war mein Vater selig und mein Großvater selig und wie es werden sein, so Gott will, meine Enkelkinder und die Söhne von meinen Enkelkindern,. . . . Wie ist der Krieg ausgebrochen, haben wir gehabt 143 000 Fr. Herr Boulinier; . , .. davon hätten wir gehabt 8000 Fr. Rente, damit hätten wir können leben in Buschendorf als Könige, wie sie sagen. Aber das ist zu langweilig, zu sein Könige in einem kleinen Dorf. Wir sind nicht dazu da auf der Welt, sondern daß wir nicht lassen zugrunde gehen die Unternehmungen, die unsere Väter uns haben übergeben, damit wir haben einen Lebenszweck . . . Mein Enkel .. . . wird unsere Aufgabe weiterführen und wird sich darunter beugen, wie wir es tun!“ Sich beugen unter die Forderungen der Fabrik, sich beugen unter das ungeschriebene Gesetz der Familie, das ist die Grundmelodie des ganzen Buches. Joseph Simler, der jüngste Sohn, voll Körperkraft und Lebenswillen, blickt hinaus über die Mauer, die die Familie errichtet.. Er sieht das leichtere, schönere Leben da draußen, Fräulein Le Pleyniers Schönheit und Anmut wirkt auf ihn — eine kurze Zeit träumt er von Liebe und Eheglück, von einem Heim im Waldpark — ein einziges Zusammentreffen seiner Mutter und seiner innerlich Erwählten — kein böses Wort fällt und schon ist alles entschieden. Er weiß, es gibt nur ein Entweder— Oder; und „was immer geschehen mag* was immer in dir vor geht Joseph, eines ist ausgeschlossen, daß du an die Familie rührst oder an die Fabrik“, so spricht die ganze Familie durch den Mund des älteren Bruders. Joseph beugt sich dem „3000jährigen Gesetz“. Es ist dabei keine Sentimentalität, ja sogar auffallend wenig Liebe und Zärtlichkeit aller gegen alle in diesem Buche. Es ist ein Zusammengeschmiedetsein durch Blut und Pflicht — schwer und hart, ohne Aussicht auf Lösung. Doch vielleicht! Auf der letzten Seite ist’s der Sohn von Joseph Simler, der mit dem amerikanischen Vetter von seiner Mission spricht, die los will von der Arbeitsraserei: wo soll seine Aufgabe liegen: Auf der Seite der Gerechtigkeit! Er denkt dabei an die Fragen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer — er denkt an das Los der eigenen Arbeiter, und er weiß, er hat da zu stehen, „wo das Leid ist“ — dieser weitere Kreis wird die engen Bande der Familie sprengen. Neue historische Novellen jüdischer Dichter Arnold Zweig, Der Spiegel des großen Kaisers, Gustav Kiepenheuer Verlag, Potsdam 1926. Walt!h er Eidlitz, Die Gewaltigen, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1926- Es scheint an der Zerrissenheit unserer Zeit zu liegen, daß der stoffliche Gehalt einer großen Zahl neuer Dichtungen nicht der Gegenwart entnommen ist,. Wir leben, auch in geistiger Hinsicht, in einer Epoche des Übergangs. Vielleicht ist dies der Grund, daß wir in jüngster Zeit von historischen Werken geradezu überschüttet wurden. Um nur Beispiele unter den jüdischen Dichtern zu nennen: Brod schrieb „Reubeni, Fürst der Juden“, Werfel sein Drama „Paulus unter den Juden“, Lion Feuchtwanger die Historie „Jud Süß“ und Wassermann soeben eine geschichtliche Erzählung „Der Aufruhr um den Junker Ernst“, Alfred Neumann, der Kleistpreisträger, schuf den großen histor. Roman „Der Teufel“. Walther Eidlitz, bekannt durch ein Mosesdrama und den Roman „Die Laufbahn der