Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1926-02-04 · 5 (4.2.1926) · p. Seite 74

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
14 (1927)
Issue
5 (4.2.1926)
Date
1926-02-04
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103079-9156792--07639-9080375
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

74 Das Jüdische Echo / Literarische Beilage Nr. 5 mehr zusammen. Sicher, nur auf diese Weise die Menge zum Hören zu zwingem, begann' Primo zu sprechen: „Woher kommt ihr Brüder?“, schallte seine scharfe Stimme: „Aus Aleppo!“ „Aus Hamburg!“ „Aus Krakau!“ Von allen Seiten drang es herauf: „Aus Jerusalem!“ „Aus Livorno!“ „Aus Saloniki!“ „Aus Konstantinopel!“ „Aus Lemberg!“ „Aus Ispahan!“ „Aus Amsterdam!“ „Aus Rom!“ „Aus Alexandrien!“ „Aus Padua!“ „Aus Montpellier!“ „Aus Venedig!“ „Aus Warschau!“ „Aus Adrianopel!“ „Aus dem Yemen!“ Jede neue Stimme, die den Widerhall eines fernen Stückes Erde zu Primo trug, und die überallhin verstreuten Glieder des Volkes zu einer Kette verband, rief in der Menge brausende Begeisterung und Jubel hervor. Selbst Primos strenges Gesicht heiterte sich auf. „Brüder“, rief er, indem er „sich bemühte, sich der Menge gut verständlich zu machen, die unaufhörlich wuchs — sogar die Bäume und die benachbarten Dächer waren bereits von Menschen besetzt. „Brüder, die ihr aus allen Ländern der Zerstreuung gekommen seid, vernehmet,“ Er hielt über seinem Kopf das Pergamentblatt und schwang es zum Zeichen, daß er etwas verlesen wollte. Und wieder brauste die Meeresbrandung: „Vernehmet die Worte des Messias!“ Primo begann zu lesen, laut, deutlich, jede Silbe betont, jedesmal, wenn er einige Worte gesprochen, die Augen erhebend und um sich schauend. Feierlich und sieghaft klang seine Rede. „Sabbatai Zewi, der Messias und Erlöser des Volkes, entbietet allen Söhnen Israels Frieden und Gruß,“ Wie gigantische Steine, die von Bergeshöhe in einen wasserreichen See geschleudert werden, fielen Primos Worte und: ließen die Leidenschaft immer wieder emporschLßea: „Messias! Messias, Messias!“ hallte es aus der besinnungslosen Menge wieder. Primo fuhr fort. Von der Begeisterung der Menge getragen, las er seine Worte nicht mehr, sondern sang sie und unterstrich, selbstvergessen, mit Bewegungen seines Körpers ihren ungleichmäßigen, krampfhaften Rhythmus. „Nachdem ihr für würdig befunden worden seid, den großen Tag und die Erfüllung von Gottes Wort, das er durch seine Propheten verkündet, zu schauen, soll sich euer Flehen und Stöhnen in MODELLHAUS SOPHIE OELDENBERQER HAUS FÜR FEINSTE DAMENMODEN MÜNCHEN THEATINERSTRASSE 40 TELEPHON 27168 Freude verwandeln, zu Feiertagen sollen eure Fasttage werden, denn ihr werdet nicht mehr weinen, so spricht der Messias Sabbatai Zewi. Freuet euch, freuet euch! Der Tag des neunten Ab, den ihr bisher in Tränen und Trauer verbrachtet, wandelt ihn jetzt zu einem Tage des jubels und der Lieder, denn ich bin erschienen. Jubelt, jubelt, allesamt, jubelt.“ Er rollte das Pergamentblatt zusammen. Die ergriffene Menge schwieg eine Zeitlang erstarrt, dann aber entlud es sich: „Messias, Messias!...“ „Messias, Messias, Messias!...“ rausende von Händen erhoben sich flehend: „Wir wollen den Messias sehen!“ „Wollen den Messias sehen!“ „Den Messias sehen!“ „Den Messias!“ In diesem Augenblick wandte sich Primo um und trat schnell beiseite, auch der dichtgedrängte Haufen seiner Begleiter teilte sich eilig und machte den Gang in der Mitte frei. Vom Platze aus sah man atemlos die entstandene Bewegung. Das Vorgefühl, daß sogleich die größte Verheißung in Erfüllung gehen, daß der allerheiligste Gesalbte Gottes vor ihnen in Gestalt erscheinen werde, er, dessen Atem allein Welten zerstört und neu schafft, flößte Entsetzen ein. Mitten in der unheimlichen Stille stieß der eine oder andere einen markerschütternden Schrei aus, der wieder schnell unterdrückt wurde. Alle Augen waren auf einen Punkt gerichtet, auf das flache Dach des niedrigen Hauses — Mittelpunkt der Erde und des Himmels. Dort wird im nächsten Augenblick das Wesen stehen, in dem des Sinai Feuer flammen und Donner grollen, in dem Edens Ströme fließen, in dem alle Weisheit, alle Gnade, alle Güte und Barmherzigkeit verschlossen sind. Und dieses Wesen ist ein Mensch, Fleisch von ihrem Fleische, ihr leiblicher Bruder und doch auch ihr Erlöser! Mit Menschenstimme, in der Sprache der Juden wird er die weihevollsten Worte sprechen, die noch je in der Welt erklungen sind, die von Gott Zebaoth noch vor der Weltschöpfung erschaffen wurden, im Sturm des Chaos, der über die Erde brauste. Da!... Dort oben, wohin ihre Augen gierig gerichtet waren, gewahrten sie plötzlich eine Pfauenfeder, mehrere, einen ganzen Fächer von Pfauenfedern. Hinter dem Fächer tauchte die Gestalt eines Mannes auf in schwarzem, seidenem Mantel und mit einem schwarzen Hut, um den ein grauer Schleier gewickelt war. Ihm folgte eine gleichfalls ganz schwarz gekleidete Frau und dann ein kleiner, runder Mann. Der Mann im schwarzen Mantel, der den Fächer in seiner Hand wie eine Fahne trug, ging langsamen Schrittes zum Rande des Daches. Hinter ihm wie ein Schatten die Frau. Der kleine Mann stellte sich neben Primo. Am Rande des Daches angelangt, schaute der Mann mit dem Fächer über den Platz, wandte sich zu der Frau um, die er bei der Hand nahm, und rechts von sich Platz nehmen ließ. Er lächelte und richtete seine Augen auf das Volk unten. Die Augen dieses Mannes glühten wie rötlich schimmernde Smaragde. Friede, Stille und Freude wehten von seiner Gestalt. Und gleichsam wie ein Bild aus dem Paradies schaukelten in seiner Hand die zarten Pfauenfedern. Es war ein Augenblick von solcher Stille, daß die ganze Schöpfung erstorben zu sein, die himm-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.