Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1926)
- Date
- 1926-02-04
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Literarische Beilage Der neunte Ab (Aus dem Roman Sabbatai Zewi von S. Poljakoff) Mit freundlicher Genehmigung des Heine- Bundes drucken wir die nachfolgenden Seiten des als seine erste Publikation erschienenen Romans. Eine Besprechung behält sich die Schriftleitung noch vor.. Es war die Nacht vor dem neunten Ab, und der Morgen nahte. Die Stadt schlief noch, aber das Lager auf dem Platze schlief nicht mehr. Langsam erhellte sich Sabbatais weißes Haus; in den Gipfeln der Platanen spielte schon rosiges Beben der aufgehenden Sonne. Mit offenen Augen lagen Tausende von Juden auf der Erde und schauten fromm ergeben auf das Haus Sabbatais. Das heiligste Fleckchen der Erde war dieses Hans für sie, heiliger als der Tempel Salomos. Die einen lagen, das Gesicht zur Erde, die andern saßen in Gruppen und unterhielten sich gläubig von den wunderbaren Vorkommnissen dieser Zeiten. „In den Gewässern Schottlands“, flüsterte in einer Gruppe polnischer Juden ein Alter aus Hamburg, „haben Seeleute ein Schiff mit Segeln und Takelwerk aus Seide gesehen. Jawohl! Die Mannschaft sprach in der heiligen Sprache, Jawohl, jawohl! Auf dem Schiff wehte eine blaue, seidene Fahne mit dem Schilde Davids und der Inschrift: ,Die zehn Stämme Israels4. Und überall, wo das Schiff erschien, flackerten über ihm sieben Sterne auf, Tag und Nacht, sieben Sterne.“ Ein brauner Landwirt aus Ispahan erzählte einem Juden aus Livorno: „In der Stadt des Schahs lebte ein alter, jüdischer Schneider. Eines Tages, mitten in der Arbeit — er nähte gerade an einem Rock für den Großwesir — begann er plötzlich zu weinen und fiel hin. Er lag ohne Bewußtsein wie eine Leiche. Erst am siebenten J age kam er zu sich und sang mit einer fremden Stimme von der Macht Sabbatai Zewis auf Erden und im Himmel, Er starb und wurde begraben. Nach sieben Tagen wuchs aus seinem Grabe ein riesiger Baum, wie er sonst in siebenzig Jahren nicht so groß wird. Der Baum warf einen mächtigen Schatten und dieser Schatten sah aus wie ein riesiger Hirsch, ganz genau wie ein Hirsch,“ „Was soll dein Hirsch beweisen?“ ,.Du bist wohl unter Stummen aufgewachsen, daß du noch nie hast erzählen hören, daß Hirsch auf hebräisch Zewi heißt, und Zewi ist der Name unseres Messias,“ Tausend Geräusche belebten jetzt das Lager. Stumm aber lag das Haus Sabbatais. Ein junger Mann aus Aleppo klagte in glückseliger Erwartung: „Wieviel Jahrhunderte haben wir schon auf den Messias gewartet, und keiner von uns hat noch je Ungeduld verspürt. Solange ich nicht wußte, daß ich seine Ankunft erleben werde, war ich ruhig. Jetzt aber, da ich weiß, daß er gekommen ist, daß er hier ist, hinter den Mauern dieses Hauses, da ich weiß, daß ich diese wunderbare Zeit erlebt habe, könnte ich wohl noch ruhiger sein. Meinetwegen noch einen Tag warten... aber nein! Jetzt ist meine Seele so unruhig, als ob sie tropfenweise aus meinem Körper sickerte.“ „Rede nicht, schweige“, bat flehentlich ein Mann aus Adrianopel, „schweige, ich kann nicht mehr.“ Ein Amsterdamer rief dazwischen: „Heute werden wir Ihn schauen! Heute ist der neunte Ab, der Tag der Zerstörung des Tempels und der Tag der Geburt unseres Messias, Im Talmud steht es doch geschrieben, daß der Messias am Tage der Zerstörung des Tempels geboren werde; an Stelle des vergänglichen Tempels der ewige Tempel.“ Unter einer Platane schlummerte ein türkischer Derwisch. Plötzlich wachte er auf, rieb sich die Augen, drehte sich einigemal um sich selbst und begann dann einen einförmigen Gesang: „Allah, il Allah!... Ibn Daud, ibn Daud!“ „Er besingt die Herrlichkeit unseres Messias, des Sohnes Davids“, erläuterte ein türkischer Jude. „Meine Seele vergeht, meine Seele vergeht“, stöhnte der junge Mann aus Aleppo. Auf dem Dache von Sabbatais Haus erschien Primo. Er überschaute das Lager. Der Anblick des Mannes aus dem Gefolge des Messias brachte neues Leben in das Lager der Pilger. Die auf der Erde lagen, setzten sich, die, welche saßen, standen auf. Die Bewegung der Tausende von Körpern glich dem Geräusch des Wassers, das langsam vom Mühlrad abfließt, Stimmengemurmel schwoll jäh an und verebbte wieder. Von oben konnte Primo sehen, wie von allen Seiten immer wieder Ströme von Menschen durch die krummen Gassen sich heranwälzten; es waren die Pilger, die die Nacht anderswo verbracht hatten, in Bazaren oder am Strand. Primo schaute noch einmal rundum, blickte dann zur Sonne auf, die sich bereits über den ferneren Häusern erhob, und verschwand auf der Treppe, die vom Dache abwärts führte. Der Lärm auf dem Platze nahm zu, Das ganze Lager war auf den Beinen, Die Menge wuchs. Die Pilger fragten sich gegenseitig, wer der Mann auf dem Dache gewesen wäre. Tausendfach wiederholt, dröhnte diese Frage von einem Ende des Platzes zum anderen, wie das Schlagen einer riesigen Trommel. Die Sonne stieg noch höher und beschien einen Teil des Platzes. Die Augen der Menge waren auf einen Punkt gerichtet, auf das Dach, wo sich der Mann aus dem Gefolge des Messias gezeigt hatte. Ob er nicht wieder kommen würde? Es verging einige Zeit, Man sah einige Muselmänner in Turbanen mit lässiger Neugier die fremdländische Menge betrachten, die mit ihren bunten Gewändern wie ein lebender Teppich aussah. Der Derwisch ging durch die Menge und sang sein einförmiges: „Ibn Daud, Allah, il Allah!“ Wiederum erschien auf dem Dache des Hauses ein Mann, dann ein zweiter, ein dritter und noch mehrere. Derselbe, den man schon kannte, tat einige Schritte bis an den Rand. Er hielt in Händen ein Pergamentblatt. Er winkte mit der Hand, Aus der Menge kamen Rufe. „Ruhe, Ruhe!“ Sie übertönten Primos Stimme. Er winkte wieder. Aber die Rufe der Menge ballten sich noch