Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 5 (4.2.1926)
- Date
- 1926-02-04
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Das Jüdische Echo Nr. 5 andauernd die Ziele des Zionismus darzulegen und zu rechtfertigen — und da glaubt man wirklich, die Zionisten seien imstande, gebildete Menschen, sogar Politiker über ihre Absichten irrezuführen, was sie doch auch nur in der Einbildung der liberalen Vereinigung wollen. Diese glaubt wahrscheinlich bei solchen Menschen dieselbe Unwissenheit in jüdischen Fragen voraussetzen zu dürfen, die ihre Angehörigen auszeichnet. Das ist ja der entscheidende Unterschied zwischen Nichtzionisten und Zionisten: diese kann man nach ihren Taten und den vor aller Augen liegenden Leistungen, jene meist nur nach Deklaration und Gesinnungen beurteilen. Ganz deutlich geht dies aus dem bruchstückweise in dem erwähnten Artikel veröffentlichten Antwortschreiben hervor, das der Staatssekretär in der Reichskanzlei, Herr Dr. Pünder, an die Vereinigung für das liberale Judentum gerichtet hat. Herr Dr. Pünder hat nunmehr die „Jüdische Rundschau“ ermächtigt, den vollen Wortlaut seines Schreibens zu publizieren. Der Brief lautet: Der Staatssekretär in der Reichskanzlei.. Berlin, den 30. Dezember 1926. Sehr geehrter Herr! Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre gefällige Zuschrift vom 24. d. M. Ich habe von den Ausführungen Ihres geschätzten Schreibens sowie von dem beigefügten Leitartikel der „Jüdisch- Liberalen Zeitung“ mit ganz besonderem Interesse Kenntnis genommen. Es war der Reichsregierung natürlich bekannt, daß nicht alle jüdischen Kreise hinter den Bestrebungen des „Pro Palästina“-Comites stünden. Wenn sie trotzdem durch einige Vertreter ihre Sympathie für die Bestrebungen des „Pro Pailästina“-Comites ausgesprochen hat, so glaubte sie hierzu durchaus berechtigt zu sein.. Ich persönlich weiß mich völlig frei von den Gedankengängen des Antisemitismus und kann daher für mich erklären, daß ich den meines Erachtens sehr idealen und politisch einwandfreien Bestrebungen auf Schaffung einer Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina keineswegs deshalb diene, um das Judentum aus dem deutschen Volkskörper auszumerzen. Im Gegenteil unterstütze ich mit ebenso fester Überzeugung alle Bestrebungen, die darauf hingehen, dem Judentum in Deutschland zu voller Gleichberechtigung zu verhelfen. Ich sehe auch nicht, inwiefern die Schaffung von Heimstätten für das jüdische Volk in Palästina eine gegen das Deutschtum gerichtete Angelegenheit sein soll. Mir will scheinen, daß z. B, die Deutsch-Amerikaner in den Vereinigten Staaten, wenn gleich sie über Generationen hinweg die Liebe zu ihrer alten deutschen Heimat im Herzen tragen, durchaus geachtete nordamerikanische Staatsbürger sind und wohl nur ungern von ihren übrigen amerikanischen Landsleuten entbehrt werden würden. Ich möchte gerade umgekehrt, wie in dem von Ihnen liebenswürdigerweise beigefügten Zeitungsartikel erwähnt ist, der Meinung sein, daß durch die Siedlungsbestrebungen auf dem alten palästinischen Kulturboden altes Unrecht am jüdischen Volk wieder gutgemacht wird. Nicht zuletzt durch die Drangsalierungen des Judentums im Mittelalter, seine zwangsweise Abwendung vom Lande und die Zusammenpferchung in erbärmlichen Stadtvierteln usw. ist meines Erachtens die gegenwärtige falsche soziale Schichtung des Judentums die es ganz einseitig von der Scholle und dem 'Handwerk weg dem Handel zugeführt hat, zurückzuführen.. Sollten durch die Siedlungsbestrebungen in Palästina im Judentum wieder die Liebe zur eigenen Scholle und Handarbeit eine Pflanzstätte finden, so wäre dies ein Ziel, dem man meines Erachtens rückhaltlose Erfüllung wünschen könnte. Ich sage Ihnen, sehr geehrte Herren, mit diesen meinen Ausführungen wahrscheinlich nichts Neues. Nur lag mir daran, auch Ihnen gegenüber klarzustellen, von welchen Gedankengängen aus jedenfalls ich mich beim Eintritt in das „Pro Palästina“-Comite habe leiten lassen. Es kann natürlich nicht meine Aufgabe sein, mich über die Erfolgsmöglichkeiten dieser idealen Bestrebungen in Prophezeiungen einzulassen. Jedenfalls geht mein Wunsch dahin, daß sie in Erfüllung gehen möchten. Schließlich stelle ich Ihnen gern anheim, von meinen Ausführungen jeden Ihnen erwünschten Gebrauch zu machen. Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung sehr ergebenst gez. Dr. Pünder. Man kann sich lebhaft vorstellen, daß dieser Brief den Liberalen unangenehm ist. Die in ihm niedergelegte Auffassung vom Staatsbürgertum behagt ihnen ganz und gar nicht; während sie in einem Satz den Vergleich der Juden mit den Deutschamerikanern gegen die Zionisten auszuspielen versuchen, stellen sie im nächsten fest, daß sich in dieser Beziehung ihre Anschauung nicht mit der des Herrn Dr. Pründer deckt. Dagegen läßt sich freilich nichts machen; es entbehrt aber nicht einer gewissen Tragik wie die Liberalen in einer alten, von der Entwicklung des staatlichen Lebens, längst überholten Auffassung vom Staatsbürgertum verharren, die noch dazu für die Juden unangenehm ist und wie sie versuchen Staatsmänner über das wahre Wesen des Deutschtums aufzuklären. Jedenfalls kann man sich freuen, daß die neue und bessere Anschauung in Deutschland durchgedrungen ist. Trotzdem die liberale Vereinigung jetzt doch von berufenen Menschen gehört hat. daß ihre Befürchtungen, die zionistische Propaganda könne die bürgerliche Stellung der Juden erschüttern, unangebracht sind, werden im Schlußpassus des erwähnten Artikels all die alten Argumente wieder hervorgeholt. Die liberale Vereinigung wird zweifellos auch ihre „Aufklärungsarbeit“ über das „wahre Wesen“ des Zionismus fortsetzen. Wenn aber der gewünschte Erfolg eintritt, d. h„. wenn einer der „Aufgeklärten“ stutzig wird und meint, daß der Zionismus wirklich gefährlich sein müsse, da ihn ja ein 1 eil der Juden selbst für so gefährlich hielt, dann wird sie gewiß mit aufrichtigem Bedauern versichern: „Ja, haben wirs denn nicht gleich gesagt.“ Was die liberale Vereinigung für ein Ziel mit ihrer Aktion verfolgt, scheint sie selbst nicht zu wissen. Glaubt sie das Deutschtum vor Schaden zu bewahren? Sich selbst oder dem Judentum zu nützen? Will sie nur dem Zionismus Prügel zwischen die Beine werfen? Wie dem auch sei: sie kann wohl das Ansehen des deutschen Judentums schädigen, die zionistische Bewegung aber wird sich dadurch in ihrem Fortschritt nicht behindern lassen. j. E.