Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9072829-9103079-9156781--07622-9080358- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
58 Das Jüdische Echo Nr 4 manns schloß sich die Wiedergabe einiger Erlebnisse Rabbiner Löwenthals. So wurden ihm bei einer Barmizwahfeier seines Schülers im Hause der Eltern am Sonnabend Zigarren angeboten; ein anderer Barmizwahkandidat ließ sich die Gebetriemen beim Schuster schwärzen u, a. Kurz vor dem christlichen Weihnachten pflegte de.r Portier eines Weinlokales am Kurfürstendamm, als Weihnachtsmann angetan, die Kinder in Erstaunen und Furcht zu versetzen. Eines Tages gab ein kleines siebenjähriges Mädchen auf die Frage, ob es denn keine Angst vor ihm habe, zur Antwort: „Ach wo, ich bin doch jüdisch.“ Im Schlußwort sagte Gronemann: Es ist merkwürdig, daß wir uns in allen Situationen doch zuletzt immer als Juden fühlen. Sogar in einer fremden nichtjüdischen Umgebung erkennen sich Juden als solche und treten sich nicht in ihrer offiziellen Stellung, sondern als Glaubensgenossen gegenüber, was Schnitzler zu der etwas groben, aber treffenden Bemerkung veranlaßte, daß, sobald ein Jude erfährt, sein Mitreisender sei auch ein Jude, er bewußt oder unbewußt die Hände in die Hosentaschen steckt und die Beine auf die Polster legt. Natürlich ist es unschön, wenn diese Familiarität zur Ungezogenheit ausartet, Tatsache ist aber, daß wir Juden ein stark ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl besitzen. Daß wir uns und unsere Eigenart trotz aller Hindernisse erhalten haben und uns immer wieder zusammenfinden, das ist ebenfalls eine Kuriosität und vielleicht die größte jüdische Kuriosität überhaupt. R. L. Gemeinden-u. Vereins-Echo Die Geschichte der Juden in Dichtung und Lied Es war ein glücklicher Gedanke der Leitung der gemeindlichen Lehrkurse, durch einen gesanglich-rezitatorischen Vortrag das Interesse an Dichtungen und Melodien aus jüdischer Geschichte und jüdischem Leben neu anzuregen. Die Hauptträger der am 19. d. M. im Herkulessaal stattgefundenen Veranstaltung waren Oberkantor Magnus Davidsohn aus Berlin und der hiesige Jüdische Gesangverein.. Nach einigen einleitenden Worten* 1 über den allgemeinen Charakter und die Stimmung jüdischer Dichtung und Musik trug Davidsolm die Schöpfungshymne für den siebenten Tag (Wajchullu in deutscher Übersetzung) nach alter Weise vor. Schon in diesem kurzen Gesänge offenbarte sich der Vortragende als gut geschulter Sänger, der mit warmströmender, breit ausladender Stimme und mit tiefer Empfindung zu singen versteht, ein Eindruck, der sich mit jeder neuen Gesangsnummer erhöhte. Davidsohn verfügt über eine große, klingende Baßstimme von erstaunlichem Umfange sowohl nach der Tiefe wie nach der Höhe zu, Als Zweites sang er das Gebet Eliesers am Brunnen, eine Komposition unseres ernststrebenden und feinsinnigen Münchener Komponisten Heinrich Scha- 1 i t, von diesem am Flügel begleitet. Es folgte Bileam, eine Art melodramatischer Dichtung, zu der der junge Berliner Komponist Otto L e v y die Musik geschrieben. Davidsohn entpuppte sich hierbei als vorzüglicher Rezitator, wobei ihm sein sonores, volles und nuancenreiches Sprechorgan zustatten kam. Anschließend an „Bileam“ wurde vom Jüdischen Gesangverein unter der Leitung seines Dirigenten Josef Ziegler das wunderschöne M a t o w u von Löwenstamm gesungen. Bei den folgenden zwei Bravourstücken: Saul bei der Hexe von Endor von Eduard B e h m und Arie aus Judas M a c c a b ä u s von G„ F. Händ e 1 entwickelte der Sänger eine Stimmentfaltung, die geradezu grandios zu nennen ist. Der zweite. Teil des Programms brachte zunächst die Dichtung Heines „J ehuda H a - levy“. Die im gesanglichen Teil verwendeten Sabbatmotive kamen mir zwar an dieser Stelle etwas unnatürlich und gezwungen vor. Das Hagada-Lied „Ein Z i g e 1 e“ von A1 m o n darf als ein Prachtstück köstlicher, echt jüdischer Musik bezeichnet werden. Der jüdische Gesangverein brachte es sehr korrekt und eindrucksvoll zu Gehör. Von den melodramatischen Vorträgen war das schon durch seinen ergreifenden1 Inhalt wirkende Rabbi Amnon, Worte von Adolf Donath, Musik von Otto L e v y , entschieden das Wertvollste. Die Motive des Un’ßanneh tokef waren dem Text angemessen, und das Lewandowskische B’r osch-ha schon oh schloß sich folgerichtig und stimmungsvertiefend an, Nr. 9 war aus den Seelenliedern Scha- 1 i t s genommen und den Schluß des Programms bildete der schwungvolle, begeisternde Chor Adaun aulom unseres Altmeisters E m a - nuel Kirschner. Die Begleitung lag in den Händen des Vorstands des Gesangvereins Dr. B e 11 s a c k. Es ist bedauerlich, daß der treffliche Sänger und Rezitator Davidsohn die Wirkung seiner Vorträge durch die etwas schönrednerische, manchmal recht überflüssige Redseligkeit seiner erläuternden Erklärungen über einzelne Komponisten und Piecen beeinträchtigte- Geradezu peinlich mutete den Fachmann die Charakterisierung Sulzers und Lewandowskis an, die jedes wissenschaftliche Urteil vermissen ließ. Der tiefe Eindruck der gesanglich und künstlerisch hervorragenden Leistungen Davidsohns bleibt indessen bestehen. Sie sind es, die den Abend zu einem genußreichen gemacht haben, der eine größere Beteiligung seitens der Münchener Gemeinde verdient hätte. A. Müller. Jüdischer Kulturverein .1. L. Perez, München. Nächsten Samstag, den 29. Januar 1927, liest Chawer M.. Bronstein aus Werken von Perez und Scholem Alejchem. Gäste sind herzlich willkommen. Eventl. Diskussion. Vereinszimmer: Herzog- Max-Straße 5/1, Rgbd. Beginn: 8,15 Uhr abends. Die Vorstandschaft. (Gemeinde- und Vereins-Echo, Fortsetzung S. 61) ein# ,S5ofkür|cfme:e £&eg»r.!5Z4 ^.efiScrt^ffraße 14/15 /TVeiöTOexte ($)eiec]en fteif sftäufe xn^el^kvägen rmS "^Ruffert, ^ac&ert nrtS^tänfcln: