Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 14 (1927)
- Issue
- 4 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Das Jüdische Echo S7 HU I!. ,, llll 1 llll Feuilleton llll Hl | lllllllll lllllllll 11. llll iii in. „Jüdische Über dieses Thema sprach vor einigen Tagen Sammy Gronemann in Berlin. Nachstehend eine Wiedergabe des Referates und der sich daran schließenden Diskussion, Unter „jüdischen Kuriosa“ führte Sammy Gronemann aus, hat man nicht Kuriositäten irgendwelcher Art, die über Juden berichtet werden, zu verstehen, sondern komische Vorkommnisse, die für Juden und jüdische Verhältnisse typisch sind. Gewöhnlich sind die sogenannten „jüdischen Witze“ daher auch nicht eigentlich jüdisch. Die darin erzählten Begebenheiten könnten überall und bei jedem Vorkommen und nur um die Pointe zu steigern, werden sie mit jüdischen Namen ausgestattet. Aus demselben Grunde gehören auch Kuriositäten nicht hierher, deren Träger zufällig Juden sind. Die meisten der so gekennzeichneten jüdischen Kuriosa sind auf unsere eigenartige Lage innerhalb der Gesellschaft zurückzuführen. Wir leben inmitten eines Volkes, das unsere Sitten und Gebräuche nicht kennt und versteht, wodurch oft komische Situationen entstehen.. So soll einmal eine kleine jüdische Gemeinde keinen Gottesdienst haben abhalten können, weil sie nur neun männliche Beter auftreiben konnte. Das von ihr an eine benachbarte Gemeinde aufgegebene Telegramm kam durch die Tücke des Schicksals in der Form von Postbeamten, die den Wortlaut nicht verstehen konnten und ihn „verbesserten“, in folgender Verstümmelung an: „Sendet einen Mann, sind in großer Besorgnis wegen Minchen.“ Die höchst erstaunten Gemeindevorsteher erfuhren erst viel später, daß die benachbarte Gemeinde nicht in Besorgnis wegen „Fräulein Minchen“, sondern wegen Zustandebringen eines Minjan war. — Merkwürdig genug mutet auch die Bitte des kleinen Heinz um einen Chanukkahleuchter unter dem Weihnachtsbaum an, beleuchtet aber ebenso treffend unsere heutige eigenartige Lage, in der die junge Generation oft den Eltern den Weg zurück zum Judentum weist. — In Wien wird noch heute alljährlich der Seitenstädter Tempel von einem katholischen Mönch besucht, um so den letzten Willen eines reichen Juden zu erfüllen, der dem Kloster sein Vermögen unter der Bedingung vermachte, daß für ihn jährlich von einem der Mönche in dem erwähnten Tempel Kaddisch gesagt werde. Nicht weniger lächerlich ist die Tatsache, daß in den Redaktionen der antisemitischsten Zeitungen Juden die Leitung haben oder daß in einem Verein von Radau machenden Hakenkreuzlern der säbelrasselnde Leib- und Magenhymnus von einem Isaak Berkowitz verfaßt ist. Ein besonderes Kapitel in der Sammlung jüdischer Kuriosa sind Juden vor Gericht, das umso komischer ist, je internere Dinge aufgerollt werden müssen. So hatte der Vortragende selbst einmal eine Anklage gegen einen Gänselieferanten zu führen, der angeklagt war, auf dem Transport die Gänse „auwer“ gemacht zu haben. Ein anderer Prozeß drehte sich um einen Lulaw- Transport. Als der verteidigende Rechtsanwalt es dabei für nötig hielt, zu betonen, daß er „davon“ garnichts verstehe, erklärte der Richter, daß er dafür umsomehr verstehe. Große Heiterkeit rief auch eine Verhandlung hervor, in der ein Kuriosa66 Schofarbläser angeklagt war, am Jom Kippur gegessen und somit die Versöhnung der Gemeinde mit Gott gestört zu haben. Der Prozeß endete damit, daß die Sünde, mit Rücksicht darauf, daß sie fast am Feiertagsausgang geschehen war, nur mit drei Mark in Anrechnung gebracht und diese Summe vom Lohne abgezogen wurde. Merkwürdig ist es auch, wenn jüdische' Sitten auf Christen oder christliche Sitten auf Juden ein wirken! Auf einem Gut in der bayerischen Pfalz sind vier Palästinapioniere untergebracht, um dort die Landwirtschaft zu erlernen. In große Verwunderung wurden eines Abends dort die Bauern versetzt, als sie ihre Söhne zusammen mit den jüdischen Jungen auf den Feldern hebräische Lieder singen hörten und den Palästina- Tanz, die „Horrah“ tanzen sahen. Unwillkürlich ruft einem dieses Geschichtchen folgendes in die Erinnerung zurück: Als ein jüdischer Gelehrter erfuhr, daß die Fauna des Mittelmeeres an der Küste Palästinas eine andere sei als die übrige, rief er aus: „Auch die Fische mauscheln?!“ In Preußen soll es eine jüdische Gemeinde geben, die ihre Mitglieder durch Glockengeläute zum Gottesdienst ruft. Ein gelindes Lächeln muß folgender Vorgang bei einer jüdischen Hochzeit verursacht haben. Als der gefüllte Kelch vom Bräutigam zur Braut wandert, errötet sie holdselig, dann aber, sich eines besseren besinnend, schlägt sie den Schleier zurück, packt den Becher und ruft, einen tüchtigen Schluck tuend: „Auf ihrem Wöhle, meine Herren.“ Wie erstaunt ist man oft auch, wenn man hört, daß ein Jude, der sonst vom Judentum „nichts mehr hält“, gerade ein Gebot peinlichst genau beobachtet, oft ein recht nebensächliches. In der Berliner Jüdischen Gemeinde soll einmal ein getaufter Jude angerufen und sich erkundigt haben, wann die Sphirozeit zu Ende sei, er wolle nämlich bald heiraten, aber das Gebot, das in der Zeit zwischen Pessach und Schewuoth zu heiraten verbiete, nicht übertreten. Ein anderer getaufter Jude hatte die eigenartige Angewohnheit, für alle seine verstorbenen Anverwandten Kaddisch zu sagen. Da seine Familie recht weit verzweigt war und er den Stammbaum bis ziemlich weit zurück verfolgte, wird ihn dieser selbst gewählte Nebenberuf sicher viel in Anspruch genommen haben. Ein reicher Jude hatte am Portal seines Gartens das Schild anbringen lassen: „Hunden und Juden ist der Eintritt verboten.“ Wie beschämend, wenn man erfährt, daß der Gartenbesitzer, selbst ein Jude, erst durch das Versprechen des Magistrats, ihn auszuzeichnen, sich dazu veranlaßt sah, das Schild zu beseitigen.. Nicht gerade von Heldenmut zeugt auch folgende wahre Begebenheit: Als bei einer Eisenbahnfahrt die Rede zufällig auf Kaiserattentate kam, sagte Frau Prof. Mühsam, die gerade anwesend war, sie als Jüdin könne nicht anders, als so und so darüber denken. Nach langer, schwerer Verteidigung ihrer allein dastehenden Meinung gegen ihre Mitreisenden, sprach ihr christlicher Hauptgegner ihr sein Lob für ihren Mut aus. Da ertönte plötzlich aus dem Hintergrund die Stimme eines bisher gänzlich Unbeachteten: „Ich bin auch a Jud.“ — An diese Kuriositätensammlung Dr. Grone-