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Das jüdische Echo · 1926-10-08 · 41 (8.10.1926) · p. Seite 653

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
13 (1926)
Issue
41 (8.10.1926)
Date
1926-10-08
Page
Seite 653 (sequence 9)
Language
German
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III1L1J.I. .LÜL., II 1 Feuilleton III11III11 11 II11 1 111 II ll| Chabor, Chaibar Von Max Brod Daß die Intuition des Dichters zuweilen der historischen Wahrheit näherkommt als der Spürsinn der Historiker, daß seine Augen oft klarer und weiter schauen, als die Brille des Gelehrten, das beweist von neuem der überaus interessante Fall „Reuben i“. Max Brods farbenprächtiger Renaissanceroman, der die Gestalt Reubenis, des „Fürsten der Juden“, aus der verschleierten Legende in helle, dichterische Wirklichkeit versetzt, hat eine seltsame Bestätigung erfahren. In Zentralarabien nämlich ist ein unabhängig lebender Beduinenstamm Chaibar festgestellt worden, der 60 000 Angehörige zählt und der, bei all seiner kriegerischen Natur, die jüdischen Ritualgebote streng einhält und auch sonst jüdischen Gebräuchen huldigt, — also tatsächlich ein Stamm unabhängiger, kriegerischer Juden. Von ihm ward Reubeni, sein Stammesheld, ausgesandt, um für die Sache der Juden zu werben; von ihm kommt uns heute diese Kunde. Sie wird uns vielerlei zu denken geben und Brods tragische Romanfigur in neuem Licht erscheinen lassen: lebendiger und glaubhafter noch, und ganz gewiß nicht minder liebenswert. Red. Aus Jerusalem kam in diesen Tagen seltsame Kunde. Der Sekretär des Wahabitenkönigs Ibn Saud, des Eroberers von Mekka, hielt einen Vortrag, in dem er über einen in Zentralarabien lebenden unabhängigen jüdischen Beduinenstamm, den Stamm Haibar, Verbündeten der Wahabi- Araber, berichtete. Dieser Stamm, 60000 Angehörige zählend, ist kriegerisch und hält die jüdischen Ritualgebote ein, — also ein Stamm unabhängiger kriegerischer Juden. Von einem solchen Stamme behauptete Reubeni, 1523 nach Europa entsandt zu sein, um die Juden zu befreien. — Graetz erklärt die ganze Sache für Schwindel, das Königreich Chabor oder Chaibar (auch die Lesart Thabor findet sich) für erdichtet. Nun stimmt sogar der Name. Und mein Reubeni erscheint rehabilitiert. Nein, er war gewiß kein Schwindler. Liest man sein Tagebuch, das Im Breslauer Frankeischen Institut in einer Abschrift vorliegt und mehrfach gedruckt wurde (das Original ist auf rätselhafte Art aus der Oxforder Bodlejana verschwunden, wo es noch 1867 katalogisiert und kopiert wurde) —, liest man dieses Tagebuch, so hat man durchaus den Eindruck eines naiven, schlichten Menschen, der nichts als Erstaunen darüber empfindet, daß die Juden Europas seinem Befreiungsrufe nicht folgen. Sehr charakteristisch ist etwa die folgende Stelle: „Am Sonntag brachen wir auf, zogen nach Siena und traten in das Haus eines vornehmen Mannes. Isrnael Marieto, sein Hort und Erlöser beschütze ihn. Aber er war nicht daheim, sondern in der Stadt;^a[s er später ankam, ließ er uns in ein großes Zimmer seines Hauses eintreten und stellte vier Zimmer und Lager zur Verfügung. Er hatte ein großes Haus; denn er war sehr reich. Und ich fragte ihn: ,Was ziehst du vor? Jerusalem, oder wolltest du ewig hier bleiben?4 Da antwortete er mir: ,Ich habe kein Verlangen nach Jerusalem und will nur hier in Siena bleiben.4 Das setzte mich in große Verwunderung, daß er den großen Reichtum, den Gott ihm verliehen hatte, nicht zu einer verdienstvollen Tat, für den Dienst Gottes verwenden wollte, sondern unersättlich in seiner Geldgier war. Wahrlich, der Habgierige wird seines Geldes nicht satt.“ Und so könnte man noch vieles aus diesem ergreifenden Tagebuche anführen, was unsern Reubeni immer wieder in der Rolle des unerfahrenen, ungebrochenen Volljuden gegenüber den hochkultivierten, aber in ihrem nationalen Instinkt schon geschwächten Juden Europas zeigt. Ich gestehe, daß mich die Schimpfereien Graetzens doch etwas angesteckt haben. Zwar sah ich sofort, sogar durch die Graetzsche Einstellung hindurch, die heroische und tragische Größe dieses Mannes. Aber die Suggestion, daß er lüge, war schon zu tief in mich eingefressen und so machte ich ihn zu einem Halblügner. Er war nach meiner Konzeption zwar in Chabor, aber die Gesandtenrol'le hat er erfunden. Nach Graetz war er nie in Chabor (Chaibar), weil es einen solchen unabhängigen, jüdischen Staat angeblich damals gar nicht mehr gab. Nur aus Mohammeds Zeit, also von viel früher her, seien noch unabhängige jüdische Stämme in Arabien historisch verbürgt. — Und nun zeigt sich gar, daß ein solcher .Name noch heute existiert! Armer Reubeni, wie Unrecht habe sogar ich, dein ehrlicher Bewunderer, dir immer noch getan. Es ist ja vermutlich alles durchaus richtig und wahr, was du in deinem „Neßioth“, dem Reisetagebuche, berichtest. Und nun sollte und müßte man, dem alten Zweifler Graetz und mir zum Trotz, dein Tagebuch in aller Schlichtheit als hebräisches Volksbuch in einer guten kritischen Ausgabe und auch in deutscher Übersetzung edieren und die Worte Seurnes an den Anfang stellen: „Wir Wilden sind doch bessere Menschen.“ Ja, als ein rechter Kanadier, der Europens übertünchte Höflichkeit nicht kannte, reiste dieser rührend kindliche und tapfere Prinz bei den Juden des Westens umher und suchte in ihren erstorbenen Seelen die letzten Funken des Judentums neu zu entfachen. Darüber ist er zugrundegegangen. Das jüdische Volk aber hat bis heute seinen Helden nur dadurch geehrt, daß es ihn durch seine Geschichtsschreiber entweder zur Legende verblassen oder gar verleumden und als Gauner und Hochstapler hinstellen ließ. — Wenn mein Roman den Anfang einer gerechteren Würdigung dieser wirklich ergreifenden Figur, einer der liebenswertesten unserer Geschichte, bedeutet (wohlgemerkt: den Anfang nur, die erste Anregung), — dann will ich mit meiner Arbeit sehr zufrieden sein. In seiner Dissertation über Reubeni, die leider nur eine Teilübersetzung des „Tagebuches“ enthält, geht Ed. Biberfeld auch auf den Namen Chabor ein, der heute in der Vokalisierung „Chaibar“ eine seltsame und unerwartete Auferstehung feiert. Im zweiten Buch der Könige (so zitiert Biberfeld) wird von den zehn Stämmen berichtet, die nach der Zerstörung des Nordreichs Israel von Salmanassar in die assyrische Gefangenschaft weggeführt wurden, und zwar „nach Chelach, Hora und an den Habor“. Die Namen deuten auf das Hoch-

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